Die Todesfee der Grindlay Street

Erschienen: Dezember 2018

Bibliographische Angaben

  • London: Penguin, 2017, Titel: 'A mask of shadows', Seiten: 481, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2018, Seiten: 500, Übersetzt: Peter Beyer

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Michael Drewniok
Tartan Noir in viktorianischer Grusel-Kulisse

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2019

Im verregneten Sommer des Jahres 1889 gastiert das „Lyceum Theatre“ aus London in der schottischen Stadt Edinburgh. Leiter und Hauptdarsteller Henry Irving lässt Shakespeares „Macbeth“ aufführen, ein Stück mit vielen Schaueffekten, das eigentlich stets die Zuschauer lockt. Doch hinter den Kulissen gibt es Schwierigkeiten, weshalb die Ticketverkäufe zu wünschen übrig lassen.

Als deshalb eine „Todesfee“ ihr Unwesen zu treiben beginnt und das Ensemble in Angst und Schrecken versetzt, glaubt Inspector Ian Frey an einen für die Presse inszenierten Skandal, mit dem Manager Bram Stoker oder womöglich Irving selbst auf das Stück aufmerksam machen will. Freys Kollege, der exzentrische Inspector Adolphus McGray, ist anderer Meinung, zumal besagte Todesfee bereits in London aufgetreten ist. Dort hinterließ sie wie nun in Edinburgh eine kryptische Botschaft im Shakespeare-Stil, die den Tod eines Ensemblemitglieds ankündigt.

Die Ermittlungen sind schwierig, denn eine echte Spur gibt es nicht. Die Befragung vor und hinter der Bühne enthüllt zudem ein Geflecht nur mühsam in Zaum gehaltener Konflikte, wobei die Betroffenen gern die Gelegenheit nutzen einander anzuschwärzen.

Inspector McGray kommt zu dem Schluss, dass zwei weitere Auftritte der Fee und zwei weitere Teilstücke der noch unvollständigen Botschaft folgen werden. Danach könnte es aus seiner Sicht tatsächlich zu einem Mordanschlag kommen. Die Zeit drängt, denn die Premierennacht bietet sich als Kulisse für eine spektakuläre Untat förmlich an, zumal McGray keineswegs echtes übernatürliches Wirken ausschließt …

Blut und Gewalt, Lug und Spuk

Klassisches Krimi-Geschehen wird spektakulär aufgebauscht und eingebettet in eine für den Leser ungewöhnliche Umgebung: Diese Rezeptur stillt jeden Lektüre-Hunger in der Regel zuverlässig, wenn sich das Außergewöhnliche geschickt zur Handlung fügt. Das viktorianische London des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist eine bewährte Kulisse, seit dort u. a. Sherlock Holmes, Dr. Jekyll & Mr. Hyde, Dracula oder Jack the Ripper für schaurige ‚Unterhaltung‘ sorgten. Hinzu kommt das der historischen Realität entsprechende Bild eines megalomanischen Großstadt-Molochs, der den meisten Bewohnern keine Heimat, sondern Hölle war.

Armut, Ausbeutung, Behördenwillkür im Dienst skrupelloser ‚Geschäftsleute‘, unheilbare Krankheiten, kollektive Erbarmungslosigkeit und früher Tod prägten den Alltag von Massen, die in heruntergekommenen Stadtvierteln nicht lebten, sondern vegetierten. London war in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sondern das Spiegelbild nicht nur englischer Großstädte.

Edinburgh reihte sich unrühmlich ein. Hier kam zu den genannten Missständen ein scharfer Dünkel, der zwischen ‚gebildeten Engländern‘ und ‚wilden Schotten‘ differenzierte, wobei erstere für die Definition verantwortlich waren. Autor de Muriel geht wiederholt auf die daraus resultierenden Konflikte ein, die durchaus gewalttätig werden konnten. Um weiteres Öl in dieses Feuer zu schütten, lässt de Muriel auch Iren auftreten, die sowohl die Engländer als auch die Schotten hassten und von beiden verachtet wurden - eine unheilige Dreiecks-Beziehung, die heute keineswegs (gänzlich) überwunden ist.

Das alltägliche und das absolute Böse

Zwar spielt unsere Geschichte im Umfeld des zeitgenössischen Theaters, doch die sozialen Brüche endeten keineswegs dort, wo angeblich die hehre Darstellungskunst bzw. wenigstens die pure Unterhaltung dominierte. So spielt man allabendlich auf der Bühne, während hinter den Kulissen intrigiert, gehasst und (vorschriftswidrig) geliebt wird. De Muriel widmet diesem gar nicht theaterfamiliären Ambiente viel Raum, was einerseits durchaus für Unterhaltung sorgt, während es andererseits vor allem im Mittelteil dieses Romans viel Leerlauf produziert und den Fortgang des eigentlichen Geschehens hemmt.

Immerhin geht es um eine Todesfee („banshee“), hinter der sich ein/e irre/r Mörder/in verbergen dürfte! Für einen ohnehin die Historie als Vorlage für ein knalliges Garn nutzenden (aber nicht missbrauchenden) Thriller bleibt dies (zu) lange nebensächlich. De Muriel widmet sich lang und breit den Ermittlungen, die ebenfalls auf der Stelle treten, weil zahlreiche Nebenhandlungen ablaufen, die auch das komplizierte Privatleben der Hauptfiguren thematisieren. Das ist für das Genre keineswegs ungewöhnlich und in diesem Fall wichtig für das finale Verständnis der Ereignisse, wird aber von de Muriel eindeutig zu sehr strapaziert. Damit beweist der Autor zwar eine intensive Recherche, die gelungen für Lokalkolorit sorgt, während die Handlung wie gesagt schleift, bis das Tempo im letzten Viertel endlich anzieht: Mindestens 200 Seiten könnten problemfrei gestrichen werden. Damit entfielen gleich mehrere ermittlungstechnische Irrtümer und Sackgassen, die der Verfasser überaus aufwändig inszeniert, um sie dann nicht selten binnen weniger Sätze verpuffen zu lassen.

Mulder & Scully der Prä-CSI-Ära

Polizisten waren Ende des 19. Jahrhunderts vor allem Ordnungshüter, die - gern unter Einsatz ihrer schweren Knüppel - Zusammenrottungen erregter Mitbürger der unteren Klassen auflösten. Sie waren außerdem Handlanger einer Machtelite, die sich ungern selbst die Finger schmutzig machte. Verbrecher gab es in diesen Kreisen nicht - es sei denn, jemand wurde eindeutig entlarvt, umgehend verstoßen und nachträglich diffamiert. Ansonsten wollte man mit schmutzigen Profanitäten nicht behelligt werden - dies vor allem, wenn man selbst darin verwickelt war.

Dank eines Systems, das gesellschaftliche ‚Klasse‘ vor dem Gesetz begünstigte, war in der Oberschicht nicht leicht zu ermitteln. Seilschaften sorgten dafür, dass allzu unangenehme Nachforschungen abgebogen wurden: ein Problem, mit dem Frey und McGray mehrfach konfrontiert werden. Natürlich ignorieren sie solche Hindernisse, zumal die daraus resultierenden Schwierigkeiten für spannende Verwicklungen sorgen sowie unsere Hauptfiguren sympathischer wirken lassen. Ansonsten greift de Muriel in die übliche Trickkiste und schickt ein möglichst ungleiches Duo aus: Dem vornehmen Frey stellt er den ungehobelten „Nine-Nailes“-McGray zur Seite. Man piesackt einander und schätzt sich doch; schlau sind beide. Hinzu kommen auf beiden Seiten schrecklich nette Familien, deren Angehörige zuverlässig für weitere Verwicklungen sorgen.

Fazit:

Mit gut recherchiertem und ins Geschehen integriertem Lokalkolorit führt Autor de Muriel seine Serienhelden Frey und McGray in ihr drittes Abenteuer und in die Welt des zeitgenössischen Theaters, das sich auch außerhalb der Bühne als Hort der Illusionen und (tödlichen) Täuschungen erweist: typischer, d. h. solide geplotteter und gut geschriebener, im Mittelteil allzu ausgewalzter Historienkrimi, der eingefleischte Fans nie durch Abweichungen von geliebten Genre-Schemata ärgert.

Die Todesfee der Grindlay Street

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