Tage des letzten Schnees

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Galiani, 2014, Originalsprache

Couch-Wertung:

80°
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Andreas Kurth
Nutten, Banker und eine Möchtegern-Massenmörder

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jul 2013

Bei einem tragischen Verkehrsunfall wird auf der Rückfahrt vom Eishockey-Training ein junges Mädchen getötet, ihr Vater überlebt den Unfall. Der finnische Kommissar Kimmo Joentaa wird zur Unfallstelle gerufen, obwohl der Polizei gar nicht bekannt ist, dass es sich um einen Fall von Fahrerflucht handelt. Das ganze Szenario wird für Leser und Ermittler gleichermaßen zu einer komplizierten Geschichte, denn in ständigen Rück- und Umblenden schildert der Autor weitere Handlungsstränge, zurück liegende Ereignisse und eine weitere Geschichte, die angeblich gar nicht erzählt wird. Erst langsam und in kleinen Schritten wird für Joentaa und seine Kollegen deutlicher, was hier geschehen ist. Es gibt nämlich auch einen Doppelmord aufzuklären, und fast schon per Zufall werden weitere Straftaten verhindert. Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, führt das Schicksal zusammen, und Kimmo Joentaa dringt immer weiter in dieses fatale Beziehungsgeflecht ein. Bis sich einiges in einem überraschenden Finale doch noch aufklärt.

Verschachtelte Sichtweisen und Zeitebenen

Tage des letzten Schnees war mein erster Roman von Jan Costin Wagner, und ich muss zugeben, es hat ein wenig gedauert, bis ich mich auf seine Art des Erzählens einlassen konnte. Wenn man das als Leser aber schafft, wird man mit einem Kriminalroman der besonderen Art belohnt. Der Autor lässt die Romane dieser Reihe in der Heimat seiner Frau spielen, und nach meinem Eindruck hat er sich intensiv in die Lebens- und Denkweise seiner zeitweisen Wahlheimat eingefühlt. Und er hat einen Protagonisten erschaffen, der durch seine eigene Trauer offenbar ein besonders ausgeprägtes soziales Einfühlungsvermögen hat. Das zeigt er bei der Ermittlungsarbeit, die er allerdings erst Monate später gemeinsam mit Kollegen aus seiner Heimatstadt Turku und aus Helsinki abschließt. Dem Leser wird allerdings suggeriert, dass er frühzeitig erkennt, was los ist. Weit gefehlt. Durch seine verschachtelten Sichtweisen und Zeitebenen sorgt Wagner im Laufe des Romans für reichlich Verwirrung. Einzelne Kapitel sind Abschnitte aus "einer Geschichte, die nicht erzählt wird". Was von diesem Paradoxon zu halten ist, wird allerdings erst am Ende des Buches offenbart – wodurch die Spannung enorm gesteigert wird.

Psyche des Kommissars im Blickpunkt

Lasse Ekholm wird von einer Sekunde zur anderen – sozusagen übergangslos und unvorbereitet – vom Alltagsleben in einen Ausnahmezustand katapultiert. Bei dem Unfall verliert er das Bewusstsein, als Lasse wieder zu sich kommt, ist seine Tochter Anna tot. Wer die früheren Romane von Wagner gelesen hat, trifft hier mit dem melancholischen Kommissars Kimmo Joentaa einen alten Bekannten. Der Ermittler leidet immer noch an den psychischen Folgen des frühen Ablebens seiner Frau. Die persönlichen Befindlichkeiten des Kommissars nehmen breiten Raum in der Handlung ein, wer so etwas mag, kommt hier auf seine Kosten. Neben dem Autounfall muss Joentaa auch noch einen einen Doppelmord untersuchen. Neben den laufenden Ermittlungen gibt es reichlich zeitliche Rückblicke, und dann eben auch noch die Geschichte, die eigentlich gar nicht erzählt wird. Man muss als Leser also permanent versuchen, einen Überblick über das verwickelte Geschehen zu bekommen, und darin Zusammenhänge irgendwelche zu sehen. Das fällt nicht wirklich leicht, macht aber einen großen Teil der Faszination dieses ungewöhnlich komponierten Romans aus.

Vielfalt macht die Geschichte besonders lesenswert

Jan Costin Wagner hat einiges an Themen in seinem Roman verpackt. So geht es auch um den jungen Unto Beck, der von Mitschülern gemobbt wird – und nach dem Vorbild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik dafür eine blutige Vergeltung plant. Diese Mordtat vom Sommer 2011 wird hier ebenso thematisiert wird das Leben von illegal zugewanderten Prostituierten. Vor allem das letztere Thema wird derzeit in Kriminalromanen vielfach angepackt, in dieser Hinsicht bietet Wagner nicht wirklich Neues. Aber er schafft auch eine Verbindung zur Bankenwelt, und die gesamte Geschichte ist durch ihre Vielfältigkeit bemerkens- und lesenswert. Tage des letzten Schnees ist kein Roman, den man mal eben so nebenbei liest. Wahrscheinlich sollte man das Buch sogar zweimal lesen, um alle Nuancen und Zwischentöne in den verschiedenen Erzählebenen zu erfassen. Es lohnt sich in jedem Fall.

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