Der zerrissene Vorhang

Erschienen: Januar 1995

Bibliographische Angaben

  • New York: Viking, 1994, Titel: 'A broken vessel', Seiten: 289, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1995, Seiten: 343, Übersetzt: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 343

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Jörg Kijanski
Verwirrung wie einst bei Hercule Poirot

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2006

Der Dandy und Modetrendsetter Julian Kestrel erhält eines Abends besonderen Besuch. Sein Diener Dipper hat seine Schwester Sally, welche in den Niederungen von Haymarket ihrem Gewerbe als Prostituierte nachgeht, mit in die Wohnung gebracht. Sie hatte an dem Abend bereits drei Kunden, von denen der letzte sie brutal zusammenschlug. Kestrel bietet umgehend seine Hilfe an. Während sie zusammen sitzen, fallen drei Taschentücher, die Sally zuvor den Männern entwendet hatte, zu Boden. Unter den Tüchern entdeckt Kestrel einen Brief, in dem eine Frau offensichtlich einen Familienangehörigen um Hilfe bittet, da sie sich in einer Notlage befindet. Sofern der ungenannte Adressat ihr helfen wolle, würde er sie in Stark Street 9 finden.

Kestrel, der erst wenige Monate zuvor einen Mord auf dem Landsitz Bellegarde aufklären konnte, wird neugierig und beschließt, gemeinsam mit Sally, der Sache nachzugehen. Doch es gibt reichlich Probleme, denn nicht nur das Absenderin und Adressat des Briefes unbekannt bleiben, Sally weis auch nicht, wem die einzelnen Taschentücher gehört haben. Lediglich aufgrund ihrer Beschreibung erkennt Kestrel in einem der Kunden Charles Avondale, den Sohn von Lord Carbury, einem Mitglied des Hochadels. Diesen jedoch einfach so auf einen Brief anzusprechen verbietet sich für einen Gentleman wie Kestrel natürlich und so führt die einzige Spur in die Stark Street 9, in der sich die "Gesellschaft für Resozialisation" befindet. Diese nimmt "gefallene Frauen" auf, um sie auf den rechten Weg zurückzubringen. Kurzerhand bittet Sally dort um Aufnahme, doch unmittelbar nach ihrem Eintreffen wird eine der dort wohnenden Frauen tot aufgefunden. Wie sich alsbald herausstellt handelt es sich um die anonyme Briefeschreiberin, die offensichtlich auch aus höheren Kreisen stammte. Der Fall wird schnell als Selbstmord (Überdosis Laudanum) abgetan, aber Kestrels Interesse ist geweckt, denn warum sollte eine Frau Selbstmord begehen, wenn sie erst wenige Tage zuvor einen Hilferuf verschickt hat und somit eigentlich noch auf ihren "Retter" warten müsste? Und auch einige andere Dinge wollen nicht recht zusammen passen. So begibt sich eines der ungewöhnlichsten Ermittlertrios an die Aufklärung des Falles...

Ein Dandy, eine Prostituierte und ein Diener, der ursprünglich einer der besten Taschendiebe Londons war, sind zugegeben ein Trio, welches dem Roman seinen besonderen Reiz verleiht. Sally sieht neben der Aufklärung eines Rätsels dabei genauso die Gelegenheit, an einen Mann heran zu kommen, der gesellschaftlich gleich mehrere Stufen über ihr steht. Doch mit ihrem vorlaut-frechen Mundwerk stößt sie bei Kestrel zunächst auf wenig Gegenliebe:

"Ich gebe meinen Freiern immer Namen. Für Sie fällt mir bestimmt auch noch einer ein."
"Ich denke nicht, dass das nötig sein wird. Ich hatte nicht vor, mit ihnen in geschäftliche Beziehungen zu treten."

Bei ihren Ermittlungen stoßen die Drei offenbar in ein riesiges Wespennest, in dem sie zunehmend Informationen sammeln und beinahe darin unterzugehen drohen. Dabei werden an fast jedem Kapitelende die gesammelten Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst, verbunden mit mehreren Fragen, die den Wert der Informationen gleich wieder in Frage stellen. So steigert sich allmählich die "Verwirrung" wie man es von den Klassikern einer Agatha Christie und Co. kennt bis hin zum furiosen Finale. Geschickt werden von Kate Ross zahlreiche falsche Spuren gelegt und die Auflösung hat es wahrlich in sich:

"Den Beamten wurde beinahe ein bisschen schwindlig bei diesem Durcheinander von Verschwörungen und Gegenverschwörungen, Verwechslungen und getäuschtem Vertrauen."

Dem Leser ergeht es ähnlich, aber wen ein sehr stark konstruierter Plot nicht abschreckt, findet hier kurzweilige Unterhaltung, welche darüber hinaus einen interessanten Einblick in das Thema "Prostitution" Mitte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts in London gibt. Bei der Figurenzeichnung gibt es leichte Abzüge und auch die "Atmosphäre" lässt bisweilen arg zu wünschen übrig. Gaslaternen und Droschken allein, versetzen den Leser leider nur begrenzt in die damalige Zeit.

Dennoch: Für Freunde "klassischer Plots" auf jeden Fall empfehlenswert!

Der zerrissene Vorhang

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