Der Vogelmann

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam, 1999, Titel: 'Birdman', Originalsprache
  • Köln: BMG Wort, 2000, Seiten: 4, Übersetzt: Dietmar Bär
  • Köln: Random House Audio, 2006, Seiten: 4, Übersetzt: Bär, Dietmar
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 411
  • München: Goldmann, 2005, Seiten: 411

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Michael Drewniok
So sehen gute Thriller aus!

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Bei Aufräumarbeiten auf einem heruntergekommenen Fabrikgelände am Ufer der Themse in London machen Arbeiter eine makabre Entdeckung: Ein Serienmörder hat die abseits gelegenen Schutthalden genutzt, um seine Opfer zu verstecken. Gleich fünf Frauenleichen findet die Polizei, die der Täter umgebracht und dann grässlich verstümmelt hat.

Bei der Untersuchung der Opfer macht der Pathologe eine bizarre Entdeckung: Im jedem Brustkorb findet er den Körper eines kleinen Vogels. So kommt der Mörder zu seinem Spitznamen: Vogelmann.

Das sieht doch nach Jack the Ripper aus?!

Detective Superintendent Maddox und Detective Inspector Jack Caffery von der Mordkommission beginnen zu ermitteln. Die Zeit drängt, denn die Abstände zwischen den Morden werden immer kürzer. Rasch findet die Polizei heraus, dass der Mörder seine Opfer - sämtlich Stripperinnen und Prostituierte - offenbar sorgfältig ausgewählt hat. Alle Frauen kannten einander und arbeiteten oft in einem ganz bestimmten Pub.

Die Fahndung wird durch interne Rangeleien unter den Polizisten erschwert. Der ehrgeizige und skrupellose Detective Diamond will sich mit dem Vogelmann-Fall profilieren und verhaftet vorschnell einen Verdächtigen, obwohl Caffery weiss, dass dieser als Täter nicht in Frage kommt. Er hat inzwischen entdeckt, dass der Mörder psychisch schwer gestört sein muss - ein Nekrophiler, der sexuelle Befriedigung nur im Verkehr mit Leichen findet.

Die Fassade eines geselligen Lebemanns bröckelt

Caffery weiss nicht, dass ein Hinweis auf den wahren Täter bereits bei der Polizei eingegangen ist, aber von Diamond abgefangen wurde. Der Mörder ist Toby Harteveld, der bereits seit seiner Jugend um seine unheilvollen Neigungen weiss. Lange hat er dagegen angekämpft; ein "normales" Leben hat darüber niemals führen können, doch aufgrund seines ererbten Reichtums konnte er stets die Fassade eines geselligen Lebemanns aufrecht erhalten. Nun hat er sich nicht mehr unter Kontrolle und wird immer unvorsichtiger.

Bald fällt Harteveld auch der Polizei auf, aber noch bevor man ihn vernehmen kann, begeht er Selbstmord. Essex und Caffery lösen die Sondereinheit auf; da wird eine neue Leiche gefunden: Harteveld hatte einen Komplizen - den eigentlichen Vogelmann ...

So sehen gute Thriller aus: Eine gute Idee als Ausgangspunkt einer düsteren, aber fesselnden Geschichte, die gekonnt und ohne grosse Abschweifungen bis zum furiosen Finale erzählt wird, dazu Figuren, die schon nach wenige Sätzen vor dem inneren Auge Gestalt annehmen; Mo Hayder ist in Deutschland als Schriftstellerin zwar noch eine unbekannte Grösse, aber, das hat sich nach diesem Roman - dem ersten einer Serie, in deren Mittelpunkt Inspektor Caffery steht - rasch geändert.

Katz-und-Maus-Spiel

Hayder weiss die Aufmerksamkeit ihrer Leser geschickt zu wecken und zu halten, indem sie die privaten Probleme ihrer Figuren einfließen lässt. Das ist wahrlich kein neuer Kunstgriff, aber Hayder weiss, wie man es macht. Einmalig ist beispielsweise der Einfall, Caffery Tür an Tür mit dem mutmasslichen Mörder seines Bruders wohnen zu lassen. Das seit Jahren fortdauernde, längst zur Obsession gewordene Katz-und-Maus-Spiel zwischen Caffery und seinem Nachbarn hätte ein David Lynch nicht besser erfinden können.

Wer hätte gedacht, dass sich dem schon recht ausgelaugten Genre des Serienmörder-Thrillers noch eine neue Variante entlocken lässt! Das Thema Nekrophilie ist heikel, und es wird nicht an Kritikern fehlen, die es geschmacklos finden werden, diese weitgehend tabuisierte Geisteskrankheit zum Gegenstand eines Unterhaltungsromans zu machen. Nun, das muss jeder Leser selbst entscheiden. Sicher ist jedenfalls, dass sich Hayder des Themas trotz einiger drastischer Szenen mit Zurückhaltung annimmt. Ihr Toby Harteveld ist kein dämonisch-attraktiver Hannibal Lector, sondern ein verstörter Mann, der unter seinen inneren Zwängen leidet und ihnen schliesslich zum Opfer fällt.

Stirnrunzeln in politisch korrekten Leserkreisen

Auch Cafferys Entschluss, den in die Falle gegangenen Vogelmann nicht festzunehmen, sondern ihn quasi hinzurichten, dürfte für Stirnrunzeln in politisch korrekten Leserkreisen sorgen. Dabei ist Hayder nur konsequent; ihre Hauptfigur ist eine ambivalente Persönlichkeit, die durchaus auch weniger angenehme Wesenszüge aufweist. Gerade das macht sie interessant, und kombiniert man dies mit Hayders Talent, eine Geschichte zu erzählen, freut man sich schon auf den nächsten Fall von Jack Caffery.

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