Sakari lernt, durch Wände zu gehen

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Köln: Galiani, 2017, Originalsprache

Couch-Wertung:

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Brigitte Grahl
Neues vom Meister der Melancholie

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Okt 2017

Finnland - damit verbinden wir Deutsche Lakonie, Schwermut und versponnene Charaktere, so, wie in den Filmen des finnischen Regisseurs Aki Kurismäki. Auch Jan Costin Wagners Krimis zeichnen sich durch die anfangs genannten Merkmale aus. Wagner ist zwar kein Finne, aber er mit einer Finnin verheiratet, und er lebt mehrere Monate im Jahr in Finnland. Das lässt darauf schließen, dass unser Finnland-Klischee durchaus der Realität entspricht.

Jan Costin Wagner schreibt Krimis, welche die Spielregeln des Genres nicht bedienen. Es gibt zwar eine Tat, die Suche nach Motiv und Täter und eine Auflösung. Aber Spannung steht bei seinen Krimis nicht im Vordergrund, selbst die dramatischen Momente werden undramatisch erzählt. Während die Täter in anderen Krimis förmlich "explodieren" und Emotionen und Sachverhalte wortreich geschildert werden, "implodieren" sie bei Wagner und verlieren dabei wenig Worte. Aber die treffen den Punkt.

"Joentaa schweigt für eine Weile. "Ja", sagt er dann, gerade als Petri Grönholm nach Worten sucht, die ihn überreden könnten. Grönholm denkt, dass das typisch Kimmo ist. Keine wichtigtuerischen Hinweise, kein Verweis darauf, dass es nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, nichts dergleichen, sondern einfach nur ein Ja."

Wagners Texte besitzen viel Ähnlichkeit mit Gedichten: Inhalt und Atmosphäre werden komprimiert in knappen Sätze, die den Leser herausfordern, sie zu interpretieren. Der Autor scheint an jedem seiner Sätze lange zu feilen - es steht kein überflüssiges Wort in ihnen. Wie ein Gedicht ruft seine Sprache beim Leser eine Stimmung hervor.

In seiner Kimmo-Joentaa-Reihe ist es das Gefühl von Schwermut und Kälte, entsprechend dem Sujet des Buches, das von einsamen und traurigen Menschen bevölkert ist. In einer Kettenreaktion setzt sich das Leid, dass durch ein Unglück in der Vergangenheit ausgelöst wurde, bis in die Gegenwart fort und hinterlässt traumatisierte Menschen und dysfunktionale Familien.

Großes Thema wird auf wenigen Seiten erzählt

Mit 234 Seiten ist "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" ein dünnes Buch, dass es trotz der Kürze schafft, ein großes Thema zu erzählen. Es handelt von Verlust und davon, wie Menschen damit umgehen und was das mit ihnen und ihren Mitmenschen macht. Auch der Protagonist der Krimireihe, Kommissar Joentaa, gehört zu denen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Im ersten Band der Reihe ist seine Frau gestorben. Inzwischen, im sechsten Band der Reihe, befindet er sich auf dem gesunden Pfad der Heilung - im Gegensatz zu allen übrigen Beteiligten im Buch.

Die Farbe Blau zieht sich als Motiv durch das Buch. Sie ist eine kalte und kontemplative Farbe, steht für Melancholie, aber auch für Hoffnung und Transzendenz. Sakari malt das blaue Meer und den blauen Himmel - ein sehr symbolisches Bild. Im übertragenen Sinn überwindet Sakari die Wände, die ihn einsperren - damit beginnt das Buch. Es endet damit, dass die eingefrorenen Emotionen der übrigen Romanfiguren langsam auftauen.

"Die helle Nacht hat begonnen, kaum merklich, auf einem schmalen Grad zwischen Blau und Blau, mit dem Morgen zu verschmelzen.

Wer zu "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" greift und einen hochspannenden Krimi nach üblichem Genremuster erwartet, wird enttäuscht werden. Wer nach den ersten Seiten dran bleibt, sich auf den lakonischen Stil einlässt und weiterliest, wird das Buch am Ende trotz all seiner Schwermut beglückt mit einem Lächeln zuklappen - egal, ob und wie der Fall gelöst wurde.

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