Das Mädchen und der Totengräber

  • Ullstein
  • Erschienen: März 2022
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Thomas Gisbertz
88°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Gisbertz Mai 2022

Von mysteriösen Mumien, ungewöhnlichen Totenkulten und einem rätselhaften Phantom

Wien 1894: Über mangelnde Arbeit kann sich der junge Inspektor Leopold von Herzfeldt ganz gewiss nicht beschweren. Zunächst findet man im Kunsthistorischen Museum den Leichnam des renommierten Gelehrten und weltweit anerkannten Ägyptologen Professor Alfons Strössner. Das Besondere: Der Wissenschaftler liegt in einem Sarkophag und wurde nach den antiken Regeln der Ägypter mumifiziert. Ist Strössner etwa einem uralten Fluch zum Opfer gefallen, weil er die Totenruhe bei einem aufsehenerregenden Fund in Theben störte? Weder der Inspektor noch der zu Rate gezogene Totengräber und ausgewiesene Todesexperte Augustin Rothmayer glauben an diese Theorie.

Während sie noch nach einer natürlichen Erklärung für den rätselhaften Tod suchen, wird Wien von einer brutalen Mordserie erschüttert. In mehreren Bezirken findet man die schrecklich zugerichteten Leichen junger Männer. Für die Bewohner der Stadt steht schnell fest, dass ein mysteriöses Phantom dahinterstecken muss. Und wäre das noch nicht genug, wirft der Tod eines Pflegers im Tiergarten am Prater zahlreiche Fragen auf. Für Leopold beginnt eine atemberaubende Jagd durch Wien, bei der er sich in tödliche Gefahr begibt.

Fortsetzung der Totengräber-Reihe

Sein Großvater, „der beste Geschichtenerzähler der Welt“, hat Autor Oliver Pötzsch die Begeisterung für Geschichten vererbt. Die Lust auf Erzählungen und das Schreiben begleitet den Autor seit frühester Kindheit, später hat er es zu seinem Beruf gemacht. Oliver Pötzsch arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk. Als der gebürtige Münchner eine Sendung über seine Ahnen, die Schongauer Scharfrichter, für den BR produzierte, kam ihm die Idee für seinen ersten Roman. Die Figur eines zwiespältigen Henkers schien im hierfür ideal zu sein. Mittlerweile haben ihn seine historischen Romane weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die insgesamt acht Bände der „Henkerstochter“-Saga sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Mit „Das Buch des Totengräbers“ erschien 2021 Pötzschs erste Kriminalerzählung. Dabei entführt der Autor seine Leser*innen ins Wien des späten 19. Jahrhunderts. Der Serienstart um den jungen Inspektor Leopold von Herzfeldt, der Polizeifotografin Julia Wolf und den eigentümlichen Totengräber Augustin Rothmayer, der sich bestens mit Forensik und Pathologie auskennt, begeisterte seine Leser*innen und eroberte die Bestsellerlisten - und dies vollkommen zu Recht. Auch diesmal überzeugt Oliver Pötzsch mit einem gut recherchierten, facettenreichen Thema, einem wunderbar leichten, humorigen Erzählstil und einer erneut spannenden sowie temporeichen Geschichte.

Wien erleben

Es ist ein großes Lesevergnügen, den Geschichten von Oliver Pötzsch zu folgen. Der Autor schafft es einfach, Bilder entstehen zu lassen, eine nahezu greifbare Atmosphäre zu schaffen und einen mit ins Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu nehmen. Beinahe auf jeder Seite gibt es etwas Neues zu entdecken. Dies liegt besonders an der Detailverliebtheit des Autors, die die österreichische Metropole an der Schwelle zur Modernen zum Leben erweckt. Dazu gehört das Treiben in den Straßen und Wirtshäusern ebenso wie die antisemitischen Tendenzen in der Gesellschaft, die allgegenwärtige Prostitution oder das patriarchalische Gebärden des Wiener Sicherheitsbüros, bei dem von Herzfeldt und Wolf arbeiten.

Hinzu kommt ein äußerst charmantes „Ermittlerteam“, dass zwar mehr als außergewöhnlich ist, aber stets authentisch auftritt. Man spürt mit jeder Seite, wie sehr Oliver Pötzsch seine Figuren am Herzen liegen - und davon gibt es einige im Roman. Aber selbst die vermeintlichen Nebenfiguren werden mit Leben erfüllt. So entsteht ein Panoptikum der besonderen Art, ein Kuriositätenkabinett voller Sehenswürdigkeiten und besonderer, mitunter skurriler Charaktere und einem schier unerschöpflichen Ideenfundus des Autors. Und ganz nebenbei ist die Geschichte nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern voller Wendungen und einem klassischen Finale wie bei Agatha Christie. Aber bis dahin darf man sich auf eine furiose Gangsterjagd und so manche Überraschung freuen. Wahrlich ein Plot, der es in sich hat und bis zum Schluss unterhält.

Fazit

„Das Mädchen und der Totengräber“ hat alles, was man sich von einem historischen Kriminalroman wünscht: eine authentische Atmosphäre, außergewöhnliche Figuren, eine packende Geschichte, die mitunter zwar auch recht brutal sein kann, aber nie die Grenze überschreitet. Ein Muss für jeden Krimiliebhaber!

Das Mädchen und der Totengräber

Oliver Pötzsch, Ullstein

Das Mädchen und der Totengräber

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