Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
- Ullstein
- Erschienen: Juni 2025
- 5


Pötzsch ist der Meister des historischen Kriminalromans.
Wien, 1896: Julia Wolf arbeitet erst seit kurzem als Reporterin für das „Neue Wiener Journal“, als ihr bereits durch Zufall ein spektakulärer Fall in die Hände fällt. Bei der Show des berühmten Zauberkünstlers Charles Banton kommt es zu einem verheerenden Unglück: Eine Assistentin wird bei einem Trick buchstäblich vor den Augen des schockierten Publikums zersägt. Die Ermittlungen übernimmt der zum Oberinspektor beförderte Leopold von Herzfeldt vom Sicherheitsbüro. Dabei trifft er unweigerlich auf seine große, aber unglückliche Liebe Julia, die sich bereits vor längerem eine Beziehungsauszeit von ihm erbeten hat. Doch beide müssen nun zusammenarbeiten, zumal rund um den Wurstelprater vier junge Frauen - allesamt „exotisch“ verkleidet - spurlos verschwunden sind. Ausgerechnet Anna, die Ziehtochter des Totengräbers Augustin Rothmayer, stößt beim Fußballspielen kurz darauf auf deren Leichname. Während Julia versucht, verdeckt als Artistin beim Zirkus Busch auf die Spur des Täters zu kommen, ermittelt von Herzfeldt offiziell im Mikrokosmos des Praters zwischen Gaunern, Gauklern, Artisten und Künstlern. Unterstützung bekommt er dabei von Augustin, der hier bestens vernetzt ist. Immer mehr zwängt sich dabei der Verdacht auf, dass beide Fälle irgendwie zusammenhängen.
Band 4 der Totengräber-Reihe
Drei Dinge machen für Oliver Pötzsch einen guten Autor aus: Disziplin, Handwerk und die Lust am Erzählen. Besonders letzteres spürt man bei den Romanen des Müncheners auf jeder einzelnen Seite. Das Talent habe er von seinem Großvater geerbt. Dieser wäre sicherlich stolz, würde er heute die Totengräber-Reihe seines Enkels lesen. Neben dem wunderbar leichten, mal humorigen, mal ernsten Erzählstil gehört aber auch, dass Pötzsch wie gewohnt seine Geschichte akribisch vorbereitet und recherchiert hat. Dies zeigt sich erneut in der präzisen Darstellung des historischen Hintergrunds und den zahlreichen, liebevollen Details. Gönnen Sie sich als Leser das Vergnügen und schauen Sie Orte (u.a. Venedig in Wien, Zirkus Busch), Personen und Ereignisse wie den traditionsreichen Blumenkorso nach. Dies bietet einen großen Mehrwert bei der Lektüre.
Besonders die Mischung aus Fakten, historischen Figuren und Fiktion lassen beim Lesen das Bild eines Wiens an der Schwelle zur Modernen vor Augen entstehen. Der gelernte Journalist Oliver Pötzsch versteht es dabei, die jeweilige Kriminalhandlung im Vordergrund zu belassen und nicht zu ausschweifend mit seinem Wissen umzugehen. Genau diese Balance macht eine gute Kriminalreihe mit historischem Hintergrund aus. Pötzsch versteht dies meisterhaft.
Ausgezeichneter Plot
Die eigentliche Romanhandlung ist wunderbar konstruiert und spannend erzählt. Auch der im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht nur in Wien schwelende, von der Gesellschaft oft akzeptierte Judenhass, der den Nährboden für den späteren Nationalsozialismus bietet, spielt eine zentrale Rolle. Pötzsch tut gut daran, hier nicht in eine schlichte Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. So ist Leopolds Kollege Paul Leinkirchner nicht nur ein überzeugter Antisemit - was er auch seinem jüdischen Vorgesetzten, den Oberpolizeirat Stukart, und Leo selbst, der ebenfalls jüdische Wurzeln besitzt, spüren lässt -, sondern auch ein guter Polizist mit durchaus menschlichen Zügen. Insgesamt ist die präzise Figurengestaltung ein großer Gewinn für die Reihe. Egal, ob Gaukler, Ganove, Hausverwalter oder Polizist: Pötzsch zeichnet lebensechte Figuren aus Fleisch und Blut. Auch hier kommt ihm sein Schreibtalent zusammen mit der guten Recherchearbeit zugute. En passant erfahren Kenner der Reihe natürlich auch, wie es mit dem erfolgreichen Ermittler Leopold und der selbstbewussten, emanzipierten Julia weitergeht.
Humorvolle Randnotizen
Für besondere Unterhaltung sorgt diesmal die Beziehung des Totengräbers Augustin zu seiner Ziehtochter Anna. Das mittlerweile 15-jährige Mädchen steckt tief in der Pubertät, was Rothmayer an seine pädagogischen Grenzen bringt, kennt er sich doch mit den Toten besser aus als mit den Lebenden. Gut, dass es Julia gibt, die ihm hilfreich in Sachen Pubertät und Jungen zur Seite springt. Auch die ständigen Diskussionen zwischen Augustin und Leopold, wer nun der wahre Autor des gemeinsamen Buches ist, in dem es um forensisches und pathologisches Wissen geht, sorgen für humorvolle Momente. Zuletzt findet auch dank des interessierten und fortschrittlichen Leopolds eine neue Ermittlungsmethode, die Identifikation von Personen mit Hilfe von Fingerabdrücken, Eingang in den Roman.
Fazit
Wer die Totengräber-Reihe von Oliver Pötzsch nicht liest, ist selber schuld. Er versäumt aber eine ungemein unterhaltsame und kurzweilige Romanserie, die mit historischen Details, fundiertem Wissen, einer Portion Humor und einem wundervollen Erzählstil zu überzeugen weiß. Die Reihe ist sicherlich derzeit das Beste, was es im Bereich „historischer Kriminalroman“ gibt.

Oliver Pötzsch, Ullstein





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