Engelsgleich

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2014, Seiten: 576, Originalsprache

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Andreas Kurth
Rasanter Plot macht atemlos

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2015

Ein junger Mann und seine Begleiterin wollen wieder nach Hause, und geraten durch Zufall in eine frühere Fabrikhalle in Berlin-Schulzendorf. Verbrecher sind gerade dabei, eine Zwangsprostituierte zu bestrafen. Der Mann kann mit der Unbekannten zunächst fliehen, die junge Frau wird von den Verbrechern getötet. Für Hauptkommissar Paul Kalkbrenner und seine Kollegin Sera Muth entpuppt sich dieser Mord als wirklich harter Fall, denn in Becken mit chemischer Flüssigkeit auf dem gleichen Gelände werden während der Spurensicherung 13 Kinderleichen gefunden. Ein weiterer Fall, auf den die Ermittler erst im Zuge ihrer Recherchen stoßen, betrifft die vermisste Merle, ein junges Mädchen, die schon bald nach ihrem Verschwinden nur noch von ihrer Pflegemutter Juliane Kluge gesucht wird. Und dann ist da noch Markus, der offenbar mit Unterstützung eines Kollegen in die Szene der Menschenhändler und Drogendealer beiderseits der tschechischen Grenze eindringt. Die drei Handlungsstränge werden erst im Laufe der Zeit miteinander verwoben – und im dynamischen Finale aufgelöst.

Ein Cliff-Hanger nach dem anderen

Martin Krist mutet seinen Lesern in Engelsgleich drei parallele Handlungsstränge zu. Das sorgt zunächst für reichlich Verwirrung, aber die Spannung wird dadurch von Beginn an enorm hoch gehalten. Drei Protagonisten, drei im Grunde eigene Geschichten – es gibt hier keine Ruhepausen, dieses Buch legt man eher nicht zur Seite. Der Autor legt ein enormes Tempo an den Tag. Wer als Leser die so genannten Cliff-Hanger nicht mag, sollte diesen Thriller gar nicht erst zur Hand nehmen, denn das Buch ist ein einziger Cliff-Hanger – um es mal übertrieben auszudrücken. Nahezu ständig springt Martin Krist zu einem der anderen Handlungsstränge, eigentlich immer dann, wenn es einen spannenden Moment gibt. Es gelingt ihm in meinen Augen ganz hervorragend, den Leser auf diese Weise ständig unter Strom zu setzen.

Die Verzweiflung einer Mutter

Die Suche nach Merle, der schwierigen Pflegetochter von Juliane Kluge und ihrer Lebensgefährtin Yvonne, wird schnell zur fixen Idee. Zeitweise arbeitet Juliane mit Merles leiblichem Vater zusammen, aber die Polizei stellt die Suche ein, ihre Beziehung zerbricht. Weil Juliane nicht akzeptieren will, dass Merle einfach nur abgehauen ist, was sie bei früheren Pflegefamilien häufiger getan hat, richtet sie ihr ganzes Leben auf die Suche nach ihrer Pflegetochter aus. Der Autor zeigt hier eindrucksvoll die Verzweiflung einer Mutter – und da macht es auch keinen Unterschied, dass es sich „nur" um eine Pflegetochter handelt. Paul Kalkbrenner begegnet der jungen Frau erst nach langen Recherchen in dem mysteriösen Fall um die Industrie-Brache in Schulzendorf. Die rechtsmedizinische Untersuchung macht schnell deutlich, dass es hier um besonders brutale Fälle von Kindesmissbrauch geht – die menschlichen Abgründe jagen Ermittlern und Lesern einige kalte Schauer über den Rücken.

Wildes Grenzgebiet von Deutschland und Tschechien

Die langwierigen und komplizierten Ermittlungen der Berliner Polizisten werden im Buch immer wieder von den Geschehnissen um den zunächst mysteriösen Markus abgelöst. Der Autor versucht die Rolle dieses Mannes ein wenig im Dunkeln zu halten, was jedoch nur scheinbar gelingt. Dem Leser wird schnell deutlich, was da im wilden Grenzgebiet von Deutschland und Tschechien tatsächlich abläuft. Die Verbindung der beiden – oder genauer gesagt der drei – Handlungsebenen wird erst geknüpft, als sich die verschiedenen Protagonisten endlich begegnen. Bis dahin hält Martin Krist seine Leser mit schnellen Szenenwechseln, schier unendlich vielen Cliff-Hangern und ständig unterbrochenen Dialogen in Atem. Der Autor scheint bei diesem Buch irgendwie Gefallen daran gefunden zu haben, seinen Charaktere nicht vernünftig ausreden zu lassen. Ob ich das wirklich nervig finde, vermag ich gar nicht zu sagen, aber aufgefallen ist es mir recht schnell.

Ein Thriller im besten Sinne des Wortes

Man muss bei diesem Buch angesichts der Erzählweise etwas Geduld aufbringen, oder es am Wochenende lesen, damit man kaum Unterbrechungen hat. Denn die sind angesichts der immer weiter ansteigenden Spannung nur schwer auszuhalten. Martin Krist – alias Marcel Feige – ist hier ein Thriller gelungen, der diese Bezeichnung in meinen Augen wirklich verdient. Der rasante Plot wirkt ausgezeichnet recherchiert, und mit den drei Fällen, die im dynamischen Finale verknüpft werden, hat der Autor eine Geschichte erzählt, die es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Menschliche Dramen, gefährliche Ermittlungen, Hartnäckigkeit, Gerechtigkeitssinn, Perversion, Skrupellosigkeit – hier wird dem Leser eine breite Palette präsentiert. Das Buch ist nichts für schwache Nerven, aber wer sich von einem echten Thriller faszinieren lassen möchte, ist bei Martin Krist gut aufgehoben.

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