Dunkle Schatten über Steep House

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Johannes Sabinski & Alexander Weber

- TB, 544 Seiten

- Bd. 5 [Gower Street Detectives]

Couch-Wertung:

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Michael Drewniok
Sommernachts-Albtraum mit zahlreichen Opfern

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

Im Hochsommer des Jahres 1884 bearbeitet das Londoner Privatermittler-Duo Sidney Grice und March Middleton einen heiklen Fall: Im ohnehin verrufenen Stadtviertel Whitechapel geht ein Unhold um, der junge Frauen gehobenen Standes nicht nur vergewaltigt, sondern auch noch zusammenschlägt. Das Verbrechen ist besonders infam in einer Gesellschaft, die den betroffenen Frauen eine Mitschuld anlastet und sie gesellschaftlich ächtet; so ist an eine ‚standesgemäße‘ Ehe nicht mehr zu denken. Eine Frau hat sich bereits umgebracht.

Die Spurenlage ist dürftig, wobei sich der Verdacht der Detektive vor allem gegen einen abenteuerlustigen Adligen richtet: Prinz Ulrich, ein Mitglied der deutschen Kaiserfamilie - die zudem mit Queen Victoria verwandt ist -, wurde bereits vor einigen Jahren einmal als Wüstling verhaftet. Um internationale Querelen zu vermeiden, ließ man Ulrich - dem man ohnehin nichts nachweisen konnte - laufen.

Als Lucy Bocking, reiche Tochter aus gutem Haus, überfallen wird, will sie Gerechtigkeit und nicht die übliche Vertuschung ihrer „Schande“. Kummer ist sie gewohnt, seit vor Jahren ihr einziger Bruder bei einem Feuer umkam und später ihre Eltern ermordet wurden. March Middleton freundet sich mit Lucy und ihrer beim erwähnten Brand entstellte Freundin Freda Wilde an. Sie nimmt Lucys Schicksal persönlich und moniert das zögerliche Voranschreiten der Ermittlungen. Ohne Grice einzuweihen, stellt sie dem Täter mit Hilfe einiger ebenso entschlossener Freundinnen eine Falle.

Das Unternehmen wird zum Desaster, mehrere Frauen sterben. Ahnungslos ist man einem Serienkiller in die Falle gegangen, der wenige Jahre später mörderischen Weltruhm erlangen wird. Zudem spielt die Vorgeschichte von Lucy Bocking und Freda Wilde eine auch von Grice fast zu spät entdeckte Rolle, was die Zahl der Leichen abermals in die Höhe treibt …

Blinder Eifer und blanker Mord

Zum fünften Mal ermittelt das ungleiche Duo Grice & Middleton; es ist der (vorerst) letzte Band, der Autor hat bereits mit einer neuen Serie begonnen. Die Entscheidung ist gutzuheißen: Obwohl Dunkle Schatten über Steep House ein weiterer ‚Pageturner‘ ist, verstärkt sich der spätestens seit Fall 4 aufgekommene Eindruck einer Machart, die für sich betrachtet ausgezeichnet funktioniert, im Zusammenhang der Serie jedoch allzu offensichtlich geworden ist.

Natürlich könnte M. R. C. Kasasian dies ignorieren und wie (zu) viele andere Autoren die Maschen weiterhin fallen = Band für Band nach bewährtem Schema folgen lassen. Das wäre schade, denn die „Gower Street Detectives“ sind wohl kein originelles, weil aus Klischees montiertes Ermittler-Paar, das jedoch ein Eigenleben entwickelt hat und vom Verfasser in bizarre Kapitalverbrechen und Verschwörungen verwickelt wird, die durch zahlreiche überraschende Wendungen auffallen.

Grundsätzlich sind die Grice/Middleton-Romane keine ‚echten‘ „Cozys“, da die Verbrechen gewaltreich sind und die Stimmung oft düster ist. ‚Gemütlich‘ geht es jedenfalls nicht zu; stattdessen arbeitet Kasasian gern mit Splatter-Effekten, weshalb Todesfälle und Leichenfunde genüsslich mit schauerlichen und schwarzhumorigen Details gespickt werden.

Ein Schicksal schlimmer als der Tod

Der Historienroman lebt vom Kolorit vergangener Zeiten, und der Historienkrimi stellt keine Ausnahme dar. Kasasians London ist genretypisch ein ‚gotischer‘ Ort: eine in jeder Hinsicht aus den Fugen geratene Großstadt bzw. ein Moloch, der seine Opfer verschlingt. Es gibt keine der zeitgenössischen Bevölkerungsexplosion gewachsene urbane Ordnung, keine Bebauungspläne, keine Sicherheitsstandards, kein soziales Netz. Wie im Mittelalter bestimmen die „oberen Stände“, was geschieht, wobei sie darauf achten, dass ihre einträglichen Privilegien stets gewahrt bleiben. Kasasian nimmt sich stets die Zeit, auf das himmelschreiende Unrecht hinzuweisen, welches daraus resultiert. In Dunkle Schatten … erweitert er diese Kritik in Politische, als er March Middleton und Prinz Ulrich über die koloniale Aufteilung Afrikas diskutieren lässt, die selbstverständlich ohne Mitbestimmung seitens der einheimischen Afrikaner erfolgt.

Kasasian lässt Middleton Stellung beziehen, konterkariert aber ihre Empörung mit der Wucht einer alltäglichen Realität, die dies (noch) nicht zur Kenntnis nimmt. Selbst (oder gerade) Sidney Grice stellt sich auf die Seite derer, die Ausbeutung, Kinderarbeit oder die Unterdrückung der Frau gutheißen; hier grenzt die Ironie manchmal an Zynismus.

Vergewaltigung ist selbstverständlich auch im 19. Jahrhundert ein (häufiges) Delikt, doch die Opfer werden von der Polizei, ihren Familien und Freunden und der Gesellschaft gebrandmarkt und ausgestoßen. Selbstmord ist die einzige ‚Lösung‘, aber er sollte gelingen, da sonst die Polizei eingreift: Die Selbsttötung wird als Verbrechen geahndet - und die Kirche weist auf den rettungslosen Sturz in die Hölle hin.

Blick und Sturz in den Abgrund

Middletons Aufbegehren ist wichtig für den Ereignisablauf. Sie lässt sich immer wieder von ihrem Zorn über erlebtes Unrecht mitreißen, handelt unbedacht und bringt sich und dieses Mal auch ihre Mitstreiter in Gefahr. Doch die Gerechtigkeit lässt sich nur langsam und auf gewundenen Wegen aus der Reserve locken. Der methodische, (scheinbar) emotionslose Sidney Grice hat am Ende den längeren Atem, doch ein kuscheliges Happy-End verweigert uns Kasasian. Der Bodycount ist enorm, und dieses Mal fällt auch eine Hauptfigur.

Die Wahrheit als Ziel ist weit entfernt, der Weg dorthin weist viele Abwege auf. In Vertretung der Leser ist Middleton mehrfach davon überzeugt, ‚den Fall‘ durchschaut zu haben. Sobald dies geschieht, formuliert Kasasian die Erkenntnissituation neu und wirft über den Haufen, was nicht nur Middleton, sondern auch den Lesern logisch schien. Dies geschieht nicht immer elegant, aber es verfehlt seine Wirkung nicht, zumal der Verfasser im Rahmen ohnehin schaurig-überzeichneter Ereignisse auf Handlungslogik nicht zählen muss: Wichtig ist nur die final logisch wirkende Auflösung aller Rätsel, und die wird uns geboten.

Im Mittelteil gibt es Längen, und manches (wie die ‚ulkigen‘ Nonsens-Diskussionen mit der grenzdebilen Haus-Magd Molly) wirkt übertrieben bzw. gezwungen. Im Finale stellt sich der bekannte Schwung aber wieder ein. Die Einführung eines nicht nur zeitgenössisch prominenten Serienkillers bzw. dessen Flucht sorgt darüber hinaus für ein Hintertürchen. Man habe sich später wiedergetroffen, merkt March Middleton an, und diese Begegnung wird möglicherweise/hoffentlich irgendwann auch nachlesbar stattfinden!

Fazit

Band 5 der Grice/Middleton-Reihe setzt die bewährte Serie kompliziert und einfallsreich geschilderter Historienkrimis fort, wobei sich Tragik, Ironie und Klamauk turbulent mischen. Die Webart zeigt freilich Abnutzungsspuren, was mit Grund sein dürfte, dass der Autor die Serie (vorläufig?) abgeschlossen hat. Nichtsdestotrotz stellt Kasasian noch einmal unter Beweis, wieso die Serie so viele Leser fand.

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