Was wir verbergen

  • Lübbe
  • Erschienen: Oktober 2022
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Thomas Gisbertz
82°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2022

Ein nachdenklich stimmender Kriminalroman, der kaum aktueller sein könnte

Auf den bei queeren Partybesuchern beliebten Nachtclub „Venus“ im Zentrum der finnischen Hafenstadt Pori wird ein Bombenanschlag verübt. Fünf Menschen sterben, mehrere Dutzend werden verletzt. Kurz darauf taucht im Netz ein Bekennervideo auf: Ein Fanatiker, der sich als Gesandter Gottes bezeichnet, hetzt gegen Homosexualität und deren Befürwortern. Er droht, dass diese Sünder den Zorn Gottes zu spüren bekämen und sich die Straßen mit dem Blut der Blasphemiker rot färben würden. Gleichzeitig ruft er alle auf, ihm im Kampf gegen sexuelle Minderheiten zu unterstützen.

Kommissar Henrik Oksman übernimmt die Ermittlungen. Doch er hat etwas zu verbergen: Oksman war kurz vor dem Anschlag selber im Club und hatte in dieser Nacht Sex mit einem bekannten Stardesigner. Der Kommissar weiß, dass es seine Pflicht wäre, eine Aussage über die Ereignisse der Nacht zu machen und dass die Verheimlichung dessen ein Dienstvergehen darstellt. Während der Kommissar noch mit sich hadert, taucht ein weiteres Video auf. Oksman weiß, dass er alles in seiner Macht stehende unternehmen muss, um einen weiteren Anschlag zu verhindern.

Fortsetzung der finnischen Krimireihe

Autor Arttu Tuominen wurde für seinen Kriminalroman „Was wir verschweigen“ mehrfach ausgezeichnet. Mit „Was wir verbergen“, dem in sich abgeschlossenen zweiten Band, setzt er seine außergewöhnliche Krimireihe fort. Diese ist auf insgesamt sechs Bände angelegt, bei denen jeweils ein anderer Charakter des Ermittlerteams in den Vordergrund tritt. Im letzten Band, der eine Art Zusammenschluss darstellt, werden die noch ungeklärten Geheimnisse der Reihe gelüftet. In Finnland ist bereits der vierte Band der Reihe erschienen.

Arttu Tuominen lebt mit seiner Familie in der Küstenstadt Pori, dem Schauplatz des vorliegenden Krimis. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet der Autor aber hauptberuflich noch als Ingenieur für Umwelttechnik.

Gesellschaftliche Erwartungen vs. Selbstakzeptanz

Wie bereits im Vorgängerband steht auch in Arttu Tuominens zweiten Teil weniger das Verbrechen, sondern die Entwicklung und die Psychologie der Figuren im Vordergrund. Sie sind das tragende Element der Handlung. Die Reihe umfasst viele soziale Facetten und in jedem Roman steht das jeweilige Verbrechen im engen Zusammenhang mit dem Leben eines der Ermittler. Dies gilt diesmal für Polizeioberkommissar Henrik Oksman.

Der Roman überzeugt dann besonders, wenn die Gedanken des homosexuellen Kommissars geschildert werden. Er droht die Kontrolle über sein Leben zu verlieren, welches er so sicher im Griff zu haben glaubte. Neben der Angst, dass sein Geheimnis auffliegen könnte, quält ihn eine große Scham und eine Last, die er seit seiner Kindheit mit sich trägt und die tief mit seinem Elternhaus verwurzelt ist. Nachdem er die Möglichkeit verwirft, seinen Kollegen Jari Paloviita alles zu erzählen, bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten: alle Beweise zu vernichten, die ihn mit dem Besuch im Nachtclub in Verbindung bringen, oder sich als letzte Konsequenz das Leben zu nehmen. So oder so müsste er eine Grenze überschreiten. Dabei fürchtet er weniger die dienstlichen Konsequenzen seines Fehlverhaltens, sondern vielmehr das, was die anderen über ihn denken, wenn sein Geheimnis ans Licht kommt.

Innere Konflikte

Wie schon im ersten Band der Reihe deutlich wird, haben auch die anderen Ermittler mit privaten und familiären Problemen zu kämpfen, allen voran Kommissar Jari Paloviita. Dieser lebt weiterhin finanziell über seine Verhältnisse, weil seine Frau Terhi den häuslichen Luxus als Statussymbol braucht. Die Beziehung zwischen beiden ist extrem angespannt und von gegenseitigen Anschuldigungen geprägt.

Für das Team scheint die berufliche Tätigkeit fast schon eine Art Entlastung und Abwechslung vom Privatleben zu sein, da man hier einfach funktionieren muss und das macht, was man am besten kann. Allesamt erscheinen sie als verletzliche Charaktere. Vielleicht ist es gerade diese Ambivalenz, die eine große Nähe zu den Figuren zulässt.

Gesellschaftlicher Hass

Im Roman geht es aber auch um Hassredner, Gewaltverbrecher und rechtsradikale Gruppierungen wie „White Order“, die die Ideen des „Gesandten“ nur allzu gerne aufgreifen und denen nur schwer beizukommen ist. Dabei sind solche Tendenzen leider kein finnisches Problem.

Bei den Konflikten, die immer wieder offen auf den Straßen Poris auflodern, droht die Suche nach dem „Gesandten“ beinahe zur Nebensache zu verkommen, bis ausgerechnet Oksman eine wichtige Entdeckung macht, die das Team endlich auf die Spur des Täters bringt. Was folgt, ist Dramatik und Hochspannung pur.

Fazit

Arttu Tuominens Romane überzeugen, weil sie mehr sind als packende Kriminalgeschichten. Sie sind einfühlsame Beschreibungen von Menschen, die mit ihren ganz persönlichen Problemen und inneren Konflikten zu kämpfen haben. Gleichzeitig ist der Roman ein Spiegelbild aktueller sozialer Auseinandersetzungen, die aufzeigen, wie groß die gesellschaftliche Kluft in vielen Bereichen des Miteinanders ist.

 

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