In kalter Absicht

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 2001, Titel: 'Det som er mitt', Seiten: 367, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2002, Seiten: 364, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 364
  • München; Zürich: Piper, 2004, Seiten: 364
  • Augsburg: Weltbild, 2006, Seiten: 364

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Peter Kümmel
Spannung auf vielerlei Art

Buch-Rezension von Peter Kümmel Sep 2003

Inger Johanne Vik ist Psychologin und Juristin und ist als Universitätsdozentin tätig. Sie ist geschieden und als Mutter einer 6-jährigen gesitig behinderten Tochter, die abwechselnd von ihr und ihrem ehemaligen Mann betreut wird, sehr eingespannt.

Beruflich ist sie zur Zeit mit einem Forschungsprojekt beschäftigt. Sie befasst sich mit älteren Kriminalfällen, bei denen die Verurteilten ihre Unschuld beteuern. Dabei untersucht sie den Einfluß der Medien sowie den von Außenstehenden, die noch jahrelang weiterkämpfen. Dabei stösst sie auf den Fall Aksel Seier. Der als Sexualmörder verurteilte Seier wurde bereits vor vielen Jahren aus der Haft entlassen, ohne daß die Öffentlichkeit darüber informiert wurde. Sämtliche Unterlagen über diese Haftentlassung sind jedoch verschwunden.

Hauptkommissar Yngvar Stubø wird durch einen Fernsehauftritt auf Inger Johanne aufmerksam, bei dem sie sich ausgenutzt vorkommt und die laufende Sendung verlässt. Er versucht sie für einen aktuellen Fall als Profiler zu gewinnen. Zwei kleine Kinder sind verschwunden: die 8-jährige Emilie und der 5-jährige Kim. Die Polizei vermutet einen Zusammenhang, obwohl sie dafür keinerlei Indizien hat.

Der kleine Kim wird nach wenigen Tagen tot im Keller seiner Eltern gefunden, eingewickelt in einen Müllsack mit einem Zettel versehen, auf dem stand: "Du hast bekommen, was Du verdienst." Merkwürdig dabei: Die Pathologie konnte die Todesursache nicht feststellen.

Doch Inger Johanne sperrt sich gegen eine Mitarbeit. Sie möchte sich nicht dadurch noch mehr belasten und behauptet, aus zwei Fällen, von denen man noch nicht mal sicher ist, ob sich miteinander zusammenhängen, könne man kaum Schlüsse auf den Täter ziehen. Kurz danach wird ein weiteres Mädchen aus dem Bus entführt und den Eltern mittels eines Paketes tot überbracht. Auch hier wieder der Zettel mit dem gleichen Spruch und auch wieder die Todesursache nicht feststellbar.

Nachdem Inger Johanne von einem Besuch bei Aksel Seier, der nicht sehr erfolgreich war, aus den USA zurückkehrt, sucht Stubø sie in ihrer Wohnung auf, wo er sie schließlich doch zur Mitarbeit überreden kann.

Gerade durch die sehr sachliche Beschreibung der Angst der Kinder sowie durch das unvermittelt in das Geschehen eingefügte Auffinden der Leiche des kleinen Jungen würde ich das Buch als sehr harte Kost bezeichnen. Eben durch das Fehlen von Brutalität wirkt das Geschehen sehr real und geht einem beim Lesen doch sehr nahe.

Die 363 Seiten des Buches sind in 69 sehr verschieden lange Kapitel eingeteilt, mal 20 Seiten lang, mal nicht mal eine. Die Szenen wechseln sehr häufig. Dadurch wird die Spannung oft hochgehalten. Auch die Perspektiven wechseln oft ab. Überwiegend befindet sich der Leser auf der Seite der Ermittler; mal bei Inger Johanne, mal bei der Polizei. Doch zwischendurch wird das Geschehen auch immer wieder aus der Sicht des Täters geschildert, ohne daß man jedoch den Täter sozusagen wirklich zu Gesicht bekommt. Er bleibt mehr eine abstrakte Gestalt, die eher durch die Angst und das Verhalten der in seiner Gewalt befindlichen Kinder Konturen erlangt.

"In kalter Absicht" ist kein "Whodunit"-Krimi. Entscheidend ist nicht, "wer" der Täter ist, sondern viel vordringlicher ist die Frage nach dem Motiv. Man kann die Gedanken der Ermittler mitverfolgen. Die Suche nach Zusammenhängen zwischen den entführten Kindern, z.B. nach gemeinsamen Bekannten ihrer Eltern, wirkt sehr realistisch. Dieser Realismus wird sicherlich auch dadurch geweckt, das sich die Kriminalisten dabei oft verrennen, Fehler machen oder in eine Sackgasse geraten. Da Anne Holt selber Polizistin war, weiß sie natürlich, wovon sie schreibt, und man nimmt es ihr auch ab.

Die Autorin versteht ihr Handwerk ausgesprochen gut. So erzeugt sie auf vielerlei Art Spannung. Immer wieder entwickelt sie neue Spuren, mögliche Motive oder kreiert Tatverdächtige, um das meiste davon schrittweise wieder zu verwerfen. Auch Spuren, die in die Vergangenheit führen, lassen den Leser immer wieder eigene Phantasien entwickeln.

Daß der zweite Handlungsstrang, der die Protagonistin für ihre Forschungszwecke nach Amerika führt, irgendeinen Bezug zu den Mordfällen bekommt, ist dem erfahrenen Krimileser natürlich klar, doch ist dies so geschickt angelegt, dass dieser Zusammenhang bis kurz vor Schluß des Romans im Dunklen bleibt.

Anne Holt baut ihre Charaktere sehr detailliert und vielschichtig, aber auch sehr langsam, in einzelnen Portionen auf. Hervorragend dargestellt dabei die Protagonistin Inger Johanne Vik mit ihren Problemen mit ihrer behinderten Tochter und dazu ihrer beruflichen Arbeit. Da wirkt es überaus glaubhaft, dass sie sich nicht zusätzlich noch mit Kindermorden herumschlagen möchte. Als Leser kann man dann ihren Meinungsumschwung regelrecht miterleben. Auch der Kommissar Yngvar Stubø ist ein sympathischer und interessanter Charakter, auch wenn die Autorin in seinem Lebenslauf mit dem ungewöhnlichen Unfall, bei dem seine Frau und seine Tochter ums Leben kamen, ein wenig zu dick aufgetragen hat. Die sich sehr langsam anbahnende Beziehung zwischen den beiden Hauptdarstellern ist ebenfalls sehr gut beschrieben.

Mit dem Begriff "Psychothriller" wird in diesem Genre oft sehr leichtferig umgegangen. Doch wenn man ein Buch wirklich in diese Sparte einordnen kann und es zudem auch noch als Qualitätsprädikat betrachtet, so ist es dieser Roman.

Bis wenige Seiten vor dem Ende hätte das Buch klar eine bessere Bewertung verdient, doch dann bedient sich die Autorin zur Auflösung des Falles eines solch unglaublichen Zufalls, über den ich mich so geärgert habe, dass ich dem Roman dafür einen Abzug gegeben habe. Bis dorthin so klug und logisch aufgebaut hätte die Autorin dieses Stilmittel nun wirklich nicht nötig gehabt. Den zufälligen Zusammenhang zwischen den Mordfällen und der Person Aksel Seier hätte ich dagegen noch durchgehen lassen, da er im Prinzip keine Relevanz für die Aufklärung des Falles hat. Auch die ungeheuer brutale Darstellung eines Verkehrsunfalls passt so gar nicht zur vorherigen Darstellung.

Ich weiß nicht, ob Inger Johanne Vik Anne Holts bisherige Serienfigur Hanne Wilhelmsen ablösen soll. Die sich anbahnende Beziehung zwischen der Psychologin und dem Kriminalkommissar lässt jedoch solches vermuten.

Ein Roman, den man guten Gewissens in die Sparte Psychothriller einordnen kann. Vom schwachen Ende abgesehen ein unglaublich spannendes und empfehlenswertes Buch, bei dem man, gerade wenn man selber Kinder hat, aber auch mitleiden kann.

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