Was wir verschweigen

  • Lübbe
  • Erschienen: November 2021
Was wir verschweigen
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Thomas Gisbertz
90°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Gisbertz Nov 2021

Beeindruckendes Debüt aus Finnland

Anfang November in Pori, einer kleinen Hafenstadt im Südwesten von Finnland. Während eines Trinkgelages in einem Wochenendhaus wird Rami Nieminen mit mehreren Messerstichen in Rücken und Hals getötet. Die Spurensuche vor Ort wird durch das stürmische, nasskalte Wetter erschwert. Die Zeugen sind wegen des starken Alkoholkonsums kaum vernehmungsfähig, von der Tatwaffe fehlt jeder Spur. Dennoch scheint der Fall zunächst schnell gelöst: Im nahe gelegenen Wald wird noch am gleichen Abend ein verdächtiger Mann festgenommen. Doch für den Ermittler Jari Paloviita entpuppt sich der Mord als schwierigster Fall seines Lebens.

Ewige Freundschaft

Beim vermeintlichen Täter handelt es sich nämlich um Antti Mielonen. Der Verdächtige und der Kommissar teilen eine gemeinsame Vergangenheit. Antti war in der Jugend Jaris bester Freund. Vielleicht war er der einzig wirkliche Freund, den Paloviita je hatte. Beide schworen sich ewige Freundschaft. Doch die Geschehnisse des Sommers 1991 sollten ihre Jugend jäh beenden und das Leben beider für immer verändern. Fast dreißig Jahre haben sich die ehemals besten Freunde nicht mehr gesehen.

Die Beweislage im Mordfall Nieminen ist eindeutig. Aber wird Paloviita den Freund zur Rechenschaft ziehen oder wiegt Freundschaft stärker? Was die Entscheidung so schwer macht: Jari Paloviita verdankt Antti Mielonen sein Leben.

Neue Krimireihe aus Finnland

Nach Max Seeck („Hexenjäger“, „Teufelsnetz“) präsentiert der Lübbe Verlag den nächsten vielversprechenden finnischen Autor. Arttu Tuominen, geboren 1981, lebt mit seiner Familie in der Küstenstadt Pori, dem Schauplatz des vorliegenden Krimis. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet der Autor auch als Ingenieur für Umwelttechnik.

„Was wir verschweigen“ ist nicht nur der Auftakt einer sechsteiligen Krimireihe, sondern wurde 2020 auch als bester Kriminalroman Finnlands ausgezeichnet. In der Heimat Tuominens erscheint derzeit der dritten Band der Reihe. Ganze drei Jahre arbeitete der Autor an der Idee zu seiner Kriminalerzählung:

„Und dann habe ich das Buch innerhalb von acht Wochen geschrieben“, so Tuominen.

„Mich fesselte der Gedanke über die Freundschaft zwischen zwei Jungen, die aus völlig unterschiedlichen Milieus stammen. […] Dennoch sind diese beiden Jungen eng befreundet, teilen Freud und Leid, schwören sich ewige Freundschaft, selbst wenn das Schicksal sie trennen sollte. Und genau das geschieht.“

Zwei Handlungsstränge

Der Roman erzählt in Rückblenden über die Freundschaft dieser beiden ungleichen Jungen, die dennoch ein festes Band verbindet. Parallel schildert Tuominen die Ereignisse rund um die Ermordung Rami Nieminens und den elementaren Konflikt, in dem sich der 40-jährige Kommissar Paloviita wiederfindet, als er erfährt, dass sein ehemaliger Freund Antti des Mordes beschuldigt wird. Paloviita ist mittlerweile Interimsleiter des Kriminalkommissariats in Pori und hat somit großen Einfluss auf die Ermittlungen.

Im Mittelpunkt des Rückblicks steht der Sommer 1991. Die Stimmung, die der Autor hier vermittelt, erinnert an klassische skandinavische Kriminalerzählungen, vor allem an Håkan Nessers Roman „Kim Nowak badet nie im See von Genezareth“. Eine packende, aber auch nachdenklich stimmende Coming-of-Age-Erzählung: Die Jugend zweier Freunde, die durch die schicksalhaften Ereignisse eines Sommers abrupt beendet wird.

Kommissar Paloviita muss sich seiner Vergangenheit stellen, bei der auch das Opfer, Rami Nieminen, eine bedeutsame Rolle spielt. Im Zentrum des Romans steht dabei nicht die Suche nach dem Täter, denn der ist bekannt. Es geht vielmehr um die Frage, was wahre Freundschaft bedeutet und ob Werte wie Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Loyalität die Zeit überdauern können. Was bin ich bereit, für meinen ehemals besten Freund zu tun? Diese Frage muss nicht nur der Kommissar beantworten, sondern auch der Täter.

Genaue Figurendarstellung

Was auffällt: Es gibt keine einzige Hauptfigur, die glücklich mit ihrem Leben ist. Jari Paloviita - der bereits in der Kindheit zahlreiche Schicksalsschläge erlitt - lebt finanziell über seine Verhältnisse, weil seine Frau Terhi den häuslichen Luxus als Statussymbol braucht. Die Beziehung zwischen beiden ist extrem angespannt und von ständigen Diskussionen und Anschuldigungen geprägt.

Krimimaloberkommissar Henrik Oksman, ein äußerst kluger und genauer Ermittler, leidet unter zahlreichen Phobien, wie die Angst vor Bakterien, sowie Zwangsstörungen. Er isst nur Fertigprodukte aus der Mikrowelle, treibt viel Kraftsport und muss nach dem Training alles reinigen: sich, die Wäsche und seine Wohnung. Hinzu kommt, dass er Probleme mit seinem Vater hat, weshalb er diesem aus dem Weg geht. Lediglich zu seiner Mutter hat er heimlich Kontakt.

Linda Toivonen, die zusammen mit Oksman die Ermittlungen im Mordfall Nieminen übernimmt, hat früher nebenberuflich als Model gearbeitet, ist geschieden, Mutter einer Teenagerin und alkoholkrank. Selbst am Tatort genehmigt sie sich Hochprozentiges und kann ihre Sucht auch nicht vor der Tochter verheimlichen.

Dass die Hauptcharaktere so genau beschrieben werden, hat aber einen wichtigen Grund: In jedem der sechs Bände spielt eine andere Figur die Hauptrolle. So steht im zweiten Band Oksman und im dritten Teil seine Kollegin Linda im Zentrum der Handlung. Daher ist es naheliegend, bereits hier Hinweise und Spuren zu ihren Problemen und Geheimnissen zu legen, denn bei keiner Figur kennt man die eigentlichen Gründe für ihr Verhalten.

Was zählt wirklich?

Auch wenn der Roman in der Figureneinführung bzw. Darstellung manchmal etwas überzieht und die Schicksalsschläge, die Paloviita erleidet, vielleicht zu zahlreich sind, gelingt Arttu Tuominen mit dem ersten Teil der Hexalogie eine packende, aber gleichzeitig auch bewegende Erzählung, die nach den Gründen menschlichen Handelns sucht. Was ist wirklich wichtig im Leben? Und was bin ich bereit dafür zu tun? Eigentlich stellen sich alle Figuren des Romans diese Fragen. Dabei will die Erzählung keine Antworten geben, sondern überlässt dies dem Leser.

Was bleibt, ist ein Kommissar, der sich dem ehemaligen Jugendfreund verpflichtet fühlt, und ein gemeinsamer Schwur, der beide verbindet. Tuominen überrascht in gewisser Weise mit dem Ende des Romans - und doch ist es die logische Konsequenz einer wahren Freundschaft.

Fazit:

Ein Roman, der gleichzeitig fesselt, berührt und nachdenklich stimmt. Eine Erzählung, die mehr Fragen stellt als Antworten gibt. „Was wir verschweigen“ überzeugt mit einer starken Atmosphäre und einer eindringlichen Figurendarstellung. Über allem schwebt die existenzielle Frage, was wirklich im Leben wichtig ist. Arttu Tuominen stellt sein zweifellos großes Talent unter Beweis und wird sicherlich schon bald mehr als ein Geheimtipp sein. Man darf gespannt sein, wie es mit der Reihe weitergeht.

Was wir verschweigen

Arttu Tuominen, Lübbe

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