Carvalho und der tote Mittelstürmer

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Planeta, 1988, Titel: 'El Delantero centro fue asesinado al atardecer', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990, Titel: 'Schuss aus dem Hinterhalt', Seiten: 235, Übersetzt: Bernhard Straub
  • München: Piper, 2006, Titel: 'Schuss aus dem Hinterhalt', Seiten: 235
  • Berlin: Wagenbach, 2014, Seiten: 256

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Wolfgang Reuter
Unverkennbar und unvergleichlich

Buch-Rezension von Wolfgang Reuter Jul 2006

Dieses Buch ist bereits 1988 erschienen und befindet sich innerhalb der legendären Pepe-Carvalho- Serie etwa am Ende des mittleren Drittels. Bei Rohwolt erschien die Deutsche Erstausgabe 1990, und nun, 2006, im Jahr der Fußball - WM, finden wir den Krimi bei Piper verlegt. Wahrscheinlich nicht ganz zufällig, handelt es sich doch vordergründig um einen "Fußballkrimi".

Montalban, der Katalane, der in seiner Krimiserie um den Privatdetektiven Pepe Carvalho ein überdimensionales Spiegelbild der Spanischen Gesellschaft in der Zeit nach Franco entworfen hat ( wie in der Krimi-Couch bereits mehrfach ausgiebig gewürdigt!), registriert gegen Ende der 80-er Jahre die gravierenden wirtschaftlichen, sozialen und architektonischen Veränderungen in seiner Heimatstadt Barcelona in Hinblick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele. Dieses Thema beschäftigt ihn in mehreren Büchern, von "Schuss aus dem Hinterhalt" über "Verloren im Labyrinth" bis zu "Krieg um Olympia".

Die Handlung ist kurz umrissen: Der größte Fußballverein Barcelonas möchte wieder spanischer Meister werden und verpflichtet den englischen Stürmerstar John Mortimer. Ein anderer lokaler Verein, der traditionsreiche FC Centellas, kämpft gegen das sportliche und wirtschaftliche Ende und verpflichtet den alternden, gescheiterten Stürmer Alberto Palacin. Da tauchen schriftliche Morddrohungen gegen John Mortimer auf, verfasst in einem literarisch hochwertigen Stil. Pepe Carvalho wird zusätzlich zur Polizei eingeschaltet und im Verein als Psychologe eingeschleust, um Mortimer zu schützen.

Ein drogensüchtiges Pärchen treibt sein Unwesen, Bodenspekulanten torpedieren die Bemühungen des FC Centellas, die lokale Unterwelt greift ein, Rauschgift wird verteilt, es geschieht ein Mord...

Das ist nur vordergründig ein Fußballkrimi. Montalban begreift diese Sportart als soziologisches Phänomen und entwickelt daraus ein beeindruckendes, gesellschafts- und sozialkritisches Panoptikum. Stichwort Heldenmythos. Sprachgewaltig, wie gewohnt, selbstironisch und doch resignierend. Denn die äußeren Feinde seines geliebten Barcelona - Globalisierung, Spekulantentum, etc.- sind in ihren fatalen Auswirkungen für die Stadt unaufhaltsam (Montalban sagte einmal selbst: "Gegen Franco lebten wir besser"). Und so kann Carvalho auch nur auf Nebenschauplätzen mit Erfolg ermitteln. Und sich ausgiebig mit seinem Privatleben, insbesondere seiner "Familie" - Charo, Biscuter, Bromuro etc.- befassen.

Montalban zeigt sich auf der Höhe seiner literarischen Meisterschaft. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit und Sicherheit er Tatbestände in Form von philosophischen und literarischen Diskussionen beschreibt. Sozialkritik ist bei ihm stets eindringlich und unbarmherzig, er steht immer auf der Seite der sozial Schwachen und Benachteiligten. Mit scharfem Blick beschreibt er ungeschminkt und doch warmherzig das Leben der Lebensunfähigen und die Beziehungen der Beziehungsgestörten, allen voran Carvalho. Immer wieder entstehen wie aus dem Nichts Momente großer Literatur.

Natürlich wird auch ausgiebig gekocht und geschlemmt, und alle haben Probleme mit dem zunehmenden Alter. Montalban steht neuen Methoden der Polizei skeptisch gegenüber und zieht diese in Form von literarischen Ambitionen eines Inspektors durch den Kakao. Erst gegen Ende läuft Carvalho als Ermittler zu Hochform auf, bevor eine persönliche Tragödie dieses Buch etwas melancholisch beschließt.

"Schuss aus dem Hinterhalt" erreichte 1991 in der Kategorie "International" den dritten Platz des Deutschen Krimipreises. Montalban hatte dazu wahrscheinlich seine persönliche Meinung. Doch Ehre, wem Ehre gebührt. Ein anspruchsvolles, literarisch hochwertiges Buch, unverkennbar und unvergleichlich aus der Feder des großen Manuel Vasquez Montalban.

Carvalho und der tote Mittelstürmer

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Letzte Kommentare:
03.11.2006 18:05:46
Wolfgang Reuter

Ja, das ist eben der Fluch der Abstraktion, oder die gefährliche Verführung - 95%! Und dann: Böses Erwachen! Man kann sich aber auch auf nichts mehr verlassen. immer muss man diese verfluchten Bücher selber lesen. Und sich eine eigene Meinung bilden.

Aber genau darauf kommt es ja an, auf die eigene Meinung. Die habe ich - und eben auch Ulrich. Warum ich zu dieser Wertung gekommen bin, habe ich ausführlich begründet. 95% erreicht z.B. auch Agatha Christie, und doch sind die beiden durch nichts miteinander vergleichbar. Ist Agatha Christie weniger "anspruchsvoll"? Was ist eigentlich ein "anspruchsvoller Autor"? Einer, der die Ansprüche der LeserInnen bedient? Oder einer, der schwer verständlich ist? Bei dem man einschläft?

Montalban als Mittel gegen Müdigkeit halte ich für eine eigenwillige Spielart des Surrealismus. Da ist eine Tasse Kaffee wohl besser geeignet.

03.11.2006 10:00:20
Ulrich

Das war ein böses Erwachen oder besser: ein mühsames Wachbleiben bei dieser Lektüre. Ich hatte mich auf die 95° der Krimi-Couch verlassen und frage mich jetzt, wie diese Wertung zustande gekommen ist.
Dass da viel Sozialktitisches einfließt, ist ja gut und schön, aber wer hat sich nicht schon selbst seine Gedanken gemacht über Fußballfans, die über die Stränge schlagen, über die Mentalität der Massen, deren IQ nicht unbedingt der höchste sein wird.
Ich bin jetzt auf der 181. von 236 Seiten, kämpfe mich weiter und warte auf den Schuss (hier natürlich "Schuß", weil alles noch in alter Deutscher Rechtschreibung gedruckt ist).- Montalban mag als anspruchsvoller Autor geschätzt werden, warum ich auch einige andere Bücher von ihm las, aber ich kann mich an keines erinnern, das mich so verdross und langweilte.