Nacht über Algier

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Paris: Julliard, 2004, Titel: 'La part du mort', Seiten: 414, Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2006, Seiten: 402, Übersetzt: Frauke Rother, Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2008, Seiten: 402

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Jörg Kijanski
Gier und Rache, ein Land am Abgrund

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2006

1988: Kommissar Brahim Llob ist seit geraumer Zeit zur Untätigkeit verdammt, da nicht das kleinste Vergehen nach einer Aufklärung schreit. So vertrödelt er Stunden und Tage, die jedoch zunehmend unruhiger werden, da ausgerechnet sein von ihm geschätzter Mitarbeiter Inspektor Lino auf Abwege gerät. Lino ist frisch verliebt, doch seine neue Luxus-Flamme Nedjema ist gleichzeitig die Geliebte von Haj Thobane, einem der einflussreichsten Männer des Landes. Während Lino mehr und mehr die Kontrolle über sein Leben zu verlieren droht und jede kollegiale Hilfe rundweg ablehnt, droht Algier eine weitaus größere Gefahr. Der "Namenlose", ein Serienmörder der für mindestens zwanzig Morde seit siebzehn Jahren abwechselnd in Haft und Psychiatrie einsitzt, soll aufgrund eines Amnestieerlasses des Präsidenten freigelassen werden.

 

"Mit wem habe ich die Ehre?"
"Mit der Justiz."
"Wo ist die Augenbinde?"

 

Schon wenige Tage nach der Freilassung des Namenlosen passiert es. Bei einem Attentat auf Haj Thobane wird irrtümlich dessen Fahrer durch mehrere Schüsse getötet. Am Tatort werden mehrere Patronen gefunden, auf zweien befinden sich Fingerabdrücke von Lino, dessen Dienstpistole die Tatwaffe ist. Lino wird verhaftet und Llob versucht mit allen Mitteln ihm zu helfen. Dazu muss er zunächst die Identität des Namenlosen klären und so führen ihn seine Recherchen, gemeinsam mit einer schönen Historikerin, in die Berge von Sidi Ba, wo es 1962 nach Ende des Befreiungskrieges und dem endgültigen Rückzug der französischen Armee zu Greueltaten und Massenhinrichtungen gegen vermeintliche Verräter kam ...

Autopsie eines im Todeskampf befindlichen Landes

Die Kämpfer und Anhänger von ALN und FLN (Nationale Befreiungsfront, nach der Unabhängigkeit 1962 über Jahrzehnte das allein herrschende Einheitsregime) haben viele Hoffnungen in den Menschen geweckt. Weg von den Besatzern, ein freies Land sowie Bildung, Wohlstand und Chancengleichheit für alle. Stattdessen ein sozialistischer Staat, in dem sich die Oberschicht und Menschen wie Haj Thobane alles an sich reißen und die Masse in trostloser Armut versinkt. Auch Brahim Llob, einst als Mudjaheddin am Krieg beteiligt, sieht kaum noch Hoffnung für sein geliebtes Land. Er selber lebt in einem normalen Viertel, in dem man unter anderem darauf angewiesen ist, dass einem seine Wasserration zugeteilt wird, um wenigstens ab und an baden zu können.

 

"Was soll's? Es gibt nun mal Menschen, die so veranlagt sind: durchtrieben, weil sie unfähig sind, aufrecht zu gehen, schlecht, weil sie den Glauben verloren haben, und unglücklich, weil sie das im Grunde wunderbar finden. Seit es uns Algerier gibt, haben wir niemals wirklich daran gedacht, uns mit unserer Wahrheit zu versöhnen. Und was für ein Heil soll man einer Nation verordnen, wenn ihre besten Söhne, die berufen wären, das öffentliche Gewissen wachzurütteln, als erstes ihr eigenes abgeben?"

 

Llob ist einer der ganz wenigen anständigen (und daher armen) Ermittler, der störrisch wie ein Maulesel permanent mit dem Kopf gegen die Wand rennt und bei Freund und Feind ständig aneckt, wenngleich sich in einer Szene des Romans verdeutlicht, dass auch er noch weit von einem Demokraten entfernt und zumindest ein bisschen noch den alten Idealen verhaftet ist.

Schonungslos zeigt der großartige Mohammed Moulessehoul, der sich bis zu seinem Exil zunächst den Vornamen seiner Frau als Pseudonym bediente, den besorgniserregenden Zustand eines dahinsiechenden Landes auf. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die soziale Schieflage ihren Bann bricht und der nächste Bürgerkrieg folgt.

 

"Man braucht sich nur anzusehen, wie unsere Helden sich aufführen. Sie haben die Flagge der Revolution eingeholt, damit sie ihr eigenes Fähnchen besser nach dem Wind hängen können. Tag für Tag beleidigen sie das Gedächtnis der Toten, und jeden Abend legen sie sich nieder wie die Hunde auf den Fußabtreter der Schwüre."

 

Bis dahin ermittelt Llob mit vollem Einsatz und kommt dabei nicht nur schrecklichen Kriegsverbrechen auf die Spur, sondern auch einem gigantischen Komplott, dessen größte Marionette zu seinem Erstaunen er selber ist. Politisch, sozialkritisch, hoch analytisch, kriminell spannend und mit einem locker-schnoddrigen Erzählstil geschrieben bietet Nacht über Algier alles, was einen packenden Thriller auszeichnet.

Nacht über Algier

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Letzte Kommentare:
16.03.2012 10:46:59
Udo

ein spannendes Buch, und ich hoffe, dass es auch annähernd die Verhältnisse wiedergibt.
Allerdings zeigt es die grundsätzlichen Veränderungen nach revolutionären Machtwechseln auf: die neuen Herren richtigen sich ein wie die vorherigen Sepoten solange es keine mächtigen Opposition gibt.
Gerade aktuell wieder bei den arabischen Revolutionen sichtbar.
z.B. auch Gaddaffi war mal Revoluzzer und ist dann zum selbstgefälligen Bereicherer korrumpiert
Dies alles zeigt das Buch nachvollziehbar und spannend.
Entwickle mich mit solchen Büchern jetzt langsam zum Romanleser.

02.11.2006 22:33:01
Hans

Was für ein faszinierendes Buch! Über eine ungemein spannende Krimihandlung gelingt es dem Autor, aus dem französischen Exil heraus überaus kritische Fragen an Vergangenheit und Gegenwart seiner Heimat Algerien zu stellen, Zusammenhänge aufzuzeigen, die mir bisher völlig fremd waren. Der Autor steht, so finde ich, damit in der großen sozialkritischen Krimitradition der schwedischen Autoren Sjöwall und Wahlöö. Für anspruchsvolle Krimileser und aufgeschlossene Zeitgenossen möchte ich das Buch ausdrücklich empfehlen.

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