Im Winter der Löwen

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Lido, 2009, Seiten: 5, Übersetzt: Matthias Brandt, Bemerkung: gekürzt
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 283, Originalsprache

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Thomas Kürten
Der Kommissar mit den abwegigen Ideen

Buch-Rezension von Thomas Kürten Jan 2009

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein deutscher Autor feiert internationale Erfolge mit Kriminalromanen, die in Finnland spielen. Marlowe-Preis, Deutscher Krimipreis, Verfilmung, Nominierung für den L.A. Times Book Prize, Übersetzung in vierzehn Sprachen. Eine stolze Liste für die bislang 3 Romane um den jungen Kommissar Kimmo Joentaa und umso beeindruckender, wenn man bedenkt dass der Autor Jahrgang 1972 ist und aussieht wie der Drummer von irgendeiner finnischen Rockband. Und wenn man dann in der Vita des Autors Jan Costin Wagner liest, dass Finnland seine Wahlheimat ist, dann erklärt sich auch, warum seine Romane dort spielen.

Kimmo Joentaa, das ist ein junger und viel zu früh verwitweter Kommissar der Polizei in Turku. Seit dem Krebstod seiner Frau Sanna irrt er einsam, traurig und ein wenig ziellos durch die Zeit, die zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn am nächsten morgen liegt. Und er ist ein Kommissar, der sehr gerne auf sein Bauchgefühl hört und dem Ideen kommen, die keiner seiner Kollegen hätten vorbringen können.

"Warum sollten wir das machen?" - "Ich weiß es nicht."

Am ersten Weihnachtstag wird die von Messerstichen übersäte Leiche des Gerichtsmediziners von Turku gefunden. Tatverdächtige, Motive - unklar. Am zweiten Weihnachtsfeiertag wird die ebenso zerstochene Leiche eines Puppenbauers in Helsinki gefunden. Tatverdächtige, Motive - unklar. Aber Joentaa findet eine Verbindung zwischen den beiden Toten. Knapp sechs Wochen zuvor saßen beide in der Talkshow des finnischen J.B. Kerners, einem Mann namens Kai-Petteri Hämäläinen und redeten in heiterer, aufgelockerter Umgebung über das "Gesicht des Todes". Der Puppenbauer hatte drei von ihm gebaute menschengroße Puppen mitgebracht, die in Filmen tödlich verunglückte Menschen darstellten. Ein harmloses Interview - scheinbar.

Nur einen Tag nach Weihnachten wird auf Hämäläinen ein Anschlag ausgeübt, den der Moderator schwer verletzt überlebt. Bei der Polizei herrscht höchste Alarmstimmung, doch während Joentaa weiterhin an eine durch die damalige Talkshow motivierte Tat glaubt, gehen seine Kollegen noch anderen Spuren nach. "Der Mann hatte Schulden." "Er war schwul - vielleicht eine Beziehungstat?" Joentaas Bauch sagt ihm etwas anderes, aber liefert ihm keine Argumente, warum seinen Ideen nachgegangen werden sollte. Kann Joentaa seine Kollegen überzeugen, dass die Zug-, Flugzeug- und Brandkatastrophen der letzten Jahren noch einmal untersucht werden müssen? Oder muss er im Alleingang die Nadel im Heuhaufen finden, um ein abermaliges Attentat auf den Fernsehmoderator zu verhindern?

Warum Finnland?

Im Winter der Löwen ist ein betont leiser Krimi mit vielen melancholischen Untertönen. In einer Nebengeschichte lernt Joentaa eine Frau kennen, die ihm den Kopf verdreht, die jedoch als Prostituierte arbeitet. Trotz der immer wieder präsenten Erinnerungen an die verstorbene Sanna, interessiert ihn diese Frau so sehr, dass er sich während der Arbeitstage immer wieder danach sehnt, nach Hause und zu dieser Frau zurück zu kommen. Und obwohl niemals ausgesprochen, fühlt der Leser in jeder Zeile die große, unüberbrückbare Barriere, die zwischen den beiden steht. Der Autor versteht es, Stoff für folgende Romane zurückzuhalten, indem er es offen lässt, ob sich Joentaa wirklich neu verliebt. Ebenso wie er zum Beispiel die Spielsucht eines anderen Polizeikollegen nicht abschließend bespricht. Wagners Charaktere bieten auch im vierten Roman noch Platz für Entdeckungen.

Was jedoch weiter ein Geheimnis bleibt, ist die Antwort auf die Frage, weshalb Wagners Krimis in Finnland spielen müssen. Außer den Zungen brechenden Namen findet sich nämlich wenig "typisch Finnisches". Sogar das Fernsehprogramm wirkt deutsch und der Winter wärmer, als man sich einen finnischen Winter vorstellt. Wagners Romane würden genauso gut auch mit Handlungsschauplatz Deutschland funktionieren. Doch wahrscheinlich ist es seine Liebe zu dem Volk im hohen Norden, weswegen sie in Finnland spielen. Wie gesagt, auch diese Frage bleibt offen.

Im Winter der Löwen

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Letzte Kommentare:
16.04.2012 16:43:22
manni

Wagner (und L. Reichlin) schreiben die melancholischsten Krimi(?)nalromane schlechthin. Manchmal möchte ich Joentaa
wachrütteln und von seiner Trauer befreien.
Das ist ein perfekter Trick des Autors den Leser weiterhin an die Serie zu fesseln. Diese Geschichte hier ist besonders traurig, sehr leise erzählt und ich hatte zum Ende fast Mitleid mit allen in die mysteriöse Geschichte verstrickten Personen. Auch hier lohnt sich der Einstieg in die ersten beiden Teile, ansonsten versteht man gar nicht worum es in der Gedankenwelt des Polizisten Joentaa geht. (z.B. seine verstorbene Frau) 80°!

07.06.2009 15:31:06
froggy

Das Buch liest sich sehr schnell - ein gutes Zeichen für eine spannende Geschichte!

Einfach geschrieben, meist kurze Sätze. Obwohl die Story über ein paar Tage verteilt ist, fliegt die Zeit schnell davon.

Super fand ich auch wie der "Weg" zum Mörder bzw. dem Aufdecken passiert ist. Im Buch kommt zwischendurch immer eine Parallelgeschichte mit dem Mörder. Spannend war, wie sich die beiden "finden"!

Einfach ein klasse Buch! Muss mir die anderen des Autors auch noch reinziehen!