Was wir nie verzeihen

  • Lübbe
  • Erschienen: November 2023
  • 5
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Thomas Gisbertz
88°1001

Krimi-Couch Rezension vonDez 2023

Ein großartiger Roman, der weit mehr ist als nur eine spannende Kriminalerzählung.

Trotz des nasskalten Herbstwetters dreht der 97-jährige Albert Kangasharju im Park der Seniorenresidenz seine allabendliche Runde. Völlig unerwartet tauchen plötzlich zwei maskierte Männer auf und schleifen ihn ins Gebüsch. Nur dank des schnellen Eingreifens einer Pflegerin lassen die Täter vom Kriegsveteranen ab. Albert wird umgehend ins Krankenhaus von Pori gebracht, wo erneut ein Mordanschlag auf ihn verübt wird. Der vor Ort anwesende Kommissar Jari Paloviita kann die Tat eben noch verhindern. Eine Frage bleibt aber: Wer will einen beinahe 100-Jährigen töten?

Kurz darauf wird der 98-jährige, schwer pflegebedürftige Klaus Halminen aus seinem Haus entführt und an einem Baum erhängt. Als das Ermittlerteam eine SS-Uniform bei ihm zuhause findet, nehmen die Ermittlungen in den beiden Fällen eine unerwartete Wendung. Die Spur führt in die Wirren des Zweiten Weltkrieges, als junge Finnen in Deutschland militärisch ausgebildet wurden und in der Waffen-SS kämpften. Haben die beiden Veteranen Kriegsverbrechen begangen, die jetzt erst ans Licht gekommen sind? Und wer begibt sich nach so vielen Jahrzehnten auf diesen brutalen Rachefeldzug? Als das Ermittlerteam der Wahrheit immer näherkommt, wirft diese nicht nur neue Fragen auf, sondern lässt Paloviita und seine Kollegen fassungslos zurück.

Nordic Crime aus Finnland

„Was wir nie verzeihen“ ist der dritte Band der sogenannten „River-Delta-Reihe“ und wurde 2021 vollkommen zurecht für den nordischen Krimipreis nominiert. Bereits für seinen ersten Kriminalroman „Was wir verschweigen“ erhielt Autor Arttu Tuominen mehrere Auszeichnungen. Auch wenn die Reihe auf insgesamt sechs Bände angelegt ist, in denen jeweils ein anderer Charakter des Ermittlerteams in den Mittelpunkt rückt (Diesmal ist es Kommissar Jari Paloviita), ist jeder Fall in sich abgeschlossen und die Romane sind daher unabhängig voneinander lesbar. Im letzten Band, der eine Art Zusammenschluss darstellt, werden die noch ungeklärten Geheimnisse der Reihe aufgelöst. In Finnland ist bereits der fünfte Band der Reihe in diesem Jahr erschienen.

Arttu Tuominen lebt mit seiner Familie in der Küstenstadt Pori, dem Schauplatz des vorliegenden Krimis. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet der 42-Jährige aber hauptberuflich noch als Ingenieur für Umwelttechnik. Es ist mehr als beachtenswert, was Tuominen „nebenbei“ schreibt. Mit jedem Roman wird der finnische Autor besser. Startet der aktuelle Band noch als spannender Kriminalroman, wird er zunehmend zu einem packenden Thriller, der sich mit einem dunklen Kapitel der finnischen Vergangenheit auseinandersetzt, das seine Schatten bis in die Gegenwart wirft.

Schrecken des Krieges

Der neue Roman Arttu Tuominens spielt auf zwei Handlungsebenen, die der Autor geschickt miteinander verwebt. Während das Ermittlerteam aus der finnischen Kleinstadt Pori verzweifelt nach einem Motiv für die Mordanschläge auf die betagten Kriegsveteranen sucht, schildert der Autor in einem weiteren Erzählstrang die Ereignisse um mehrere junge Finnen, die zu Zeiten des „Zwischenfriedens“ von März 1940 bis Juni 1941, als es während des Zweiten Weltkrieges keine Kampfhandlungen zwischen Finnland und der Sowjetunion gab, freiwillig zur Wehrausbildung nach Deutschland gingen. Insgesamt kämpften 1400 finnische Soldaten zusammen mit anderen nichtdeutschen Streitkräften in der SS-Division Wiking, die auch am „Unternehmen Barbarossa“ teilnahm.

Der Roman geht vor allem bei den Kriegsschilderungen unter die Haut: bestialische Gräueltaten, sinnlose Gewalt, brutale Folterungen und unmenschliches Verhalten reihen sich aneinander. Im Zentrum der Handlung steht eine Gruppe junger finnischer Soldaten, die als Kanonenfutter von den deutschen Offizieren genutzt werden. Während sie ums Überleben kämpfen, stumpfen sie mehr und mehr ab. Schlussendlich sind sie zu Taten fähig, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten.

Tuominen wertet hier nicht und wählt seine Worte mit Bedacht. Gleichzeitig lässt er den Leser mit voller Wucht in menschliche Abgründe blicken - die der Täter, aber auch die der Opfer. Dem Autor gelingt es, ein Bild des Krieges zu zeigen, welches ebenso von Gewalt wie von Kameradschaft und auch Liebe geprägt ist.

Frage der Schuld

Seine besondere Stärke zieht der Roman auch aus der Frage, wie man das Verhalten der Soldaten aus heutiger Sicht bewerten soll und kann. In teils heftigen Diskussionen streiten die Ermittlungsbeamten nicht nur über die Rolle Finnlands im Zweiten Weltkrieg, die bis heute von Verdrängung und Vertuschung geprägt ist, sondern auch darüber, ob das Verhalten der mutmaßlichen Kriegsverbrecher Kangasharju und Halminen später im zivilen Leben verständlich ist. Haben wir das Recht, als Nachgeborene darüber zu urteilen? Aber auch die Seite derjenigen, die bis heute versuchen, für Gerechtigkeit zu sorgen, indem sie diese in die eigene Hand nehmen und Jagd auf die Kriegsverbrecher machen, stellt Tuominen in beeindruckender Weise dar. Er lässt dabei tief in verletzte Seelen blicken, deren Lebensinhalt darin besteht, das Leid, was man vor allem den jüdischen Familien angetan hat, zu tilgen.

Fazit

Arttu Tuominen gelingt mit „Was wir nie verzeihen“ ein eindringlicher Roman, der weit mehr ist als eine packende Kriminalerzählung. Man kann sich der dramatischen Handlung und Schilderungen des Krieges nicht entziehen, da sie leider noch immer traurige Realität sind. Über allem steht die Frage der Gerechtigkeit, die nicht nur die Familien der Opfer stellen, sondern auch die Täter. Ein Roman, der bewegt und berührt, der aber auch wachzurütteln versucht. Eine leider noch zu wenig beachtete Reihe eines vielversprechenden finnischen Schriftstellers.

Was wir nie verzeihen

Arttu Tuominen, Lübbe

Was wir nie verzeihen

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