Gier

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 432, Originalsprache

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Carsten Kuhr
Mit dem Finger am Puls der Zeit

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Jun 2008

Zwei Monate Urlaub wurden Kriminalkommissar Kalkbrenner nach der Lösung der Morde aus dem Obdachlosenmilieu genehmigt. Und nie hat der eigenwillige Mittfünfziger mehr Abstand und Ruhe gebraucht. Seine Ehe ist gescheitert, Freunde hat er keine mehr, die Flasche und damit das Vergessen erscheint nur allzu verlockend. Sechs Wochen an der abgeschiedenen Ostseeküste bringen sein Gemüt wieder ins Lot. Mit seiner Tochter hat er sich versöhnt, mit sich selbst ist er im Reinen, und selbst mit seiner Frau spricht er wieder - und das immerhin nicht schreiend.

Doch dann kommt ein Anruf von Kriminalrat Dr. Salm, dem leitenden Dezernent des Kommissariats Berlin-Mitte. Ein Lehrer wurde in der Hauptschule im Neukölln ermordet. Zwei Migrantenkinder wurden gesehen, wie sie blutüberströmt vom Tatort flohen. Eigentlich ein klarer Fall, doch dann stoßen die Ermittler auf Ungereimtheiten.

Zur gleichen Zeit stehen Senatswahlen in Berlin an. Die CDU unter ihrem charismatischen Dr. Frieder von Hirschfeldt, dem Fraktionsvorsitzenden und nach dem Willen der Bundeskanzlerin Elisabeth Heynemann designierten Bundesinnenminister verspricht bei einem Wahlsieg das Verbrechen in der Bundeshauptstadt mit harter Hand zu bekämpfen.

Noch während Kalkbrenner seine Ermittlungen aufnimmt, erschüttern weitere Verbrechen den Stadtstaat. Samuel Dossantos, der Sohn des Rotlichtpaten von Berlin, wird ermordet - nein regelrecht hingerichtet. Kopfschuss, die Spezialität der Russenmafia. Ein Gangsterkrieg droht, ein Blutbad ohne Beispiel in der langen Geschichte der Stadt. Und das ausgerechnet, nachdem die Bürger der CDU mit ihren Recht- und Ordnungs-Parolen ihre Stimme gegeben haben.

Doch stecken wirklich Killer der Russen hinter dem Mord, oder ist nicht vielleicht der Filz quer durch alle Parteien der Auslöser für beide Verbrechen, die auf den ersten Blick so gar nichts miteinander zu tun haben? Gegen alle Widerstände macht sich Kalkbrenner daran, das Dickicht zu lichten und den wahren Schuldigen zu suchen ....

Kriminalkommissar Kalkbrenners zweiter Fall

Kommissar Kalkbrenner ist zurück. Nach dem ersten Roman, in dem der Autor sich auf sehr vergnügliche, kurzweilige Weise auch mit aktuellen sozialen Problemen auseinandergesetzt hat, dachte ich zu Beginn der Lektüre, dass Feige diesmal das große Feld der Migrantenproblematik in den Mittepunkt seines Romans stellen würde. Junge Menschen, die kaum Deutsch sprechen, die ausgegrenzt werden, denen keine Hilfe zuteil wird, die schlicht keine Perspektiven haben, und sich deshalb dem einzigen zuwenden, das ihnen eine zumindest geringe wirtschaftliche Existenz verspricht, dem Verbrechen. Das wäre doch ein Thema für einen Autor, der seine Krimihandlung gerne mit der Darstellung sozial-politischer Problembereiche würzt.

Doch dann überraschte mich der Text. Statt sich wie erwartet ganz dem Problem sozialer Minderheiten und Randgruppen zu widmen, nimmt der Autor mit spitzer Feder den Filz der Mächtigen und Reichen ins Visier. Korruption, Politiker, die aller hehren Wahlversprechen zum Trotz nur ihre eigene Bereicherung im Sinn haben, das organisierte Verbrechen, das Rotlichtmilieu mit den boomenden SM-Markt und anrührende Schicksale bestimmen den Text.

Immer wieder warten unvorhersehbare Wendungen auf den Leser, muss er sich auf neue Erkenntnisse einlassen, bisherige Überzeugungen neu bewerten und zusammen mit unserem Kommissar neuen Hinweisen und Indizien nachgehen. Heraus kommt hierbei ein erschreckend real wirkendes Bild derer da oben, die in eigener Selbstherrlichkeit meinen, mit allem durchzukommen, sich maßlos auf Kosten ihrer Mitbürger bereichern zu können und oftmals noch nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein aufweisen. Zwar ist das Lokalkolorit nicht ganz so exotisch und ausgeprägt wie die alten Nazi-Bunkersysteme im ersten Teil, doch man fühlt sich unwillkürlich in unsere Bundeshauptstadt versetzt. Neben den noblen Villenvierteln und den Botschafts- und Regierungssitzen ist in Stadtteilen wie Neukölln ein soziales Pulverfass entstanden, an dem bildlich gesprochen die Lunte bereits glüht.

Die so allmächtig scheinenden Politiker wissen offensichtlich nicht, wie sie mit den Problemen der arbeitslosen und ausgegrenzten Jugend umgehen sollen, die mehr und mehr in gewaltbereite Subkulturen abrutschen. Die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft immer weiter auseinander, die Quote der Analphabeten steigt bedrohlich. Menschen, die keinerlei Chance haben, in unserer Gesellschaft zu leben und zu prosperieren. Das heißt aber gleichzeitig, dass sie nichts zu verlieren haben, enttäuscht und frustriert ihre Chancenlosigkeit in Drogen und Gewaltorgien vergessen wollen.

Auf erschreckend realistische Art zeigt Feige auf, dass fast jeder der so ehrbaren Honoratioren korrumpierbar oder zumindest erpressbar ist, dass unsere Volksvertreter auch keine Lösungen für die selbstgeschaffenen Miseren in petto haben. Feige gelingt es nicht nur, ein glaubwürdiges Bild der Schattenseiten unserer Gesellschaft zu zeichnen, sondern er reichert dieses auch mit glaubwürdig kantigen Charakteren an. Das sind keine stromlinienförmigen Siegertypen, da hat jeder sein Päckchen zu tragen, seine dunklen Geheimnisse, die er verschleiert, seine Ängste und Hoffnungen.

Insoweit stellt vorliegender Roman nicht nur einen spannenden Kriminalplot dar, sondern wirft gleichzeitig einen ungeschönten Blick auf den Zustand der verdrängten Seiten unserer Gesellschaft. Dass er hierbei ein wenig zu lang ausgefallen ist, dass ich mir ein paar Wendungen weniger gewünscht hätte, stört die Lesefreude kaum. Dass den Leser einmal kein Happy End erwartet, dass das Verbrechen letztlich, wenn auch nicht auf der ganzen Linie obsiegt, trägt nur zur inneren Überzeugungskraft des Romans bei.

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