Das Buch des Totengräbers

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 448 Seiten

- Bd. 1 [Die Totengräber-Serie]

Couch-Wertung:

95°
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Thomas Gisbertz
Von Totengräbern, Inspektoren und der modernen Kriminalistik

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2021

Herbst 1893: Inspektor Leopold von Herzfeldt, der gerade erst seine neue Stelle im Wiener Sicherheitsbüro antritt, bekommt es sofort mit einer mysteriösen Mordserie zu tun. Mehreren Dienstmädchen wurde die Kehle durchgeschnitten. Des Weiteren wurden sie post mortem brutal gepfählt. Inspektor von Herzfeldt macht sich mit neuartigen Ermittlungsmethoden direkt an die Arbeit - sehr zum Missfallen der Kollegen. Besonders Oberinspektor Paul Leinkirchner ist von Herzfeldt ein Dorn im Auge - auch deswegen, weil der neue Kollege jüdische Wurzeln hat. Unterstützung erhält von Herzfeldt aber durch den Totengräber Augustin Rothmayer vom berühmten Wiener Zentralfriedhof. Dieser weiß, dass das Pfählen eine uralte Methode ist, um Untote unter der Erde zu halten. Geht in Wien etwa ein abergläubischer Serientäter um? Der Inspektor und der Totengräber beginnen gemeinsam zu ermitteln und müssen feststellen, dass sich hinter den Pforten dieser glamourösen Weltstadt tiefe Abgründe auftun …

Rätselhafte Geschehnisse

Weil auch die Wiener Polizeidirektion, allen voran Oberpolizeirat Albert Stehling, wenig von der modernen Tatortanalyse hält, wird von Herzfeldt alsbald wieder von den Pfahl-Morden abgezogen. Stattdessen soll er sich um den Selbstmord von Bernhard Strauss kümmern - dem Halbbruder des berühmten Wiener Komponisten Johann Strauss. Nach der Beerdigung haben nämlich zwei zwielichtige Gestalten versucht, den Leichnam Strauss‘ zu rauben. Gemeinsam mit Augustin Rothmayer macht von Herzfeldt bei seiner Ermittlung die erschreckende Entdeckung, dass der vermeintliche Selbstmörder lebendig begraben wurde. Als dann auch noch Leichen enthauptet werden, ist das ganze Können des neuen Inspektors gefragt ...

Autor der „Henkerstochter“-Reihe

Sein Großvater, „der beste Geschichtenerzähler der Welt“, hat Autor Oliver Pötzsch die Begeisterung für Geschichten vererbt. Die Lust auf Erzählungen und das Schreiben begleiten den Autor seit frühester Kindheit, später hat er es zu seinem Beruf gemacht. Oliver Pötzsch arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayrischen Rundfunk. Als der gebürtige Münchner eine Sendung über seine Ahnen, die Schongauer Scharfrichter, für den BR produzierte, kam ihm die Idee für seinen ersten Roman. Die Figur eines zwiespältigen Henkers schien ihm hierfür ideal zu sein. Mittlerweile haben ihn seine historischen Romane weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die insgesamt acht Bände der „Henkerstochter“-Serie sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Darüber hinaus erscheint beim Ullstein-Verlag die aktuell zweibändige „Faustus“-Saga. Rezensionen zu beiden Reihen finden sich auf der Histo-Couch.

Mit Das Buch des Totengräbers  erscheint nun die erste Kriminalerzählung. Weitere Bände der neuen Reihe sind bereits in Planung.

Fulminanter Serienstart

Was für ein Roman! Wer den ersten Band der „Totengräber“-Reihe in den Händen hält, wird begeistert sein von dieser Erzählung, die im späten 19. Jahrhundert in Wien spielt. Trotz des Hangs zum Morbiden überstrahlt eine wunderbare, fast schon greifbare Atmosphäre die Handlung. Dass dem Autor dies gelingt, liegt unter anderem an der detaillierten Schilderung der österreichischen Metropole, die sich an der Schwelle zur Moderne befindet: Das tägliche Treiben auf den Straßen sowie in den Wirtshäusern und die Vergnügungen im Prater gehören ebenso dazu wie

die Darstellung des Varietés im verruchten, sittenlosen 16. Bezirk, die Prostitution und der Antisemitismus, die die Stadt prägen. Pötzsch ist aber weit davon entfernt, ein trockener Geschichtsschreiber zu sein: Seine Figuren bestehen aus Fleisch und Blut, wirken trotz ihrer Fiktionalität lebensecht und nah. Sie nehmen den Leser mit auf eine packende Reise durch Wien voller Spannung, Brutalität und Liebe.

Fantastische Figurendarstellung

Maßgeblich wird der Roman durch drei Figuren geprägt: Da wäre zunächst Leopold von Herzfeldt. Der 30-Jährige flüchtet vor seinen Familie aus Graz in die österreichische Hauptstadt. Der Sohn einer wohlhabenden Bankiersfamilie hat eigentlich seine Ausbildung zum Untersuchungsrichter mit Bravour bestanden und muss sich als Inspektor im Wiener Sicherheitsbüro nun erst einmal wieder unterordnen, was ihm nicht so leicht fällt. Seine Mutter stammt aus Hannover, wo von Herzfeldt auch die ersten Schuljahre im Internat verbrachte. Statt des Wiener Dialekts spricht er lupenreines Hochdeutsch, sodass er als „Piefke“ schnell seinen Ruf weg hat. Von seinem Mentor Hans Gross hat von Herzfeldt viel über die damals noch in den Kinderschuhen steckende moderne Kriminalistik gelernt.

Des Weiteren hat Pötzsch mit Augustin Rothmeyer die äußerst skurrile, aber herzensgute Figur des Totengräbers geschaffen. Der seltsame, etwas verwahrloste Kauz ist überaus belesen, klug und schreibt gerade an einem „Almanach für Totengräber“. Er stellt eine Mischung aus Forensiker und Pathologen dar, da er Leichen in jeder Form gesehen hat und alle Todesursachen sowie Verwesungsstufen kennt. Es verwundert daher nicht, dass selbst der Leiter des Instituts für gerichtliche Medizin, Prof. Hofmann - eine weitere wunderbare Figur innerhalb des Romans - den Totengräber oft nach dessen Expertise fragt.

Auch eine starke Frauenfigur fehlt zum Glück nicht: Julia Wolf arbeitet tagsüber als Telefonistin bei der Polizeidirektion, während sie nachts in die Halbwelt des 16. Bezirks eintaucht. Sie birgt ein großes Geheimnis, von dem niemand etwas erfahren darf. Julia Wolf tritt als selbstbewusste, taffe junge Frau auf und erobert nicht nur deswegen das Herz des jungen Inspektors im Sturm. Gemeinsam mit ihr und dem Totengräber begibt sich Leopold von Herzfeldt auf Verbrecherjagd. Es beginnt eine Suche voller Rätsel, Ungereimtheiten und Überraschungen. Immer tiefer blicken die Drei hinter die Fassaden der glamourösen Weltstadt Wien - und was sie dort erfahren, lässt sie zutiefst erschaudern.

Fazit

Oliver Pötzsch ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Der Roman packt einen von der ersten Seite an. Auch wenn er atmosphärisch an die Max-Liebermann-Reihe des englischen Autors Frank Tallis erinnert, so findet der Autor bereits in seinem Krimidebüt seinen ganz eigenen, unfassbar leichten Stil. Dabei ist Das Buch des Totengräbers weit mehr als nur ein Kriminalroman: Mal witzig und skurril, mal traurig und nachdenklich erzählt der Autor vom Leben in einer Stadt an der Schwelle zur Moderne. Eine absolute Leseempfehlung!

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