Als die Nacht begann

Erschienen: Dezember 2020

Bibliographische Angaben

- TB

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Thomas Gisbertz
Unterhaltsam, aber nicht immer logisch

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Dez 2020

Als auf der Friedrichstraße in Berlin eine Studentin auf offener Straße erschossen wird, ist die Kripo in höchster Alarmbereitschaft. Das zufällig am Tatort aufgenommene Video eines Touristen stellt Jan Tommen und sein Team vor ein Rätsel: War es ein Heckenschütze, der sein Ziel willkürlich ausgewählt hat, oder gab es eine Verbindung zum Opfer?

Auf der Suche nach einem Motiv tauchen Jan und seine Freunde in das Leben der jungen Frau ein. Doch es findet sich keine verwertbare Spur. Dann wird am Tegeler See ein Mann auf einer Parkbank gefunden, der ebenfalls aus der Ferne getötet wurde ...

Rache als Motiv?

Das Ermittlerteam rund um Jan Tommen bekommt es diesmal mit einem perfiden Heckenschützen zu tun. Das einzige, was die Opfer Fiona Denz und Felix Hankel gemeinsam haben: Beide verfügen erstaunlicherweise über einen immensen Reichtum. Woher stammt das Geld? Erst allmählich scheint Licht ins Dunkel zu kommen. Haben die Taten etwas mit einer wilden Schießerei in Berlin zu tun, bei der vor Jahren ein unschuldiger Passant getötet wurde? Will jemand Rache nehmen für die damalige Tat? Jan Tommen und seinem Team bleibt nicht viel Zeit - denn der Heckenschütze hat bereits das nächste Opfer im Visier ...

Fortsetzung der Jan-Tommen-Reihe

Autor Alexander Hartung ist besonders für die Fans des Verlags „Edition M“ aus dem Hause amazon kein Unbekannter: Gleich mit zwei Thrillerreihen sorgt er beim amerikanischen Onlinehändler für hohe Verkaufszahlen. Seit 2018 veröffentlichte Hartung drei Romane seiner Reihe um den (ehemaligen) Kripobeamten Nik Pohl, der auf seine ganz eigene Weise in München für Gerechtigkeit sorgt. Des Weiteren sind mittlerweile sieben Fälle mit dem Berliner Ermittler Jan Tommen erschienen.

Im Juni 2019 überschritt Hartung nach eigenen Angaben die Grenze von einer Million verkaufter Bücher. Einige seiner Romane wurden inzwischen sogar ins Englische bzw. Italienische übersetzt und sind als Hörbücher bei Audible erschienen.

Keine Thriller für Ästhetiker

Amazon-Autoren wie Alexander Hartung, Elias Haller oder Noah Fitz erfreuen sich einer immer größer werdenden Fangemeinde. Überraschend kommt dies nicht, denn die Thriller bieten zumeist Spannung und Kurzweil, der Preis ist überschaubar und die Bücher in der Regel keine dicken Wälzer. Anders als so mancher skandinavische und britische Thriller, der gerne gesellschafts- oder sozialkritische Themen aufgreift, verzichtet man hier zumeist ebenso darauf wie auf unnötige Nebenhandlungen. Das mag in den Augen der passionierten Krimi- und Thrillerleser, denen eine derart reduzierte Handlung zu platt erscheint, ein Dorn im Auge sein, während andere gerade den leicht überschaubaren Plot und die einfache Figurendarstellung lieben. Zusätzlich wird in bester Blockbuster-Manier nicht an Action und coolen Typen gespart. Da darf ab und an die Logik auch etwas auf der Strecke bleiben.

Zusammengewürfelter Haufen

Dies trifft alles ebenfalls auf den siebten Band der Jan-Tommen-Reihe zu. Wenn sich der Kriminalbeamte mit der Rechtsmedizinerin Zoe, dem Kripokollegen Patrick, IT-Experten Max und dem cleveren Chandu, der sich im Graubereich zwischen Polizei und organisierter Kriminalität bewegt, zu einem ihrer unzähligen abendlichen Treffen samt Essen zusammenfindet, fühlt man sich eher (wie der Erzähler selber bemerkt) an The Big Bang Theory erinnert als an ein seriöses Ermittlerteam; so etwas wie rechtliche Vorgaben oder polizeiliche Grenzen scheint die Gruppe dann häufig auch nicht zu kennen. Hartung hat hier bewusst ein Sammelsurium an Charakteren zusammengestellt, da es dadurch immer eine Figur gibt, die die Handlung neu vorantreiben kann. Der Autor bewegt sich damit aber auch stets an der Grenze zum Unglaubhaften.

Unterhaltung statt Logik

Die Handlung besitzt zahlreiche Wendungen; einige davon geschehen um 180 Grad und mit Vollbremsung, andere wiederum sind bereits zwei Kapitel vorher zu erahnen. Es stört dann enorm, dass die Figuren sich derart durchschaubar anstellen; langweilig wird es bei Autor Alexander Hartung aber nie. Dies mag auch daran liegen, dass die erfahrenen Ermittler um Jan Tommen gerne vollkommen unkalkulierbare Risiken eingehen, wenn man zum Beispiel einen jungen Kollegen als Lockvogel für einen Heckenschützen einsetzt (der seinen Opfern mit Vorliebe das Hirn wegschießt), oder sich auf mehr als dilettantische Art vom Täter an der Nase herumführen lässt (Warum sollte zum Beispiel ein Täter am helllichten Tag eine Tatwaffe mitten in Berlin vor Zeugen in die Büsche schmeißen?). Lässt man aber einmal Logikfehler und polizeiliche Anordnungen beiseite, wird man durchaus gut und kurzweilig unterhalten - man muss aber auf eine tiefergehende Charakterdarstellung und erzählerische Finesse verzichten. Es wird nicht nach Gründen oder Motiven für ein Verhalten gefragt, oder ob so etwas in der Realität vorstellbar wäre; dies spart Hartung ebenso aus wie disziplinarische Konsequenzen für ein polizeiliches Fehlvergehen.

Fazit

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Thriller von Alexander Hartung derart beliebt sind: Wer eine abwechslungsreiche Handlung, eine eigenwillige Ermittlertruppe und ein hohes Erzähltempo sucht, der sollte hier zugreifen, weil er dann bestens unterhalten wird. Man darf dann aber nicht zu kritisch sein, was den Plot und die mehr als grenzwertige Ermittlungsarbeit betrifft. Eine fesselnde Erzählweise und eine differenzierte Figurendarstellung bietet Hartungs aktueller Thriller ebenso wenig.

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