Tod in der Villa Saturn

Erschienen: Oktober 2018

Bibliographische Angaben

  • London: Head of Zeus, 2015, Titel: 'Death descends on Saturn Villa', Seiten: 486, Originalsprache
  • Hamburg: Atlantik, 2018, Seiten: 560, Übersetzt: Johannes Sabinski

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Michael Drewniok
Giftgas und Wahnsinn: ein viktorianischer Kriminalroman

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2020

Im Januar des Jahres 1883 verlässt der Privatermittler Sidney Grice London, um auswärts den Tod eines Kirchenmannes zu untersuchen. March Middleton, sein junges Mündel, das immer mehr zur Assistentin des mürrischen Detektivs geworden ist, bleibt zurück.

Middletons Vergangenheit ist tragisch. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater durch einen ‚Unfall‘. Außer Grice, der kein Blutsverwandter ist, gab es keine Familie und niemanden, der sich um Middleton kümmern konnte oder wollte. Deshalb ist sie erstaunt und aufgeregt, als sich ein angeblicher Vetter ihres Vaters bei ihr meldet: Ptolemy Travers Smyth lebt in Highgate in der Villa Saturn und ist reich, weshalb man ihm nachsieht, dass er ein verschrobener Sonderling ist.

Im Alter wolle er die Familie zusammenführen, schreibt „Onkel Tolly“, der March nicht nur in sein Haus einlädt, sondern sie umgehend zur Universalerbin einsetzt, obwohl sie dies ablehnt. Die Angelegenheit bleibt ungeklärt, denn in der Nacht findet March Travers Smyth in seinem Schlafzimmer: Man hat ihn buchstäblich in Stücke gehackt - und die verwirrte March hält eine Axt in der blutigen Hand!

Grice kehrt nach London zurück und kann eine Verhaftung verhindern, denn er weist nach, dass man sein Mündel unter Drogen gesetzt hat, die ihren Geist verwirrten. Der Detektiv nimmt Ermittlungen auf, obwohl „Onkel Tully“ quicklebendig auftaucht - bis ihn March abermals und dieses Mal eindeutig umbringt! Noch einmal bewahrt Grice March vor dem Gefängnis, aber als sie kurz darauf am Schauplatz eines weiteren Mordes aufgegriffen wird, kann er sie nicht mehr retten: Geistesverwirrung schützt im viktorianischen England keineswegs vor der Todesstrafe. Im Wettlauf mit dem Henker versucht Grice ein Komplott aufzudecken, das vor langer Zeit und mit einer diabolischen Erfindung seinen Lauf nahm …

Vergangenheit ohne Zuckerguss

Moderne „Cozys“, also Krimis, die den klassischen englischen Landhauskrimi fortleben lassen, sind viel zu oft verkappte Liebesschnulzen, denen ein Verbrechen nur scheinheilig übergestülpt wird; die Ermittlung wird begleitet, verkrustet von einem komplizierten Klischee-Balztanz, den beispielsweise die hübsche Hauptverdächtige mit dem schmucken Ermittler aufführt. Ebenso schaurig und dem Krimifreund verhasst sind jene historischen Krimis, die ein entsprechendes Geschehen in die Vergangenheit projizieren. Hier werden die üblichen Annäherungsbemühungen durch zeitgenössische Sitten, Regeln oder sogar Gesetze erschwert, was für viele, viele Seiten entsprechender Verstöße sowie Seelenqualen gut ist.

Obwohl die „Gower-Street-Detective“-Serie auf den ersten Blick sämtliche Voraussetzungen für solchen Schmalzschund zu erfüllen scheint - der deutsche Verlag gibt sich übrigens keine besondere Mühe, entsprechende Verdachtsmomente zu zerstreuen, denn für solche Als-ob-Krimis gibt es ein kopf- und zahlungsstarkes Publikum -, könnte dieser Verdacht erfreulicherweise nicht falscher sein: Hier bedient sich ein Autor zwar der einschlägigen Plot-Elemente, um sie dann genüsslich und einfallsreich auf links zu ziehen.

Das viktorianische London ist eine beliebte Kulisse; verständlicherweise, denn hier erleben wir eine moderne Großstadt, deren Lebensalltag noch mittelalterlichen Vorgaben folgt. Viel zu schnell wuchs London im 19. Jahrhundert heran. Nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Sozialgesetzgebung hielt mit dieser Entwicklung nie Schritt. Das führte u. a. zur Entstehung von Slums, neben denen sogar südamerikanische Favelas wie paradiesische Orte wirken. So gut wie kein soziales Netz, stattdessen rigoros (ver-) urteilende Gerichte, die schon Minderjährige für Bagatellverbrechen aufs Schafott schickten: Diese von denjenigen Zeitgenossen, die nicht vom Elend betroffen waren oder davon profitierten, schamlos vertuschte Realität wird von Autor Kasasian nicht mit erhobenem Zeigefinger kritisiert, sondern fließt mit zynischem Witz in die Handlung ein, um jeglichen Historienschmalz erfolgreich zerfließen zu lassen.

Gegen das Gesetz der Serie

„Tod in der Villa Saturn“ ist der dritte Band einer Serie, die ihre Leser gefunden hat. Normalerweise wäre dies der Punkt, an dem die Entwicklung der Hauptfiguren ihr Ende fände. Nun müsste Band um Band folgen, wobei die Inhalte sich bestenfalls durch den jeweils zu klärenden Kriminalfall unterschieden. Kasasian geht einen anderen, anspruchsvolleren Weg: Während Grice und Middleton ermitteln, geraten sie in private Turbulenzen, ohne dass daraus eine beliebige, peinliche Love-story quellen würden.

Band 3 bricht sowohl inhaltlich als auch formal mit bekannten und durchaus beliebten Vorgaben. So fällt es dem Leser schwer zu erfassen, welches Verbrechen eigentlich begangen wird. Zunächst hält wie üblich March Middleton die Ereignisse als Chronistin fest, doch je weiter sie selbst ins Geschehen verwickelt wird, desto schwieriger ist es, ihren Beschreibungen zu folgen. Hier stimmt etwas nicht, was faktisch unmögliche Details verraten, die sich in Middletons Texte einschleichen. Sie künden von einer Vergiftung, die das Hirn der Chronistin immer stärker in Mitleidenschaft zieht.

Irgendwann ist Middleton gänzlich außer Gefecht gesetzt. Nun greift Sidney Grice zur Feder und übernimmt es, die Lücken in der Darstellung zu füllen. Damit ändert sich der Stil der Erzählung völlig: Hier äußert sich ein exzentrischer Mann. Bereits dies prägt eine Niederschrift, die zwar die Story vorantreibt, aber gleichzeitig Aufschluss über Grice gibt, dessen Wesen sich keineswegs in den von Middleton festgehaltenen Eigentümlichkeiten erschöpft. Grice ist offensichtlich ein „Asperger-Autist“ und damit ein Mann, der die Welt anders wahrnimmt als seine Mitmenschen - kein „Rain Man“, also kein „Idiot savant“, der wie ein Roboter auf die Wiedergabe nie vergessener Eindrücke und Erinnerungen programmiert ist, sondern durchaus über Gefühle verfügt, die er jedoch nur auf seine limitierte Weise vermitteln kann.

Chronik eines schwer nachvollziehbaren Verbrechens

Dieser Blick in Grices Schädel - bevor für die letzten Kapitel wieder Middleton übernimmt - ist faszinierend, weil Kasasian uns witzig und aufschlussreich diesen nicht groben, sondern mit persönlichen Problemen kämpfenden Mann näherbringt. Das versöhnt mit einem Krimi-Plot, der darüber immer weiter ausfasert und in eine Drogenfantasie verschwimmt.

Das Finale wird zu einer Folge erklärender Ereignisse. Sämtliche Rätsel werden gelöst, und selbstverständlich tritt der Schurke, der bisher im Hintergrund die Fäden so genial zu führen verstand, persönlich auf, um sich zu offenbaren und Middleton in Lebensgefahr zu bringen. Dieses konventionell-dramatische Ende sorgt nicht für Verdruss, weil es der Autor mit einer guten Dosis ‚gotischen‘ Grusels serviert: Hier schreien zwar keine Lämmer, sondern Schweine, aber auch sie werden zum Schweigen gebracht.

Angesichts der Furchtlosigkeit, mit der Kasasian die Karten neu mischt, wundert es nicht, dass er die Serie mit Band 5 erst einmal abgebrochen hat. Ideen sind anstrengend: Wenn ein Schriftsteller kein „prose mechanic“ sein will, gerät er automatisch an Grenzen. Die „Gower-Street-Detective“ werden vermutlich keine 20, 30, 40 Fälle lösen, aber dafür das Schema F meiden: Würden nur mehr (Krimi-) Autoren diesem Beispiel folgen!

Fazit:

Eine zunehmend drogenbetäubte March Middleton wird Opfer eines Komplotts, dessen Motiv verhängnisvoll lange im Unklaren bleibt, weshalb der Verschwörer immer neue Morde begehen kann: Band 3 der „Gower-Street-Detective“-Serie bietet nicht einfach einen neuen Kriminalfall, sondern verzahnt das mörderische Geschehen mit den Viten der Hauptfiguren, die einfallsreich vertieft und ergänzt werden: eine interessante, weil etwas andere Fortsetzung, die - nicht unbedingt verwunderlich - das wenig experimentierfreudige Puschenkrimi-Publikum nur bedingt und oft gar nicht erreichen konnte.

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