Der Teufel hat Heimaturlaub
- Bastei Lübbe
- Erschienen: Januar 1989
- 2
- London: Secker & Warburg, 1985, Titel: 'The Devil´s Home on Leave', Seiten: 204, Originalsprache
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1989, Seiten: 236, Übersetzt: Peter Robert


Irrsinn lässt sich nicht kontrollieren.
Scotland Yard hat die „Abteilung 14“ für jene Fälle gegründet, in denen vergleichsweise unwichtige Mitmenschen zu Schaden kommen: Arme, Drogen- und Alkoholsüchtige, Gauner, Spitzel ... Man muss sich per Gesetz auch um solche Verbrechen kümmern, will aber möglichst wenig Aufwand treiben.
„Abteilung 14“ ist unbeliebt, weil dort landet, wer im Dienst Mist gebaut hat, aufsässig oder irgendwie nicht systemkonform ist. Die Abteilung ist als Karrierekiller gefürchtet, die Fluktuation deshalb so hoch wie das Leistungsniveau der Beamten niedrig.
Der Detective Sergeant, dessen Name wir nie erfahren, stellt eine Ausnahme dar. Er benötigt die Jagd auf Verbrecher als Lebenselixier, ist findig und nicht zimperlich in seinen Methoden, gleichzeitig aber absolut unbestechlich und ohne (falschen) Respekt vor den Vorgesetzten, die ihm deshalb gern die übelsten Fälle zuschanzen.
Dieses Mal beginnt alles mit dem Fund einiger Plastiktüten. Darin befinden sich die Überreste eines Mannes, der umgebracht, ausgeblutet, zerteilt und dann gekocht wurde. Das bizarre Verbrechen soll offenkundig eine Botschaft und Warnung verkünden. Der Täter ging äußerst kontrolliert vor - zu kontrolliert, findet der Sergeant. Er erinnert sich an den ehemaligen Elitesoldaten McGruder, der aufgrund eines ebenso brutalen wie sorgfältig geplanten Mordes einige Jahre einsaß. Erst vor kurzer Zeit ist er wieder aufgetaucht und hat sich offenbar mit dem organisierten Verbrechen eingelassen.
Der Sergeant fällt förmlich über die lokale Unterwelt her. Zurückhaltung und Diplomatie gehören nicht zu seinem Ermittlungsrepertoire. Er rüttelt an sämtlichen Ästen und wartet, was oder wer hinabfällt. Als ein weiterer Verdächtiger tot aufgefunden wird, zieht der Sergeant die Schraube weiter an, um McGruder aus der Reserve zu locken; ein riskanter Plan, denn niemand weiß, wie ein lupenreiner Psychopath reagiert, wenn er die Kontrolle verliert ...
Auch böse Pläne scheitern
Der Verbrecher als Genie ist eine im Krimi-Genre ungemein vertraute Person: Das Böse fasziniert, solange man nicht selbst von ihm betroffen ist. Der Held ist vergleichsweise langweilig, weil an Gesetze und Regeln gebunden, die der Verbrecher ignoriert. Womöglich ist der Verbrecher außerdem irrsinnig, was sich in diesem Umfeld nicht im Tragen eines Napoleon-Hutes erschöpft. Stattdessen ist der wahnsinnige Strolch erschreckend brillant - eine Doppelung, die so nur in der Unterhaltungsliteratur funktioniert, denn tatsächlich sind Ausnahme-Psychopathen à la Hannibal Lecter eher rar gesät.
Wie solche Mitmenschen tatsächlich gestrickt sind, enthüllt uns Derek Raymond - geboren als Robin William Arthur Cook (1931-1994) - im zweiten Teil seiner fünfbändigen Serie um den namenlosen Sergeanten aus der „Abteilung 14“: Es sind labile, gefährliche, höchstens zeitweilig kontrollierte Zeitgenossen, die ihre Gefühlskälte nur überwinden, wenn sie terrorisieren, foltern und morden können. McGruder ist ein besonders problematisches Exemplar dieser Gattung. Seinem Land war er willkommen, solange er als Soldat in fernen Ländern Gegner ausschaltete. Dass dahinter ein Wille zum Töten steckte, war kein Problem, solange McGruder sich offiziell an die Regeln hielt. Natürlich brach sein Trieb sich irgendwann außerhalb des Dienstes Bahn, und nun ist er da: ein sadistischer Mörder, dem man sein Handwerk buchstäblich beigebracht hat.
Selbst das Verbrechen kommt mit einem solchen Kriminellen nicht zurecht. Man heuert McGruder als Auftragsmörder an und ist unangenehm überrascht, als er seinem Irrsinn freien Lauf lässt und damit jenes Aufsehen erregt, das die Unterwelt normalerweise meidet, denn natürlich erregt eine zerlegte und gekochte Leiche das besondere Interesse der Polizei. Doch die internen Regeln der Unterwelt versagen dort, wo Vernunft nur eine sekundäre Rolle spielt.
Dem Teufel die Sporen geben
McGruder unterliegt zunehmend seinen finsteren Trieben. Dies geschieht auch deshalb, weil der Sergeant bewusst auf jene Knöpfe drückt, die McGruders Selbstdisziplin an die ohnehin engen Grenzen bringen. Er soll durchdrehen, dann Fehler begehen und nicht nur sich selbst, sondern auch seine Komplizen verraten. Dies ist ein riskanter und per Gesetz nur bedingt gedecktes Unternehmen. Hier kommt ein unerwarteter Faktor ins Spiel: McGruder und seine Kumpane werden von einem Mann gejagt, der selbst soziopathische Züge aufweist.
Der Sergeant hat mit dem ‚normalen‘ Leben abgeschlossen, als seine wahnsinnig gewordene Ehefrau die gemeinsame Tochter ermordete. Seither ist die Arbeit sein Leben. Seine Fähigkeiten als Ermittler sind ungebrochen, doch das Erlebte hat über die persönliche Tragödie hinaus seine Sicht geprägt: Die Welt ist unberechenbar bzw. schlecht. Raymond versetzt den Sergeanten in eine Vorhölle auf Erden: das England der Ära Margaret Thatcher. Zwischen 1979 und 1990 amtierte sie als Premierministerin Großbritanniens. In diesen Jahren trieb sie die Privatisierung bisher hoheitlich gelenkter Institutionen voran und lockerte bzw. zerstörte jene Bereiche der Gesetzgebung, die den Arbeitnehmer vor den allzu menschenverachtenden Umtrieben einer ungezügelten ‚freien‘ Wirtschaft schützten. Das Ergebnis war die Verelendung und Kriminalisierung derjenigen Bevölkerungsgruppen, die durch das Raster dieser ergebnisorientierten Verbrauchsökonomie fielen.
Der Sergeant muss sich um die Opfer kümmern. Seine Vorbehalte bestätigen sich dieses Mal besonders eindringlich, denn der Plastiktüten-Mord ist nicht, wie offiziell erhofft, die Tat eines irren Einzeltäters, sondern erweist sich als ‚Kollateralschaden‘ eines Geschehens, das Landesverrat und Korruption in den höchsten Kreisen der Regierung widerspiegelt (und nicht mehr vertuschen lässt). Wen wundert’s, dass der Sergeant im Rahmen seine beschränkten Möglichkeiten genüsslich die Mächtigen seine Verachtung spüren lässt.
Der Geist ist aus der Flasche
Gerechtigkeit ist der Wert einer Gesellschaft, die der Vergangenheit angehört. Die Freiheiten der Gegenwart gehören denen, die sie an sich reißen und für die private Bereicherung instrumentalisieren - nicht missbrauchen, denn dies ist eine Deutung, die sich erledigt hat bzw. erledigt wurde. Immer wieder gerät der Sergeant an die Nutznießer dieses Systems. Sie reagieren pikiert auf seine Weigerung, ihnen die angemaßte Reverenz zu erweisen. Doch auf ihre Drohungen reagiert er mit dem Trotz eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat.
Mehrfach gerät er mit Zeitgenossen aneinander, die nicht begreifen können, dass er sich nicht einordnen will und bereit ist, den Preis dafür zu bezahlen. Er wird nie mehr als ein Sergeant sein, und das ist ihm genug, denn im Rahmen seines Amtes kann er seinem Leben einen Sinn abringen.
Er ist keineswegs gefühlskalt oder herzlos. Sogar der psychopathische McGruder spürt eine Verbindung. Zwar steht er mehrfach kurz davor, den Polizisten umzubringen, aber er öffnet sich ihm auch. In einer bemerkenswerten Passage erzählt McGruder seine Lebensgeschichte und erläutert uns seine verquere Philosophie. Boshaft macht Raymond deutlich, dass McGruder eigentlich sehr gut in diese neue Welt passt. Deshalb endet die finale Konfrontation nicht wie erwartet in einer gewaltsamen Entladung. Darüber ist diese Welt längst hinaus, weshalb das Böse auch nicht triumphiert, sondern einfach sein Honorar einstreicht.
Fazit
Die Jagd auf einen Psychopathen führt in die obersten Etagen der Macht, wo man sich so sicher fühlt, dass man unvorsichtig in der Wahl seiner Schergen wurde: Schmerzhaft klar zeichnet der Verfasser das Bild einer moralisch verkommen in sich ruhenden Welt, deren Exzesse sich höchstens im Detail ahnden lassen. Die drastisch beschriebene Gewalt bedient nicht voyeuristische Wünsche, sondern fügt sich als quasi unausweichliches Element in eine bedrückende Gesamtsituation ein.

Derek Raymond, Bastei Lübbe





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