Der Totengräber und der Orden des Teufels (Die Totengräber-Serie 5)
- Ullstein
- Erschienen: Juni 2026
- 0


Über Verschwörungen, tödliche Rituale, Fanatismus und den leibhaftigen Teufel.
Die trüben Novembertage des Jahres 1896 könnten für Oberinspektor Leopold von Herzfeldt vom Wiener Sicherheitsbüro kaum unerfreulicher sein: Sein Vater ist jüngst verstorben und sein älterer Bruder Victor will ihn um das Erbe bringen, was die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung mit seiner Verlobten Julia und deren inzwischen sechsjährigen Tochter Sisi so gut wie unmöglich macht. Als sich die Konflikte bei der Beerdigung des Vaters in Graz gerade zuspitzen, wird von Herzfeldt von seinem Chef, Oberpolizeirat Moritz Stukart, zurück nach Wien beordert.
Die Hilfe und das Fingerspitzengefühl des Inspektors werden in einem rätselhaften Fall von Teufelsanbetung benötigt, bei dem ein Mädchen umgebracht wurde – und das ausgerechnet im Haus der früheren Staatsschauspielerin Sophia von Tatten. Ihr Sohn Ferdinand soll ein satanistisches Ritual durchgeführt haben und dabei die junge Pauline Bellheimer, Tochter einer Industriellenfamilie, ermordet haben. Ihr wurden die Zunge und das Herz herausgeschnitten, der Körper mit satanistischen Symbolen verunstaltet. Doch Ferdinand, Täter und einziger Zeuge, scheint verrückt geworden zu sein und wird in das Sanatorium Görgen verbracht.
Während von Herzfeldt eine erste Spur verfolgt, die ihn zu einer Freimaurerloge führt, wird auf den Wiener Vizebürgermeister Lueger ein Attentat verübt und auf dem Zentralfriedhof das Grab Beethovens geschändet. Zusammen mit dem Totengräber Augustin Rothmayer, seiner Verlobten Julia und dem jungen, aufstrebenden Nervenarzt Dr. Sigmund Freud macht sich der Inspektor auf die Suche nach den Tätern und findet sich schnell in den Abgründen der Wiener Gesellschaft wieder.
Historischer Kriminalroman
Der fünfte Band der Totengräber-Serie könnte trotz des geschichtlichen Hintergrunds kaum aktueller sein. Es geht um Verschwörungstheorien, Weltverbesserer und Antisemitismus. Dies alles fiel im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden, sorgten doch in einem Großteil der Bevölkerung Juden, Zuwanderer – insbesondere aus Osteuropa – und jede Menge Vorurteile für gesellschaftliche Spannungen.
Wie gewohnt ist auch Pötzschs aktueller Band thematisch dicht, indem er unter anderem wiederholt auf historische Personen, Begebenheiten und Ereignisse Bezug nimmt. So ist auch „Der Totengräber und der Orden des Teufels“ eine Zeitreise in das Wien am Übergang zur Modernen, das durch die große Erzählkunst des Autors wieder zum Leben erweckt wird. Tatsächlich entsteht trotz beinahe 550 Seiten niemals Langeweile. Dafür ist Pötzsch auch einfach ein zu guter Geschichtenerzähler, dem man allzu gerne lauscht. Ein weiterer Vorteil seiner Romane ist, dass die Handlung zwar stets vorangetrieben wird, es aber verschiedene Handlungsstränge gibt, die abwechselt in den Vordergrund treten. Gleichzeitig webt der Autor gekonnt sein Wissen über die Zeit und deren Menschen mit ein, ohne dass dies die eigentliche Handlung überlagern und gar von ihr ablenken würde.
Freimaurer, Freud, Antisemiten
Wer mit dem „Pötzsch-Universum“ bereits vertraut ist, der wird auch bekannte Figuren aus den Vorgängerromanen wiederfinden. Die Werke besitzen trotz der mitunter brutalen Morde und den dunklen Seiten auch einen hohen Wohlfühlfaktor. Pötzschs Kriminalromane liest man nicht nebenbei. Man nimmt sich Zeit für sie, lässt die Atmosphäre auf sich wirken und begibt sich mit Leopold von Herzfeldt und seiner Verlobten Julia Wolf gerne auf Verbrecherjagd, an der sich neben dem Totengräber Augustin Rothmayer, nebst seinem Mündel Anna und den Ermittlern des Wiener Sicherheitsbüros, auch stets Personen der Zeit beteiligen. Diesmal ist es kein Geringerer als der Begründer der Psychoanalyse, der damals 40-jährige Sigmund Freud.
Die Hypnose als Behandlungsmethode und seine Aussagen zur männlichen Hysterie spielen in diesem Roman ebenso eine zentrale Rolle, wie die sogenannten Freimaurerlogen, die seiner Zeit als Oberverschwörer herhalten mussten. Obwohl oder gerade, weil sie in Österreich von 1795 bis 1918 verboten waren, dienten sie vielen Menschen damals Sinnbild für das Böse. Die Folge war, dass die Brüder der Freimaurer nur „unpolitische Vereine“ in Wien gründen durften und nur auf der nicht weit entfernten ungarischen Seite offiziell ihre (Grenz-)Logen.
Auch Wiens späterer Bürgermeister Karl Lueger, ein bekennender Antisemit, der in den Folgejahren den politischen Antisemitismus in der Stadt vorantrieb, ist eine zentrale Figur des Romans. Nicht nur hier zeigt sich, wie es Oliver Pötzsch erneut meisterhaft versteht, Geschichte und Moderne, Realität und Fiktion miteinander zu verknüpfen.
Fazit
Oliver Pötzsch ist – um im Bild der Freimaurer zu bleiben – ein Großmeister des historischen Spannungsromans. Geschichtlicher Hintergrund, liebevolle Figurendarstellung, authentische Atmosphäre, zeitgeschichtliche Themen, Timing, Spannungsbogen – hier stimmt einfach alles. Da ist es zu verschmerzen, dass das eigentliche Motiv des Täters doch etwas überraschend daher kommt. Sämtliche Pötzsch-Romane erreichen ein extrem hohes Niveau. Besser kann man historische Kriminalromane nicht schreiben.

Oliver Pötzsch, Ullstein





Deine Meinung zu »Der Totengräber und der Orden des Teufels (Die Totengräber-Serie 5)«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!