Morituri

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • Paris: Éd. Baleine, 1997, Titel: 'Morituri', Seiten: 164, Originalsprache
  • Innsbruck: Haymon, 1999, Seiten: 159, Übersetzt: Bernd Ziermann & Regina Keil-Sagawe
  • Zürich: Unionsverlag, 2001, Seiten: 155

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Jörg Kijanski
Ein gewalttätiger Polizeiroman, Einblick in ein unbekanntes Land und ein Krimiplot mit überraschendem Ende

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2003

In Algier herrscht Chaos. Ein blutiger Bürgerkrieg, in dem religiöse und andere Fundamentalisten vor allem Jagd auf Polizisten und Intellektuelle machen, reiben das Land und die Stadt auf. Kommissar Brahim Llob ist im höchsten Maße besorgt um das Leben seiner Familie, denn Personen die Polizisten nahe stehen, sind begehrte Zielobjekte. In dieser Zeit ist es fast unmöglich, vernünftige Ermittlungen zu leiten, denn welcher Zeuge hat schon ein Interesse daran, sich mit einem Polizisten zu unterhalten, geschweige denn, mit einem gesehen zu werden.

Ghoul Malek, einst einflussreiches Mitglied der alten Nomenklatura zu Zeiten der Einheitspartei bittet Llob um Hilfe, da dessen Tochter Sabrine seit einigen Wochen verschwunden ist. Zuletzt wurde sie in Begleitung von Mourad Atti gesehen, einem zwielichtigen Zuhälter. Eine erste Spur führt Llob in das Cinq Etoiles, ein neues Hotel, in dem die angestellten Damen dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Doch dort will man Sabrine nie gesehen haben. So bleibt nach weiteren Fehlversuchen nur die Suche nach Mourad Atti, doch als Llob und sein getreuer Helfer Lino schließlich Atti finden, ist dessen Gesicht von einer Gewehrladung völlig entstellt und sein Körper vermint.

Wenig später erhält Llob einen Anruf von Anissa, einem jungen Mädchen, das im Cinq Etoiles arbeitet. Diese will ihm auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung einen wichtigen Tipp geben, doch auch hier kommt Llob zu spät. Er findet Anissa ermordet in einem Zimmer der Gastgeberin vor. Llob findet heraus, dass Anissa eigentlich Soria Atti hieß und die Cousine von Mourad war. Und so folgt Llob plötzlich einer ganz neuen Spur, dem Tod von Abbas Laouer. Der Direktor der Nationalbank, dessen Fonds ein Defizit von 120 Millionen aufwies, erlag angeblich einem Herzinfarkt während der Ausübung außergewöhnlicher sexueller Praktiken. Seine damalige Gespielin war Anissa. Doch auch von Mord war die Rede und so führt Llobs Spur plötzlich in die höheren Kreise der Gesellschaft...

Start der Algerien-Trilogie um Kommissar Llob.

"Morituri" ist der Beginn der Algerien-Trilogie mit Kommissar Llob aus Algier, deren dritter Band "Herbst der Chimären" 2002 den Deutschen Krimipreis gewann. Alle drei Teile erschienen 2006 in einem preiswerten Sammelband des Unionsverlages und dort in der von Thomas Wörtche, deutschen Krimikennern gewiss kein Unbekannter, herausgegebenen und sehr empfehlenswerten "metro"-Reihe. Dabei sind die Entstehung der Romane und deren Veröffentlichung nicht minder spannend als deren Inhalt, denn Yasmina Khadra ist bekanntlich das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Dieser konnte seine Bücher Ende der 1990er Jahre nicht in Algerien veröffentlichen und so tat dies für ihn seine in Frankreich lebende Frau, deren Name ihm als Pseudonym diente. Ein Pseudonym, welches übrigens bis heute beibehalten wurde.

Zurück zu "Morituri": Der Schreibstil des Autors liegt in der Tradition des Polizeiromans, wobei Khadra diesen radikalisiert. In einer Zeit, in der Polizisten zum Freiwild erklärt werden, wo während einer Besprechung eine Bombe das Polizeiquartier erschüttert, da sind den Beamten viele Mittel recht.

 

"Es gibt, wie es heißt, drei Instanzen, die über die Menschen urteilen. Das Gewissen, die Justiz und Gott. Die ersten zwei können sich irren, die dritte Instanz jedoch nie. Der werden Sie jetzt vorgeführt."
"Das meinen Sie doch nicht im Ernst, Kommissar! Sie sind Polizist. Sie haben nicht das Recht dazu."
"Ich fürchte, es ist das letzte Recht, das mir noch geblieben ist."

 

Nein, zimperlich ist Llob keineswegs bei der Wahl seiner Mittel und seine Methoden sind daher mehr als gewöhnungsbedürftig, wenngleich aufgrund der gesellschaftlichen Umstände verständlich. Dass er ein Einzelgänger ist, der seine Mitarbeiter eher herablassend behandelt und gerne auch mal dem Polizeidirektor ins Gesicht sagt, was er von ihm hält (nämlich nicht allzu viel), versteht sich fast schon von selbst.

 

Irgend jemand flüsterte mir zu: "Gott ist groß."
"Die Hölle auch", gebe ich zurück.

 

Doch "Morituri" ist mehr als ein weiterer herkömmlicher Krimi, denn er ist auch eine Liebeserklärung an ein in Deutschland eher unbekanntes Land. Obwohl immer wieder Morde, sinnlose Attentate und Anschläge geschehen, so findet Llob dennoch immer wieder Zeit darüber zu sinnieren, wie wundervoll sein geliebtes Vaterland eigentlich ist. Trotz allem gelingt es Khadra aber, seinen Sinn für Humor beizubehalten. Gleich an mehreren Stellen darf man sich über die bildgewaltige Ausdrucksweise Llobs erfreuen.

 

"Verstehen Sie etwas von darstellender Kunst, Kommissar?"
"Ich kann ziemlich sicher den Unterschied zwischen Salvador Dali und einem einfachen Anstreicher erkennen."

 

Ein Polizeiroman, den nur wenige Personen überleben werden, ein Einblick in ein weitgehend unbekanntes Land und ein Krimiplot dessen Ende überrascht. Was will man mehr? Und so soll das Ende (dieser Rezension) diesmal der Anfang (der erste Satz des Romans) sein:

 

"Blutüberströmt liegt der Horizont da und bringt durch einen Kaiserschnitt einen Tag zur Welt, für den sich die Mühe letztlich nicht gelohnt haben wird."

 

 

Morituri

Morituri

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Letzte Kommentare:
11.01.2007 19:59:18
Wolle

Ich war begeistert von der blumigen Spache. Sie entspricht dem, was ich mir unter arabischer Erzählkunst vorstelle. Und selten hat mir jemand so aktuell und klar geschildert, wie Terrorismus entsteht, wie er letztlich fern ab aller ideologischen Überhöhung funktioniert und wie zu verstehen ist, was in diesem Land passiert. Das es sich nicht um eine Dokumentation handelte, war mir schon klar.

02.07.2005 21:15:44
Adrian

Wie schon öfters, habe ich in "Krimi-Couch" nach neuen Figuren gesucht. So bin ich auch auf diesen Roman gestossen und habe ihn umgehend gekauft.
Doch was für eine Enttäuschung - ich schaffte es nur bis etwa Seite 30!!!
Absolut übetrieben beschriebene Lebensbdingungen (Hauptpreson überlebt mehrere Tage ohne Attentatsversuch), lächerliche Sprüche, Weisheiten und Vergleiche für eine Geschichte, die sich in einem islamischen Land abspielt (sogar für New York deplatziert) und uninteressante Anfang - aber vielleicht ist das Buch auch nur sehr schlecht übersetzt?

21.04.2004 17:38:42
daniel oprea

kann dir beipflichten, remo

meine meinung: starker auftritt des komissarrs. fette sprüche. sarkasmus. gute erzählweise. auch wenn der inhalt eher unlustig ist, algerien, der krieg, die ganzen drahtzieher, ihre machenschaften, etc, musste ich doch mind 3 mal in einen lachkrampf geraten

29.02.2004 18:15:19
Remo

Nicht nur das diese Buch unter Lebensgefahr geschrieben und verlegt wurde, nein auch die Kontroverse zwischen poetischer Sprache und brutaler Handlung machen dieses Buch zu einer Wucht. Trotz dem für europäische Leser ungewöhnlichen Handlungsort- und weise, ist die Identifikation mit Kommisar Llob einfach, wenn auch manchmal beängstigend.
Wer nicht bereit ist in fremde Welten abzutauchen kann ich es nicht empfehlen, dem weltoffenen Krimileser öffnen sich jedoch neue Dimensionen. Stark!

Remo

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