Tote Tage

  • Kampa
  • Erschienen: Mai 2026
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Michael Drewniok
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2026

Solange sie leben, trauern sie.

Detective Renée Ballard leitet die Einheit „Offen-Ungelöst“ des Los Angeles Police Department. Sie und fünf ehrenamtliche Mitarbeiter/innen untersuchen „kalte“ Fälle, die zwar nie geschlossen, aber aufgrund fehlender Neuerkenntnisse beiseitegelegt wurden, um sie unter Einsatz modernerer Untersuchungstechniken womöglich doch zu lösen.

Da mehr als 6000 solcher Fälle archiviert wurden, geht dem Team die Arbeit nie aus. Aktuell konzentriert man sich auf den „Pillowcase Rapist“, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehrere Frauen vergewaltigt und sein letztes Opfer umgebracht hatte, bevor er untertauchte. Zufällig fand sich in einem ganz anderen Fall ein DNA-Profil, das einen Sohn des Täters offenbart. Der demnach schuldige Vater ist jedoch ein ranghoher Richter, weshalb Ballard mit politischem Widerstand rechnen muss.

Ohnehin ist sie abgelenkt, denn nach einem Einbruch in ihren Wagen fehlen ihr nicht nur Ausweis und Papiere, sondern auch Dienstwaffe und Erkennungsmarke. Der Verlust könnte ihre Karriere beenden, weshalb Ballard sich privat und möglichst unauffällig um die Wiederbeschaffung bemüht. Sie kommt den Dieben auf die Spur - und gerät dabei in ein Komplott übergeschnappter Fundamentalisten, die Waffen für einen Massenmord horten.

Ballard ruft alten Mentor zur Hilfe: Hieronymus „Harry“ Bosch ist sofort dabei und tarnt sich undercover als Waffenhändler, um die Mitglieder der Verschwörerbande zu identifizieren. Parallel dazu wird seine Tochter Maddy, als Polizistin noch in der Ausbildung, für „Offen-Ungelöst“ tätig. Sie ist einem der größten Kriminalrätsel des 20. Jahrhunderts auf die Spur gekommen. Stets unter dem Druck karrieresüchtiger Vorgesetzter und skandalsüchtiger Medien bemüht sich das Team, mehrere komplexe Fälle gleichzeitig zu bearbeiten und zu lösen ...

Sisyphos kann weiblich sein

Zum sechsten Mal stürzt sich Renée Ballard in diverse Strudel. Sie surft gern und liebt auch beruflich das Risiko; man könnte auch sagen, dass sie zeitlose bzw. überholte Werte vertritt und sich deshalb einen Arbeitsalltag antut, der von permanentem Stress und Gegenwind seitens mächtiger Gruppen geprägt ist. Ungeachtet ihrer zähen Gegenwehr und beachtlicher Ermittlungserfolge wurde Ballard nach und nach an den Rand jenes Kreises gedrängt, dessen Mitgliedern der eigene Aufstieg wichtiger als die Polizeiarbeit ist. In „Offen-Ungelöst“ hat sie ihre Nische gefunden, weshalb Ballard jedes Mittel recht ist, als man sie erneut unter Druck setzt.

Autor Michael Connelly kennt die Geschichte des Los Angeles Police Department (LAPD), die reich an Skandalen ist. Korruption, Amtsmissbrauch und Rassismus: Die Liste ist noch länger, und vor allem wiederholen sich die Sünden ständig. Hinzu kommt die ständige Unterfinanzierung der Polizei, während die Arbeitsbelastung fast ebenso zunimmt wie die Zahl lähmender Vorschriften. Der Kreis schließt sich mit den üblichen privaten Problemen, mit denen Connelly signalisieren möchte, dass seine unermüdlich im Dienst befindlichen Ermittler auch Menschen sind; so bürdet er (und uns Lesern) Ballard eine alkoholsüchtige, kriminelle, womöglich gerade umgekommene Mutter auf.

Beinahe die Hälfte ihrer Zeit muss Ballard aufwenden, sich und die Arbeit ihres Teams vor Vorgesetzten zu rechtfertigen, die laut Ergebnisse verlangen, auf die man sich aber nicht verlassen kann, wenn es zu einer Krise kommt, die öffentlichkeitswirksam für Minuspunkte sorgen könnte. Connelly treibt es auf die Spitze, wenn er „Offen-Ungelöst“ quasi nebenbei den wohl spektakulärsten Mordfall der Stadtgeschichte aufklären lässt - den Mord an Elizabeth Short, der „Schwarzen Dahlie“, deren nackte, von Folterspuren gezeichnete und in Bauchhöhe durchtrennte Leiche 1947 aufgefunden wurde.

Vergebliche Ermittlungen und kriminalistische Mythen

Seit Jahrzehnten arbeiten sich mehr oder weniger talentierte Kriminologen, Historiker und Dilettanten an diesem Mordrätsel ab. „Offen-Ungelöst“ weiß, was geschehen ist, aber interne politische Querelen innerhalb des LAPD sorgen dafür, dass die notwendige Schlusserklärung („Fall gelöst“) verweigert wird; für Connelly ein Feigenblatt, hinter dem er verstecken kann, wieso er das Risiko eingeht, sich in die lange Reihe der Dahlien-Explorer einzureihen = eine weitere, ebenfalls nicht belegbare Hinterhistorie zu kreieren.

Obwohl Connelly diese Teilgeschichte spannend erzählt und den Rätsel-Aspekt geschickt hervorhebt, fragt man sich, wieso er sich so weit aus dem Fenster lehnt. ‚Sein‘ Täter trägt zwar die Züge historischer Verdächtiger, aber einen „Emmitt Thawyer“ gibt es nicht und gab es nie. So muss Connelly dafür sorgen, dass die ‚Sensation‘ aufgrund (nicht gerade überzeugender) Gründe abgewürgt wird, bevor sie global/viral gehen kann. Eine ähnliche Fallgrube schaufelte sich 1976 Clive Cussler, der - sich in falscher Sicherheit wähnend - in „Raise the Titanic!“/„Hebt die Titanic!“ den noch nicht wiederentdeckten sowie realiter am Meeresboden zerschmetterten Ozeanriesen bergen und nach New York schleppen ließ. Doch Connelly weiß, dass er nur lauwarme Luft produziert.

Viel plausibler gelingt ihm das für seine Romane typische Geflecht aus parallel laufenden, sich teilweise überlappenden und kreuzenden Erzählsträngen. Zwar bemüht er den Zufall kräftig, aber die daraus folgenden Erkenntnisse fließen harmonisch in das Geschehen ein. Mehrfach kommt es zu Überraschungen, und einmal mehr macht Connelly deutlich, dass auch eingeführte Figuren keineswegs ‚sicher‘ sind. Dieses Mal erwischt es - abermals unerwartet - sogar ein Mitglied des Teams.

Allmähliche Wachablösung

Als Nebenfigur ist wieder Hieronymus „Harry“ Bosch an Renée Ballards Seite. In 24 Romanen hat er Fälle im Alleingang gelöst. Da er ‚real‘ altert, kann er nicht mehr so viril auftreten wie einst und rückte in den Hintergrund. Gleichzeitig ist Bosch in die moderne Kriminalliteratur eingegangen, weshalb ihn der Autor nicht ‚ausschalten‘ kann (oder will), ohne den Zorn seiner Leser zu riskieren. Der alte Bosch unterstützt nicht nur Renée Ballard, sondern auch seinem Halbbruder Mickey Haller, den „Lincoln-Lawyer“, dessen Umtriebe Connelly in einer eigenen Serie beschreibt: Bosch, Ballard und Haller sind Figuren des „Connellyversums“, in dem sich diese und andere Figuren über den Weg laufen können.

Die nächste Generation steht längst in den Startlöchern: Maddie Bosch, Harrys Tochter, ist selbst Polizistin und mindestens ebenso süchtig wie ihr Vater, wenn es darum geht, Verbrechern das Handwerk zu legen. Dieser Aspekt wird durch „Offen-Ungelöst“ noch ausgeweitet: Connelly macht deutlich, dass für Zeitzeugen und Betroffene - hier in erster Linie Familienmitglieder und Freunde von Opfern - die seit der Tat verstrichene Zeit keine Rolle spielt. Die Trauer wird konserviert, sodass die Erinnerung an ein (ungesühntes) Verbrechen stets frisches Leid hervorbringt.

Daraus ziehen Ballard, Bosch Vater & Tochter und das Team von „Offen-Ungelöst“ ihre Motivation. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Für das LAPD mag die kleine, polizeiintern eher ausgegrenzte Gruppe vor allem medienwirksame Präsenz widerspiegeln, doch die Beteiligten nehmen ihren Job bitterernst. Die Jagd auf Verbrecher stellt Connelly seit jeher als Mission dar: So wie sich Ritter verpflichtet fühlen, Drachen zu jagen, sind seine Ermittlerfiguren davon besessen, das Böse bzw. die Bösen zu verfolgen.

Fazit

Einerseits ein Krimi nach bekannten Connelly-Muster, das jedoch weiterhin funktioniert, zumal der Autor sein Handwerk beherrscht. Wieder wird der Polizeialltag ebenso kundig beschrieben, wie das komplizierte Arbeits- und Lebensumfeld der Ermittler. Übertrieben ist allerdings die (final vorsichtshalber abgewürgte) ‚Auflösung‘ eines kriminalhistorischen Rätselmordes.

Tote Tage

Michael Connelly, Kampa

Tote Tage

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