Waiseninsel

  • Lübbe
  • Erschienen: Dezember 2023
  • 7
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Thomas Gisbertz
79°1001

Krimi-Couch Rezension vonDez 2023

Spannender Locked-Room-Thriller mit kleineren Schwächen.

Nicht nur die Aufklärung des Mordes am erfolgreichen Geschäftsmann Eliel Zetterborg hat Kommissarin Jessica Niemi in letzter Zeit viel Kraft gekostet - sowohl physisch als auch psychisch. Die seit Jahren äußerst labile Ermittlerin begibt sich deswegen in Therapie. Als sie sich aber nach einer Sitzung übergeben muss, gerät sie in eine gewaltsame Auseinandersetzung mit einem Haustechniker. Dass sie dabei gefilmt wurde, bemerkt sie erst, als das Video längst viral gegangen ist. Auf den Rat ihrer Chefin Helena Lappi hin nimmt Jessica erst einmal Urlaub, um Abstand zu gewinnen. So fährt die junge Kommissarin auf die zwischen Finnland und Schweden gelegenen Insel Smörregård. Dort trifft sie auf die „Zugvögel“, eine Gruppe älterer Menschen, die als Kinder während des Krieges fliehen mussten und hier auf der Insel später in einem Waisenhaus lebten. Während ihres alljährlichen Treffens auf Smörregård wird ein Gruppenmitglied tot im Meer aufgefunden. Jessica ahnt, dass es dabei um Mord geht und beginnt sehr zum Ärger des ortsansässigen Kriminalkommissars Johan Karlsson selbst zu ermitteln. Dabei erfährt sie, dass bereits vor einigen Jahren zwei Personen auf dieselbe mysteriöse Weise ums Leben kamen. Denn alle Opfer scheinen mit der Legende um „Das Mädchen im blauen Mantel“ in Verbindung zu stehen.

Nordic Crime aus Finnland

Max Seeck ist aktuell einer der erfolgreichsten und angesagtesten finnischen Thrillerautoren. Kritiker bezeichneten ihn schon als Meister des „Finnisch Noir“. Mit seinem 2019 erschienenen ersten Roman um die ungewöhnliche Ermittlerin Jessica Niemi, „Hexenjäger“, der in 35 Länder verkauft wurde, gelang ihm der internationale Durchbruch. Als einer von wenigen europäischen Autoren stand er mit seinem Thriller auf der Bestsellerliste der New York Times. Hollywood sicherte sich bereits die Rechte für eine zwölfteilige Serie. Für den dritten Band der Jessica-Niemi-Reihe, „Feindesopfer“, wurde Max Seeck zudem mit dem renommierten „Nordischen Krimipreis“ ausgezeichnet.

Ursprünglich als Trilogie angelegt geht die Jessica-Niemi-Reihe nun bereits in die vierte Runde. Weitere Bände sind bereits in Planung. Zuletzt brachte Max Seeck zusammen mit seinem langjährigen Kollege und Freund Joonas Pajunen den Horrorfilm „The Knocking“ in die Kinos, bei dem beide für Drehbuch und die Regie verantwortlich waren.

Klassik und Mystery

Erneut überzeugt Max Seeck mit einer Mischung aus klassischem Detektivroman, Locked Room Mystery und packendem Noir. Der Roman erscheint beinahe wie eine Verbeugung vor der großen Agatha Christie. Gleichwohl ist der neue Thriller des Finne anders aufgebaut als die übrigen Bände der Reihe. Zunächst gibt es im ersten Drittel des Romans zwei Erzählstränge auf unterschiedlichen Zeitebenen. Während der eine von den Ereignissen im Waisenhaus in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg handelt, geht es beim anderen um den aktuellen Mordfall auf  Smörregård und die sich anschließenden Ermittlungen. Die mystischen Elemente sind diesmal aber etwas redundant und übertrieben, zumal unter anderem jedem schnell klar wird, dass „Das Mädchen im blauen Mantel“ nicht die Person sein kann, auf die die Sage ursprünglich zurückging. Als Bindeglied zwischen den tödlichen Ereignissen in der Vergangenheit und der Gegenwart ist dies aber durchaus stimmig.

Dass Jessica Niemi weitestgehend ohne ihre Kollegen aus Helsinki ermitteln muss, ist ungewöhnlich für die Reihe. Dennoch erhält sie von ihnen per Telefon Informationen und Unterstützung, während sie sich vor Ort mit dem undurchsichtigen Kommissar Karlsson auseinandersetzen muss. Dieser scheint mehr zu wissen, als er zugeben möchte. Des Weiteren erhält die junge Kommissarin „Unterstützung“ von ihrem vor Jahren verstorbenen Chef und väterlicher Freund Erne Mikson, der ihr immer wieder erscheint.

Spannung trotz kleinerer Schwächen

Eine einsame, wegen Sturms teilweise nicht erreichbare Insel, eine Mutter und ihr Sohn, die das Hotel betreuen, drei „Zugvögel“, ein schwedisches Urlaubspärchen und zwei Ermittler. Und wer ist der Unbekannte, der scheinbar zeitgleich mit Jessica im Hotel eingetroffen ist, aber nie zu sehen ist? Seeck entwickelt aus diesem klassischen Setting erneut einen packenden Thriller. Nach einem eher gemächlichen Einstieg nimmt die Handlung mehr und mehr Fahrt auf. Hier erweist sich der finnische Autor wieder als Meister der Twists. Etwas enttäuschend mag dagegen das Motiv des Täters erscheinen. Dies wirkt insgesamt doch reichlich konstruiert und eher unglaubwürdig. Auch scheint der Täter nur dann zuzuschlagen, wenn es ihm terminlich auch passt. Sei's drum, denn dies mindert das Lesevergnügen nur unwesentlich, da die Handlung einen zunehmend in den Bann zieht. Zuletzt darf man auch gespannt sein, wie es mit der Reihe weitergeht, da man etwas Unerwartetes über Jessica Niemi erfährt.

Fazit

Max Seecks neuer Thriller um die charismatische Ermittlerin Jessica Niemi erreicht nicht ganz die Klasse der Vorgängerbände. Gleichzeitig entwickelt sich die Reihe aber weiter, was beim vierten Band auch wichtig war. Einige Veränderungen - auch beim Team in Helsinki - werden angedeutet und geben der Serie somit neue Impulse. Man darf folglich gespannt sein, wie die Reihe fortgesetzt wird.

Waiseninsel

Max Seeck, Lübbe

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