Wie könnt ihr schlafen

  • Argument
  • Erschienen: Januar 1999
  • Hamburg: Argument, 1999, Seiten: 378, Originalsprache
  • München: Diana, 2005, Originalsprache
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Peter Kümmel
83°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2003

Wohltuend zu lesen aufgrund gelungener Mischung

Eine noch sehr junge, aber auch sehr sympathische Serienheldin hat sich Monika Geier mit Bettina Boll, Kommissarin beim Morddezernat Ludwigshafen, erdacht. Kommissarin Boll hat zwar gerade Urlaub, doch dies hält die Autorin nicht davon ab, trotzdem den ersten großen Fall für sie zu konstruieren, bei dem sie die Leitung innehat. Dabei stellt sich heraus, dass es zunächst doch kein so brisanter Fall ist, wie Frau Boll es sich gewünscht hätte, dass er aber im Verlaufe der Handlung immer größere Ausmaße annimmt. Doch zunächst einmal der Reihe nach.

Bettina betreut in ihrem Urlaub die Kinder ihrer jüngeren krebskranken Schwester, die im Krankenhaus liegt. Da kommt es ihr natürlich mehr als ungelegen, als das Telefon klingelt und ihr Vorgesetzter - Hauptkommissar Härting - sie für einen dringenden Mordfall anfordert. Es dauert einige Zeit, bis Härting "Böllchen" - diese Anrede mag sie überhaupt nicht - überredet hat, doch schließlich gibt sie sich geschlagen, bringt ihre Pflegekinder mit schlechtem Gewissen zu ihrer Tante und lässt sich im Büro über den Mordfall informieren.

Auf dem Anwesen der Familie Marquardt in Kreimheim, einem kleinen Dorf im Pfälzer Wald, wurde die vergrabene Leiche eines neugeborenen Kindes entdeckt. Das Problem bei der ganzen Sache aber ist, dass das Kind bereits vor 20 - 25 Jahren dort vergraben wurde, was die Ermittlungen alles andere als einfach gestaltet.

So mietet sich Bettina Boll zunächst in einer kleinen Pension ein und versucht, ein wenig schlau zu werden aus dem, was die Dorfbewohner so zu erzählen haben. Dabei befasst sie sich zuerst mit der Familie Marquardt, auf deren Grund die Leiche entdeckt wurde. Der Clan der Marquardts war schon immer etwas Besseres und in vielen der Bewohner des Dorfes fließt Marquardtsches Blut, was auch die vererbbare Farbenblindheit beweist, von der zahlreiche Einwohner betroffen sind. Im "Großen Haus" wohnt Max Marquardt, der Bürgermeister von Kreimheim zusammen mit Marko, dem erwachsenen Sohn seines verstorbenen Bruders Martin. Martin wird aufgrund seines Rufes von vielen Bewohnern zugetraut, der Vater des toten Kindes gewesen zu sein. Martins Frau starb bei der Geburt von Marko, Martin selbst wenige Jahre später. Sein Tod durch das Trinken von Frostschutzmittel wurde als Unfall deklariert. Martin war der Weiberheld des Ortes, der jede Frau vernaschte, die er kriegen konnte. Darüber sind sich die Bewohner des Ortes einig - außer Maria Linné, der Schwester von Max und Martin, die auf ihre Familie nichts kommen lässt. Maria ist verheiratet mit dem ortsansässigen Arzt und hat zwei Töchter: die "wohlgeratene" Liliane und die "aufsässige" Luzie, die dafür sorgt, dass Bettina Boll schon schnell ihren nächsten Fall zu untersuchen hat. Luzie wird nämlich nach einem Streit mit ihrem Vater vermisst. Und schon bald überschlagen sich die Ereignisse.

Mit ihrem Debütroman hat Monika Geier einen tollen Auftakt einer Reihe geschaffen, die schon jetzt Interesse auf mehr geweckt hat. Bereits auf der ersten Seite merkt man, dass sich die Autorin durch ihre Wortwahl und ihre lockeren Formulierungen ein wenig vom Einheitsbrei abheben möchte. Und so ergibt sich ein wohltuend erfrischend zu lesender Roman, der seine Qualität aufgrund einer gelungenen Mischung von abwechslungsreichen Charakteren, einem gut konstruierten Plot, kurzweiliger Dialoge und eben der Schreibweise erhält.

Die Charaktere passen gut in die Pfälzer Landschaft und sind meist etwas überzeichnet, was jedoch keineswegs störend wirkt, sondern oft für eine humorvolle Komponente sorgt. Die neugierige Putzfrau, die sich am Alkohol ihrer Kunden vergreift oder der als Voyeur bekannte sittenstrenge Schuldirektor mit alkoholsüchtiger Frau sind fast schon etwas zu klischeebeladen dargestellt, Randfiguren wie Pensions- und Gastwirtin gliedern sich dagegen hervorragend ein. Man muß nicht unbedingt Pfälzer sein, um sich in der ein oder anderen Figur selbst entdecken zu können. Die Beschreibung passt zwar schön zur Landschaft, jedoch hätte das Geschehen auch in jedem Dorf einer anderen deutschen Landschaft stattfinden können. Die Protagonistin wirkt gegenüber den üblichen heroischen oder depressiven Charakteren erstaunlich frisch und lebensecht. Ihr unverkrampfter Idealismus ist genauso gut zu spüren wie auch ihre Erschöpfung gegen Ende des Buches. Sie zeigt viel psychologisches Einfühlungsvermögen, ist aber auch an manchen Stellen aufgrund ihrer mangelnden Berufserfahrung noch etwas überfordert. Leider erfahren wir noch ein bißchen wenig aus ihrem Privatleben, doch dafür kann sich die Autorin ja auch noch ein paar Romane lang Zeit lassen.

Die Story, zu Beginn noch als wenig ausbaufähig angesehen, entwickelt immer mehr Eigendynamik und in rasantem Tempo entstehen immer mehr Fragen, zu denen die Antworten immer rätselhafter erscheinen. Durch immer wieder neue Verwicklungen und einzelne Kleinigkeiten, die nicht unbedingt etwas mit der Lösung des Falles zu tun haben müssen, steigert die Autorin die Spannung stetig weiter bis hin zur überraschenden Auflösung, bei der keine Fragen offen bleiben, denn Monika Geier nimmt sich ausgesprochen viel Zeit, um auch einzelne Details zu klären.

Zwar in der Reihe der ariadne-Frauenkrimis erschienen ist Monika Geier und ihre Protagonistin Bettina Boll sicher auch für männliche Leser empfehlenswert. In der Einleitung schreibt der Verlag: "Für uns muß ein guter Krimi folgende Kriterien erfüllen: Der Suspense muß auf mehreren Ebenen stattfinden. Also nicht nur: wer hat gekillt bzw. wird er oder sie überführt?, sondern zusätzliche Rätsel, Fragen, Unklarheiten, Gefahren, Ängste und Nöte. [...]" Da kann man nur sagen: die eigenen Vorgaben des Verlages wurden mit diesem Buch hundertprozentig erfüllt.

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