Die Behandlung

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam, 2001, Titel: 'The Treatment', Originalsprache
  • New York: Doubleday, 2002, Originalsprache
  • Augsburg: Weltbild, 2003, Seiten: 6
  • München: Goldmann, 2006, Seiten: 497
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 497

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Michael Drewniok
Grauen ohne hannibalischen Glitter

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Er hat schon viel sehen müssen in seinen Jahren bei der Mordkommission Südlondon, aber das entsetzliche Ende der Familie Peach bringt auch Detective Inspector Jack Caffery mental völlig aus dem Gleichgewicht: Ein Psychopath hat sich Einlass in das Haus der Peaches verschafft, Vater, Mutter und den neunjährigen Rory in seine Gewalt gebracht und diese ein unendlich langes Sommer-Wochenende völlig ungestört einer "Behandlung" unterzogen, deren stumpfe, erbarmungslose Brutalität sprachlos werden lässt. Wie durch ein Wunder überleben die Eltern die Attacke, aber Rory hat der Täter entführt. Obwohl die Beamten praktisch jeden Stein umdrehen, bleibt das Kind verschwunden, bis es zu spät ist: Der perverse, aber schlaue Mörder hat Rory im Geäst eines Baumes gefesselt und geknebelt zurückgelassen, und dort ist er kläglich verdurstet.

Die entsetzte Polizei braucht nicht den Druck der Medien oder der Öffentlichkeit, um sich dem scheusslichen Verbrechen mit vollem Einsatz zu widmen. Caffery engagiert sich allerdings in einem Maße, das ihn an den Rand des psychischen Zusammenbruchs bringt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten martert ihn die Erinnerung an das Verschwinden seines älteren Bruders Ewan, der wie Rory offensichtlich einem Kinderschänder zum Opfer gefallen ist. Caffery kennt sogar den Hauptverdächtigen: Ivan Penderecki, ein Nachbar und überführter Päderast, konnte jedoch in diesem Fall niemals überführt werden. Dies endlich nachzuholen und Aufklärung über das Schicksal des Bruders zu erhalten, ist Cafferys fixe Idee geworden. Er hat das Haus der Eltern geerbt und ist dort eingezogen. Seit langen Jahren liefert er sich ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel mit Penderecki, der ihn mit kaum verhohlenen Andeutungen quält, die deutlich machen, dass er tatsächlich um Ewans Ende weiß.

Obwohl von seinen persönlichen Dämonen gejagt, hat Caffery seine Polizei-Instinkte nicht verloren. Sie sagen ihm, dass der Peiniger der Peaches schon früher zugeschlagen haben muss. Tatsächlich finden sich Hinweise auf den "Troll", einen sadistischen Triebtäter, der dem Gesetz bisher entkommen konnte. Schlimmer noch: Das Profil, das Caffery entwirft, macht deutlich, dass der "Troll" schon längst eine andere Familie überfallen haben könnte. Die Churches könnten dies bestätigen, aber Vater, Mutter und Sohn sind längst damit beschäftigt, um ihr Leben zu kämpfen. In ihrem Haus geht der "Troll" nach seinem vom Wahnsinn diktierten Drehbuch vor, während Caffery und seine Kollegen verzweifelt bemüht sind festzustellen, wo ihr Gegner zugeschlagen haben könnte. Ein grotesker Wettlauf hat begonnen: Je länger die Churches ihrem Foltermeister widerstehen, desto größer wird die Chance der Polizei, sie zu finden und zu retten. Aber sogar Caffery, dessen Privatkrieg mit Penderecki eine unerwartete Wendung genommen hat, kennt lange nicht einmal annähernd die Dimension des wahren Grauens, das der "Troll" über seine Opfer bringt: Der Tod ist manchmal nicht das schlimmste Schicksal ...

Mo Hayder setzt neue Maßstäbe im Genre Serienmord-Thriller; das ist ihr schon in "Der Vogelmann" (Goldmann-TB Nr. 45173) gelungen, und sie kann sich mit diesem zweiten Teil der Jack Caffery-Serie noch einmal steigern. Fragt sich nur, ob wir ihr dafür wirklich dankbar sein können. Selten ist es einem Autoren gelungen, einen derartig verstörenden, düsteren, bar jeglichen Hoffnungsschimmers inszenierten Thriller auf die Leserschaft loszulassen. "Die Behandlung" ist ein Trommelfeuer heimtückischer Tiefschläge in die Magengrube, ein morbides Meister- oder Machwerk, das mit den Maßstäben simpler Unterhaltung eigentlich nicht mehr gemessen werden kann.

Beginnen wir mit dem Positiven. "Die Behandlung" wartet mit einem grundsoliden, schlüssig entwickelten und logisch aufgelösten Plot auf. Die Figurenzeichnung lässt ebenfalls wenig zu wünschen übrig; ein wenig verrutscht ist Hayder höchstens die Figur der Chief Inspector Danniella Souness, die als hart gesottene Bürstenschnitt-Lesbe gar zu offensichtlich als Verstoß gegen politisch korrekte Klischees gestaltet wurde. Immerhin ist Souness trotz diverser häuslicher Schwierigkeiten noch die Fröhlichste in der Runde der traurigen Gestalten, gegen die Ian Rankins melancholische Schotten oder Henning Mankells polardepressive Schweden wie überdrehte Stimmungskanonen wirken.

Womit wir bereits beim "Aber" sind: "Die Behandlung" ist bei allen inhaltlichen und formalen Qualitäten eigentlich kein Buch, das man mit Vergnügen liest. Zwar gilt gewissen Kritikern die schriftstellerische Bloßlegung des Lesernerves ohne Betäubung als rechte Königsdisziplin, aber diese Haltung muss man nicht unbedingt teilen. Dass wir diese Welt mit Kreaturen teilen, die eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass der Titel "Mensch" eigentlich gesetzlich geschützt werden musste, ist eine nur zu bekannte Tatsache, an die wir nicht ständig erinnert werden müssen - oder möchten. Doch Hayder legt nicht nur den Finger auf die Wunde, sondern bohrt ohne Erbarmen tief in ihr herum: Dies sollte beachtet werden, bevor man sich an die Lektüre wagt.

Es irritiert nicht primär die ungewöhnlich drastische Weise, in der sich Hayder dem Phänomen des Serienmordes nähert. Im Grunde ist es sogar eine erfreuliche Abwechslung, nicht schon wieder mit einem dämonisch-faszinierenden Hannibal Lecter-Klon konfrontiert zu werden. Serienmörder sind keine unkonventionellen Helden der Neuzeit, sondern kranke, gefährliche, abstoßende Zeitgenossen, die ganz sicher nicht zum Helden taugen. Aber auch das überschwängliche Mitgefühl selbst ernannter Gutmenschen dürfte vom "Troll" abtropfen: Er ist zwar selbst das Produkt brutalen Missbrauchs, aber Hayder erinnert immer wieder daran, dass ihn seine Krankheit nicht der Verantwortung für das eigene Denken und Handeln enthebt. Folglich lässt sich das Leid des Täters mit dem seiner Opfer niemals aufrechnen.

Wie konsequent Hayder in dieser Hinsicht bleibt, verdeutlicht der Subplot um Cafferys elende Suche nach dem verlorenen Bruder, die ihn tief in den Sumpf der Päderasten-Mafia führt. Von allen Bosheiten, die sich die Menschen einander zufügen können, ist der Missbrauch der ganz Jungen, Wehrlosen sicherlich der infamste. Dieser Handlungsstrang ist der am schwersten erträglichste dieses Romans, zumal Hayder ihrem Publikum auch dieses Mal keinerlei Pardon gewährt und mit fast klinischer Präzision - die freilich fern jeder sensationslüsternen Effekthascherei bleibt - schwer vollstellbare Gräuel schildert.

So treffen wir hier auf jämmerliche, deformierte und zerstörte Persönlichkeiten, die indes ebenfalls die volle Verantwortung für ihr schändliches Tun tragen müssen. Tracey Lamb, vom Gesetz nach vielen Jahren endlich eingeholt, ist wohl ein armes, aber vor allem ein kriminelles Schwein, das folgerichtig hinter Gittern endet. Eine Erlösung oder auch nur Gerechtigkeit entsteht daraus freilich nicht; unglaublich perfide konterkariert Hayder das Happy-End, mit dem Jack Caffery belohnt zu werden scheint, durch das grausame Schicksal Ewan Cafferys, das diesen praktisch unter den Augen des ahnungslosen Bruders ereilt, der seinen schließlich gefundenen inneren Frieden teurer bezahlt, als ihm vermutlich jemals bewusst werden wird. Dieses Finale wird nicht so schnell in Vergessenheit geraten; es bleibt fraglich, ob Hayder in einem möglichen dritten Teil der Caffery-Serie das noch toppen kann!

Kein Thriller für den Feierabend, sondern ... ja, was eigentlich? Wie es scheint, lassen sich auch keine Lehren aus der Lektüre dieses Werkes ziehen. Sehr irritierend ist die faksimilierte Wiedergabe des "Troll"-"Behandlungsprotokolls" als Epilog - ein Dokument des Wahnsinns, aber was soll das jetzt noch? Neue Erkenntnisse bringen uns die Rasereien eines gestörten Geistes jedenfalls nicht mehr. Die Welt ist schlecht, so die deprimierende Quintessenz, aber das wussten wir ebenfalls schon vorher. Trotzdem wird sich kaum jemand dem Sog der "Behandlung" entziehen können. Dafür gibt es mehrere Gründe. So ließe sich anführen, man wolle des inneren Friedens willen unbedingt die Auflösung der Geschichte kennen: Es muss doch irgendwann die Gerechtigkeit wieder Oberwasser bekommen! Aber da ist noch etwas anderes: das voyeuristische Interesse am Unglück des Nachbarn, das einen selbst nicht trifft; an sich eine recht menschliche Anwandlung, die kontrolliert, aber nicht unterdrückt werden muss. Hayder thematisiert diese gern totgeschwiegene Schaulust vorzüglich am Beispiel der Familie Church, die heimlich fasziniert das Grauen im nahe gelegenen Haus der Peaches verfolgt und sich dazu beglückwünscht, verschont geblieben zu sein. Um so heftiger ist dann der Schock - für die Churches und für den Leser -, wenn der "Troll" schließlich doch im trügerisch trauten Heim zuschlägt. Die Reaktion ist natürlich vorgezeichnet; sie dürfte schon unseren Höhlen bewohnenden Vorfahren in Fleisch und Blut übergegangen sein: Wieso trifft es mich? Das habe ich nicht verdient! Doch Sicherheit gibt es nicht auf dieser Welt; sollte diese Erkenntnis zu vermitteln Mo Hayders Intention gewesen sein, hat sie ihr Ziel wahrlich erreicht!

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