Herbst der Chimären

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Paris: Éd. Baleine, 1998, Titel: 'L´automne des chimères', Seiten: 175, Originalsprache
  • Innsbruck: Haymon, 2001, Seiten: 157, Übersetzt: Regina Keil-Sagawe
  • Zürich: Unionsverlag, 2002, Seiten: 141

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Jörg Kijanski
Kein üblicher Krimi, aber erneut ein lesenswerter Plot von Yasmina Khadra

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2003

Arezki Nait-Wali, einer der bedeutendsten Maler seines Landes, trauert um seinen ermordeten Bruder, der in seinem Heimatdorf Igidher beigesetzt wird. Begleitet wird er von seinem Freund Brahim Llob, der ebenfalls aus Igidher stammt, und seit über zwanzig Jahren bei der Polizei in Algier seinen Lebensunterhalt verdient. Doch die Zeiten haben sich geändert; Llob, der nicht nur seinen Vorgesetzten oftmals ein Dorn im Auge war, hat es sich mit den Mächtigen des Landes endgültig verscherzt. Unter einem Pseudonym schreibt er in seiner Freizeit Kriminalromane, welche jedoch primär dazu dienen auf die desolaten Verhältnisse seines durch Krieg und Korruption zerstörten Landes aufmerksam zu machen. Sein neuestes Buch ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und so erfährt Llob nach seiner Rückkehr aus Igidher von seiner Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand.

 

"Die Verantwortlichen? Welche Verantwortlichen? Meinst du die Komiker, die man in den Nachrichten sieht, diese hoffnungslosen Hanswürste? In unserem Land, Mohand, gibt es nichts als Schuldige und Opfer. Wenn du ein Problem hast, ist es dein Problem."

 

Menschlich tief getroffen und frustriert fällt er in ein Loch, zumal ihm zunehmend die offene Verachtung der Mächtigen entgegenschlägt. Nachdem er seine Wohnung total verwüstet vorfindet und sich tagelang verfolgt sieht, muss er gar um sein Leben fürchten. Dann erfährt er plötzlich Hilfe von unerwarteter Seite, gar ein Wiedereinstieg in den Polizeidienst sei doch kein Problem, er müsse sich nur öffentlich von seinem letzten Roman distanzieren. Doch Llob lehnt ab...

 

"Bei uns zu Hause, in den Bergen der Nait-Wali, besteigt kein Reiter mehr ein Ross, das ihn einmal abgeworfen hat."

 

Den vorliegenden Plot als "Kriminalroman" zu bezeichnen dürfte nicht jedem Leser spontan einfallen, denn es gilt keinen "Fall" zu lösen. Brahim Llob, der ständig nörgelnde und gegen die Obrigkeit aufbegehrende Ermittler, erhält die Quittung für sein konsequentes Verhalten. Er wird entlassen, sieht sich verfolgt und gerät zudem in die Wirren des Krieges als er zu einer weiteren Beerdigung erneut nach Igidher fährt, wo plötzlich Fundamentalisten das Dorf angreifen. Bitterböse und mit höchstmöglichem Zynismus schreibt der ehemalige Offizier Mohammed Moulessehoul über die Zustände in seinem geliebten Vaterland, dass sich vor allem der Selbstzerstörung hingibt.

 

"Was gedenkst du zu tun?"
"Nachdenken."
"Darf ich daraus folgern, dass ich dich in Ruhe lassen soll?"
"Ich bin stolz auf deinen Scharfsinn!"

 

Dabei ist Brahim Llob bekanntlich Moulessehouls alter ego, was sich auch darin zeigt, dass Llob unter dem Pseudonym Yasmina Khadra seine Bücher schreibt und in einer Romanszene für seinen Roman Morituri gelobt wird. Yasmina Khadra sind die beiden Vornamen von Moulessehouls Ehefrau, die er bis heute als Autorenname benutzt. Ursprünglich dienten sie zu seinem Schutz bevor er die Armee verließ und nach Frankreich ins Exil ging. Morituri war jener großartige Roman, welcher den Auftakt zu der Kommissar-Llob-Trilogie bildete, die - nach Doppelweiß - durch das vorliegende Werk zu einem würdigen Abschluss fand. Umso erstaunlicher, dass es Jahre später mit Nacht über Algier einen weiteren Fall für Llob gab.

 

"Ich hoffe, du hast nicht gerade alles wieder kaputtgemacht."
"Tut mir leid."
"Ich habe es ja geahnt. Wenn einer mehr Stolz als gesunden Menschenverstand hat..."
"Für beides gibt es in diesem Land keine Verwendung mehr."

 

Die Zustände Algeriens und die vergebenen Chancen über Jahrzehnte, ein Land aufzubauen und einen gewissen Wohlstand für alle zu schaffen, ist die wahre Herzensangelegenheit des Autors. Mit bildhafter Sprache und galligem Humor versucht er die Schrecken des Krieges einigermaßen "lesbar" zu machen, wo doch in Wirklichkeit nur Hass und blinde Zerstörungswut herrschen. Einige wenige Reiche haben sich das Land unter den Nagel gerissen, während die überwiegende Mehrheit in bitterer Armut ums tägliche Überleben kämpft und nahezu jede Hoffnung verloren hat. Folglich versuchen die Machthaber das Land zu destabilisieren und vom eigentlichen Problem abzulenken. Herbst der Chimären ist kein Krimi im klassischen Sinn, es ist vielmehr eine literarische Bestandsaufnahme eines Landes am Abgrund und – wie nahezu alle Romane des preisgekrönten Autors – auch heute noch lesenswert.

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