Im Morgengrauen (Art Mayer 4)
- Ullstein
- Erschienen: Mai 2026
- 10


Wenn die Vergangenheit nach dem Leben der Zukunft greift.
Das Video, in dem die junge, blonde Frau mit dem Decknamen „Kessy X“ den mächtigsten Mann Deutschlands, Bundeskanzler Henrik Westphal, beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben, geht auf der Stelle viral. Wie die Geier stürzen sich nicht nur die Klatschmedien auf die Geschichte – nein, natürlich hat jeder eine Meinung dazu. Es ist kaum zu fassen: Da will der Kanzler mal in Ruhe einen Burger essen und schon hat er heißen Sex mit der Bedienung. Was macht Henrik Westphal? Er taucht unter. Erst einmal kann ihm das niemand wirklich verübeln, denn wer will sich schon mit einer entfesselten Öffentlichkeit anlegen?
Aber dann ist auf einmal eine Woche vergangen, der Kanzler ist noch immer weg und internationale Kollegen wie Emmanuel Macron mahnen an, dass sie doch einen wichtigen Termin mit ihm haben. Ein Kanzler kann doch nicht so einfach abhauen! Oder ist da etwa doch etwas Schlimmeres passiert? Als allen langsam richtig mulmig bei der Geschichte wird, soll es BKA-Ermittler Art Mayer richten – ein alter Jugendfreund von Westphal. Mit seiner Kollegin Nele Tschaikowski nimmt er die Untersuchungen auf. Davon abgesehen, dass Westphals Frau und Arts Jugendliebe Juli ein fast vergessenes Feuer wieder in Gang zu bringen scheint, passiert bald so einiges mehr, als Mayer sich jemals hätte träumen lassen. In einem U-Bahn-Tunnel wird plötzlich eine Tote gefunden, und schnell wird klar, dass sich die junge Frau kaum freiwillig dort aufhielt. Hatte sie möglicherweise mit den Vorwürfen um Westphals zügelloses Liebesleben zu tun?
Dann gibt es natürlich weiterhin das Rätsel um das Verschwinden des Kanzlers. Was Art Mayer jedoch ganz besonders stört: Offensichtlich will ihm jemand die Schuld daran in die Schuhe schieben, und seine BKA-Kollegen springen begeistert auf diese These auf.
Licht...
Die Art-Mayer-&–Nele-Tschaikowski-Reihe begleitet ihre Helden und Heldinnen mittlerweile über insgesamt vier Tageszeiten. Da waren „Der Morgen“, „Die Dämmerung“, „Die Nacht“ und jetzt „Im Morgengrauen“. Auch wenn Autor Marc Raabe vom Mittag und Nachmittag nicht viel zu halten scheint, hat er hier stringente Krimis rund um den wortkargen und kontaktscheuen Ermittler geschaffen. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang natürlich seine widerborstige Kollegin Nele Tschaikowski, die es mit dem Reden ebenfalls nicht so hat. Jetzt, nach vier Bänden, haben sich die beiden genügend ausgeschwiegen – und damit schließt sich die Runde der Tageszeiten-Krimis um das Duo.
Raabe entwickelt einen spannenden Plot, der sich nicht nur dem klassischen Thema „Mord und Totschlag“ widmet, sondern tief in die Politik einsteigt. Man könnte erwarten, dass die Dinge hier unnötig kompliziert werden. Aber auch die Verbrechen in der Politik werden von normalen Menschen mit normalen Motiven begangen – und so erzählt Raabe seinen politischen Krimi dennoch mitreißend, lebendig und vor allem gut verständlich. Allerdings muss Art Mayer (und mit ihm die Leserschaft) feststellen, dass vieles aus seinem persönlichen Werdegang noch einmal offengelegt wird. Einiges hat mit dem Verschwinden Westphals zu tun, anderes ist rein privater Natur. Hier liegt die große Leistung Raabes: Er bereitet selbst das rein Persönliche so spannend wie einen Thriller auf. Ein besonders gelungener Erzählstrang umfasst zudem die Tätigkeiten und Motive von Kessy X. Ihre Gründe und Lebensumstände werden lebendig erzählt – und vielleicht ist das der einzige Strang, der in Anbetracht der Umstände tatsächlich zu einem runden Abschluss kommt.
...und Schatten
So gut Raabe seinen Krimi aufbaut, so schwer tut er sich manchmal bei den Charakteren und den Lebensumständen seiner Akteure. Es ist sicher nichts Neues, dass Art Mayer noch nie sonderlich kommunikativ war, aber hier treibt er sein Schweigen gelegentlich auf die Spitze. Seine Kollegin Nele, die dieses Verhalten oft und gerne beklagte, scheint allerdings einiges von ihm gelernt zu haben. Anders erklärt sich mir nicht, warum Probleme in ihrer eigenen Ehe beharrlich totgeschwiegen werden. Auch im Umgang mit dem „Pflegekind“ Milla scheint die gängige Meinung der Figuren noch immer zu sein, dass der Aufenthalt bei einer dementen Oma und der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Haushalten einer Beteiligung des Jugendamtes vorzuziehen sei. Interessant ist auch der Umgang der Charaktere miteinander: Man fragt sich unweigerlich, ob die Akteure, die sich ja seit ihrer Jugendzeit kennen, diese Phase und die damit verbundenen Hormonstaus nie so richtig hinter sich lassen konnten. Anders lässt sich die Naivität mancher sexueller Eskapaden im fortgeschrittenen Alter kaum erklären.
Fazit
Lakonische Helden und unkluge persönliche Entscheidungen – dennoch verpackt in einem hochspannenden Krimi, der die Art-Mayer-Reihe zu einem gelungenen, wenn auch sicher nicht vollkommen makellosen Ende führt.

Marc Raabe, Ullstein




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