Das Geheimnis von Windsor Castle

  • Goldmann
  • Erschienen: Dezember 2021

- Übersetzung: Peter Beyer

- Ein Fall für Frey und McGray 6

- Originaltitel: "The Dance of the Serpents"

- Taschenbuch

- 576 Seiten

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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2022

Hexenjagd mit der Queen im Nacken

Im Dezember 1889 sind die Inspektoren Adolphus McGray und Ian Frey von der Polizei in Edinburgh weiterhin im Kampf gegen einen Geheimbund von ‚Hexen‘, die inselweit ihre Macht mit Hilfe scheinbar magischer Methoden gefestigt haben. Man schreckt keineswegs vor Erpressung und Mord zurück und sucht vor allem die Nähe der Oberschicht, wo Einfluss und Geld für fette Beute sorgen. Eine Konfrontation mit dem Orden haben McGray und Frey nur knapp überlebt. Die beiden Ober-Hexen wurden getötet, doch viele Mitglieder konnten flüchten. Sie beginnen sich neu zu formieren - und sie haben die beiden Männer, die ihnen solchen Schaden zufügten, nicht vergessen!

McGrays Achillesferse ist seine jüngere Schwester Pansy, die den Verstand verlor, zur Mörderin wurde und in einem abgelegenen Hospital auf den Orkney-Inseln betreut wird. Die „Hexen“ suchen nach Pansy, um über sie den Bruder zu strafen. Allerdings müssen sich McGray und Frey einer noch gefährlicheren Feindin stellen: Victoria, Königin von England, hielt über die „Hexen“ den Kontakt zum verstorbenen Gatten Albert, dessen Tod sie nie verwunden hat. Nun gibt es keine Séancen mehr - und die wütende Königin hat den Tod der beiden Polizisten befohlen.

Dem widersetzt sich heimlich der intrigante Premierminister Lord Salisburg, der vom Orden erpresst wird. Er verspricht sich für McGray und Frey einzusetzen, wenn sie die Hexen finden - und töten. Sie lassen sich notgedrungen auf den Deal ein. Gleichzeitig bleiben die „Hexen“ nicht untätig. Eine erbarmungslose Hetzjagd zu Wasser und zu Lande beginnt, während die kurze Frist, die ihnen Lord Salisbury gewährte, unerbittlich abläuft …

Der Kurs liegt fest

Das halbe Dutzend ist voll - und es wird nur noch ein siebter Teil folgen, um dies vorwegzunehmen. Oscar de Muriel ist offensichtlich selbst klargeworden, was seine Leser schon wussten: Die Krimi-Serie um die schottischen Polizeibeamten McGray und Frey ist so, wie er sie weitergeführt hat, auserzählt. De Muriel begann mit Einzelfällen, die dem viktorianischen Zeithintergrund entsprechend mit Schauereffekten gespickt waren. Schon früh brachte er eine bandübergreifende Hintergrundhandlung ein, die sich nach und nach zu einem Geschehen formte, das nunmehr die Oberhand gewonnen hat.

Wie so oft stellt sich die Frage, ob diese Entscheidung klug gewesen ist. Schon im Vorgängerband („Die Totenfrau von Edinburgh“) gab es immer wieder Passagen, die inhaltlich entweder auf der Stelle traten oder sich in weitschweifigen Erläuterungen eines Plots ergingen, der den Boden eines historischen bzw. historisierenden, d. h. die Vergangenheit als nur bedingt der Realität verpflichteten Realität endgültig verlassen hatte und dadurch in seiner Handhabung zusehends komplexer wurde.

De Muriel postuliert ein England, in dem hoch im 19. Jahrhundert ‚Hexen‘ aktiv sind. Sie stehen in der Tradition einer Geheimgesellschaft, die letztlich auf die keltische Urbevölkerung der Insel zurückgeht. Diese Kelten sind in ihrer trivialkulturellen Inkarnation ein Volk, das mit einer ‚lebendigen‘, mit Geist und Willen ausgestatteten Natur im Einklang lebte und dies durch Menschenopfer zu untermauern pflegte. Die Wirklichkeit sah nachweislich anders aus, was man de Muriel nicht vorwerfen darf: Als Autor hat er das Recht, die Realität nach seinem Willen zu (ver-) formen.

Victorias große, grässliche Sippe

Für den Plot hat sich de Muriel in jenen Bereich der Geschichtsschreibung vertieft, der sich mit der Herkunft von Queen Victoria (1819-1901) beschäftigt. Sie wurde unter Umständen empfangen, die schon die Zeitgenossen verdächtig fanden. Da die These einer ‚Kuckucks-Königin‘ nie bewiesen werden konnte und Victoria die Zweifler schlicht überlebte - sie regierte das britische Empire 64 Jahre; länger auf dem Thron saß nur Elizabeth II. - und im Laufe dieser Zeit eine Machtfülle errang, die sie als ‚Mutter‘ des Imperiums sakrosankt werden ließ. Hinzu kam, dass ihre Nachkommen auf zahlreichen europäischen Thronen saßen, was Victorias Einfluss noch einmal steigerte.

De Muriel wühlt den Schmutz genussvoll wieder auf und konstruiert eine alternative Historie, deren Brisanz plausibel ist: Die zeitgenössische Welt wäre buchstäblich ins Wanken geraten, hätte man Victoria als unrechtmäßige Königin und Kaiserin (von Indien) entlarvt! Der Autor verknüpft dies geschickt mit dem Wirken der ‚Hexen‘, die bei diesem unter allen Umständen geheim gehaltenen Geschehen ihre Klauen im Spiel haben.

Als nunmehr die Wahrheit ans Licht zu kommen droht, werden McGray und Frey ahnungslos mit in den Strudel gezogen. Das Gesamtbild enthüllt sich ihnen (und uns Lesern) erst spät. Zunächst sehen sie sich im Visier der ‚Hexen‘, die den beiden Polizisten ihre empfindlichste Niederlage verdanken. Dass nicht Rache allein der Grund für die sich stetig steigernde Attacken ist, dämmert dem Duo, als sich der Premierminister einmischt. Für Lord Salisbury denkt sich de Muriel eine ganz persönliche Hinterlist im Kampf gegen die ‚Hexen‘ aus, was die Spannung zusätzlich steigert: Wie können zwei relativ einflussarme Männer wie McGray und Frey solch‘ mächtigen Feinden entrinnen?

Die Jagd ist eröffnet

Weil es inzwischen eine lange Vorgeschichte gibt, muss diese jenen Lesern vor Augen geführt werden, denen die früheren Bände der Serie unbekannt sind. De Muriel bemüht sich, die Rückblenden in die Handlung zu integrieren. Dennoch tritt diese mehrfach auf der Stelle, bis endlich alles Relevante aufgearbeitet ist.

In der zweiten Hälfte bekommt das Geschehen den erhofften Schwung, wobei (und obwohl) es sich faktisch auf die endlose Flucht von McGray und Frey beschränkt. Doch de Muriel weiß hier die Zügel in der Hand zu halten bzw. sie zu lockern, wenn es vorangehen soll. Positiv in Erinnerung bleiben eine wahrlich turbulente Jagd über die Dächer der Kathedrale von York und ein erbitterter nächtlicher Kampf in einer ehrwürdigen Oxford-Bibliothek.

Für spannende Unsicherheit sorgt die Unsicherheit darüber, wer den beiden Polizisten Freund oder Feind ist, zumal diese Rollen wechseln können. Dass die daraus resultierenden Schwierigkeiten vor allem für weitere Buchseiten sorgen, fällt dieses Mal weniger deutlich auf als im Vorgängerband. De Muriel bleibt auf dem Gas bis zum dramatischen Finale, das erwartungsgemäß zwar die aktuelle Handlung abschließt, aber erneut eine überraschende Information enthüllt, die auf den nächsten Band überleitet (und die Leser zu dessen Kauf locken soll).

Fazit

Ihr sechster Fall lässt die Polizeibeamten McGray und Frey einerseits vor geheimnisvollen und mächtigen Feinden flüchten, während sie gleichzeitig einer uralten Intrige auf die Spur kommen - dies zunächst schleppend, bis das Geschehen sich von der Vorgeschichte befreit und einem dramatischen Finale entgegengaloppiert: Gerade noch die Spannungskurve gekriegt!

Das Geheimnis von Windsor Castle

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