Teufelsnetz

Erschienen: Oktober 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Pahan verkko

- aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

- TB, 400 Seiten

- Bd. 2 [Jessica Niemi]

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Thomas Gisbertz
Die dunkle Seite der Social Media

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Nov 2021

23. November 2020: Während die Kälte Helsinki fest in ihrem Griff hat, verschwinden die beiden erfolgreichen Blogger Lisa Yanamoto und ihr Ex-Freund Jason Nervander plötzlich spurlos. Auf ihren Instagram-Accounts wird ein seltsames Foto von einem alten Leuchtturm auf einer felsigen Insel gepostet. Unter dem Foto steht ein Gedicht, das auf den Tod der beiden hinweist. Handelt es sich hierbei lediglich um einen geschmacklosen PR-Gag? Als eine junge Frau, gekleidet wie ein Manga-Mädchen und mit einem auffälligen Brandmal am Unterarm, tot am Strand angespült wird, vermutet die Kriminalpolizei einen Zusammenhang zwischen den Fällen. Jessica Niemi übernimmt die Ermittlungen und zusammen mit ihrem Team kommt sie bald einem skrupellosen Netzwerk auf die Spur, das offenbar Mädchen an Manga-Fetischisten vermittelt.

Neue Vorgesetzte

Seit dem Tod des Kriminaloberkommissars Erne Mikson, Chef und väterlicher Freund von Jessica Niemi, ist fast ein Jahr vergangen. Seitdem hat sich auf dem Posten des Chefermittlers einiges getan. Helena Lappi, intern zwangloser Hellu genannt, ist nun bereits die dritte neue Leiterin des Gewaltdezernats. Sie strotzt vor Eifer und Selbstsicherheit. Die Spannung zwischen ihr und Jessica ist vom ersten Tag an spürbar. Was die junge Kommissarin nicht ahnt: Lappi weiß, dass Jessica aus gesundheitlichen Gründen gar nicht im Dienst der Polizei stehen dürfte. Erne Mikson hat ihr Geheimnis immer bewahrt und sich schützend vor sie gestellt. Doch Lappi ist das selbstbewusste Auftreten der taffen jungen Kommissarin ein Dorn im Auge. Sie wartet nur darauf, dass Jessica einen Fehler macht - und der neue Fall verlangt von der Kommissarin und ihrem Team alles ab.

Finnischer Bestsellerautor

Max Seeck, ein 36-jähriger Finne mit deutschen Wurzeln, ist aktuell sicherlich einer der bedeutendsten Thriller-Autor Finnlands. Zu seinen literarischen Vorbildern gehören keine Geringeren als Jo Nesbø und Stieg Larsson. In Deutschland war der finnische Autor lange Zeit nur Insidern ein Begriff. 2020 veröffentlichte der Lübbe Verlag mit „Hexenjäger“ dann aber den Auftakt der Reihe um die geheimnisvolle Ermittlerin Jessica Niemi und machte Seeck dadurch auch hierzulande bekannt. Der Thriller erscheint mittlerweile in über 40 Ländern und bedeutete für den finnischen Autor auch den internationalen Durchbruch. Darüber hinaus sicherte sich Hollywood bereits die Filmrechte am Roman. Nun erscheint mit „Teufelsnetz“ die Fortsetzung der Reihe. Diesmal geht es um die Macht und Gefahren der Social Media. „Ich wollte darüber schreiben, wie die sozialen Medien ihre dunkle Seite auf brutalste Art und Weise zeigen können“, sagt Seeck über seine neuen Roman. Damit nimmt der Autor seine Leser wieder mit ins winterliche, kalte Finnland - und in die Untiefen der menschlichen Seele.

Starke Hauptfigur mit Problemen

Erneut steht bei Seecks aktuellem Roman die selbstbewusste Kommissarin Jessica Niemi im Mittelpunkt der Handlung. Die junge Finnin verfügt über eine beeindruckende Kombinations- und Auffassungsgabe. Beruflich ist Niemi auf der Überholspur. Gleichzeitig ist sie jedoch eine Figur, die in vielerlei Hinsicht emotional gebrochen erscheint. Niemi, die bei einem Autounfall in früher Kindheit ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder verlor, hütet zwei Geheimnisse: Zum einen ist sie durch ihr Erbe zur Multimillionärin geworden (wovon aber niemand etwas wissen soll), zum anderen hat sie psychische Probleme bis hin zu Depressionen, Assoziationsstörungen und Wahnvorstellungen. In Phasen emotionalen Drucks entrückt sie der Wirklichkeit, indem sie vor allem mit ihrer verstorbenen Mutter spricht. Die tägliche Arbeit ist auch ein Kampf gegen sich selbst und ein Versuch, den Problemen zu entkommen. Deshalb lebt Niemi für ihren Beruf, ist aber eine Einzelgängerin, der private Beziehungen eher schwer fallen. Leider erfährt man im aktuellen Roman wenig Neues über die Vergangenheit der Kommissarin. Zumindest am Ende zeigt sich aber eine zaghafte Entwicklung ihrer Figur.

Facettenreiches Team

Stärker als im ersten Band der Reihe rücken diesmal die anderen Ermittler in den Vordergrund. Besonders das Können des Ermittlungsspezialisten Rasmus Susikoski, der mit 34 Jahren immer noch in einem Zimmer bei seinen Eltern lebt (das sich seit seiner Kindheit nicht verändert hat) und der durchaus als Computer-Nerd bezeichnet werden darf, ist ein wichtiger Faktor bei den Ermittlungsarbeiten. Seine Kenntnisse in Sachen „Social Media“ sind des Öfteren gefragt. An Jessica Niemis Seite steht erneut Kriminalmeister Jusuf Pepple, der aktuell die Trennung von seiner Frau zu verarbeiten hat. Neben seinen spitzzüngigen Kommentaren zeichnet ihn vor allem seine bedingungslose Loyalität gegenüber seiner Kollegin aus. Zuletzt gehört auch Nina Ruska zum Team, deren Mann im ersten Band der Reihe eine wichtige Rolle spielte und mit Jessica ein kurzes Verhältnis hatte. Dass die Beziehung zwischen beiden nicht die beste ist, versteht sich von selbst.

Anders, aber gut

Insgesamt ist der neue Thriller von Autor Max Seeck weniger düster und brutal wie der erste Band der Reihe. Das Thema „Parthenophilie“, d.h. das sexuelle Interesse an jungen Mädchen an der Schwelle zur Volljährigkeit (hier im Roman fälschlicherweise mit „Ephebophilie“ bezeichnet), spielt diesmal eine wichtige Rolle. Es braucht aber etwas Zeit, bis man die Dimensionen der Gefahren und Risiken der Social Media in Bezug auf den genannten Fetisch erkennt, die Seeck hier aufzeigt. Dann treffen sie den Leser aber mit einer beängstigenden und verstörenden Wucht.

Der Roman beginnt packend, ist über weite Strecken spannend - wenn auch mit kleineren Längen - und endet mit einem Schluss, der es in sich hat. Nichts ist mehr wie es scheint. Seeck bietet eine Fülle an Verdächtigen und mehrere überraschende Wendungen. Die Handlung nimmt zunehmend derart Tempo auf, dass es einem fast den Atem verschlägt. Hier zeigt sich die ganze Klasse des Autors, der den Leser die ganze Zeit an der Nase herumgeführt hat.

Fazit:

Max Seeck gelingt eine fulminante Fortsetzung seiner Jessica-Niemi-Reihe. Nordic Crime vom Feinsten: spannend, verstörend, beklemmend. Seeck ist ein Glücksfall für die skandinavische Spannungsliteratur. Auch wenn der zweite Band der Reihe nicht ganz an das Niveau des Vorgängers heranreicht, ist Max Seeck ein Versprechen für die Zukunft.

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