Zimmer 19

Erschienen: August 2019

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Thomas Gisbertz
Thriller auf Top-Niveau

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Nov 2019

Berlin, Mitte Februar. Die Atemwolken tausender Schaulustiger steigen in den kalten Abendhimmel der Bundeshauptstadt, während gleichzeitig ein Blitzlichtgewitter die Ankunft der Prominenten und Stars ankündigt: Im Theater am Potsdamer Platz findet die Eröffnungsveranstaltung der Berlinale statt. Nach der offiziellen Rede sollen die Internationalen Filmfestspiele beginnen. Zum Entsetzen der fast 2000 Zuschauer im Saal erscheint auf der Leinwand ein Snuff-Film. Das Opfer: die Tochter des Bürgermeisters Otto Keller.

Tom Babylon vom Landeskriminalamt und die Psychologin Sita Johanns ermitteln unter Hochdruck. Doch eine Gruppe von Prominenten um Keller mauert. Was hat der Bürgermeister zu verbergen? Und wer ist die Zeugin, die aussieht wie Babylons vor Jahren verschwundene Schwester Viola? Die Ereignisse überschlagen sich, als ein weiterer Mord passiert. Sita Johanns muss feststellen, dass es eine Verbindung zwischen ihr und den Opfern gibt: ein furchtbares Ereignis in ihrer Jugend - und die Zahl Neunzehn.

Die Dämonen der Vergangenheit

Eigentlich könnte Tom Babylon nicht glücklicher sein: Seit elf Monaten sind er und Anne stolze Eltern eines gesunden Jungen. Auch der „Kontakt“ mit seiner kleinen Schwester Viola, die als Kind unter mysteriösen Umständen verschwunden ist, in Form von Zwiegesprächen hat in letzter Zeit merklich nachgelassen. Der aktuelle Fall reißt beim Kommissar aber wieder alte Wunden auf. Am Tatort entdeckt er auf einem Überwachungsvideo ein junges Mädchen, das kaum älter aussieht als Viola zu dem Zeitpunkt, als sie vor 20 Jahren verschwand. Ist das nur ein Produkt seiner Einbildung? Tom stürzt sich wie ein Besessener in den Fall, weil er auch endlich erfahren muss, was mit seiner Schwester damals geschehen ist. Hiermit knüpft Raabe inhaltlich an den Vorgängerband „Schlüssel 17“ an.

Interessant ist diesmal aber der Perspektivwechsel: Ging es im ersten Band der Reihe um Toms Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit, rücken nun Ereignisse aus der Teenagerzeit der Psychologin in den Vordergrund: Von ihrem Leben angewidert und frustriert, wollte sich die junge Sita aus Verzweiflung vor den Zug werfen, wurde aber im letzten Moment von einem Jugendlichen gerettet. Doch schon im nächsten Moment waren beide auf der Flucht vor drei jungen Halbstarken, die auch vor Mord nicht zurückschreckten. Was hatte der unbekannte Retter damals zu verbergen? Die Geschehnisse in der Vergangenheit haben im wahrsten Sinne des Wortes sichtbare Spuren bei Sita Johanns hinterlassen. Spuren, die eine dramatische Verbindung zum aktuellen Fall herstellen.

Fortsetzung der Tom-Babylon-Reihe

Mit „Zimmer 19“ liefert der Kölner Marc Raabe den langersehnten zweiten Band seiner Reihe um den Kommissar Tom Babylon und die Psychologin Sita Johanns. Obwohl Raabe bereits 2012 mit „Schnitt“ ein beachtliches Debüt hinlegte, gelang ihm erst im letzten Jahr mit „Schlüssel 17“ der große Durchbruch. Wochenlang hielt er sich mit seinem Thriller in den Bestsellerlisten des deutschen Buchhandels und wurde von der Krimi-Couch in die Shortlist zum Buch des Jahres 2018 aufgenommen.

Wer nun meint, dass dieser große Erfolg nicht mehr zu überbieten sei, der muss eines Besseren belehrt werden: „Zimmer 19“ hat ein noch höheres Tempo, eine atemberaubende Spannung und einen mehr als interessanten Plot. Das Bemerkenswerte dabei ist: Raabe kommt ohne die herkömmlichen Schockmomente und Gewaltorgien aus. Stattdessen fesselt er den Leser von der ersten Seite an mit einer durchdachten, wendungsreichen Handlung und Figuren, die nicht nur in ihrer polizeilichen Ermittlungsarbeit authentisch erscheinen.

Fulminanter Plot

Die Handlung des zweiten Bandes hat es in sich. Raabe versteht es geschickt, die Leser über das Motiv lange Zeit im Dunkeln zu lassen bzw. in die Irre zu führen. Der Autor verbindet erneut einen temporeichen Thriller mit einem dunklen Kapitel der DDR-Zeit. Sicherlich mag es Leser geben, die dieses Themas mittlerweile als Motiv für einen Thriller überdrüssig sind. Dennoch muss man „Zimmer 19“ dringend empfehlen, da Raabe nicht das Motiv, sondern die Handlung und seine Figuren in den Mittelpunkt stellt – und dies in einer mehr als beeindruckenden Weise.

Durch die szenische Darstellung der Geschehnisse, die überzeugenden Figuren, den brisanten politischen Hintergrund und nicht zuletzt wegen des hohen Erzähltempos läuft der Thriller wie ein Film vor dem Leser ab. Dabei schwebt immer eine Frage im Hinterkopf: Welches dunkle Geheimnis verbergen der Berliner Bürgermeister Otto Keller und weitere mächtige Persönlichkeiten? Die Auflösung gibt es erst spät, wenn sich alle Puzzleteile zusammensetzen, aber sie hat es in sich.

Weiterentwicklung der Figuren

Dass Raabe ein exzellenter Geschichtenschreiber ist, hat er bereits im ersten Band der Reihe gezeigt. Geschickt versteht er es, die verschiedenen Handlungsstränge – mögen sie auch noch so weit auseinanderliegen – zusammenzuführen und dabei für einige Überraschungen zu sorgen. Was aber das Besondere seines Thrillers ist: Trotz des enormen Erzähltempos – immerhin wird der Fall innerhalb von drei Tagen gelöst – nimmt sich der Autor Zeit für seine Figuren und deren Entwicklungen, die bereits in „Schlüssel 17“ ihren Anfang genommen haben.

Tom Babylon kann weiterhin nicht auf das Aufputschmittel Methylphenidat verzichten, um seinen Dienst nachzugehen oder einfach nur funktionieren zu können. Er ist kein Polizist aus Leidenschaft, sondern er verbindet mit seiner Tätigkeit die Hoffnung, dass Verschwinden seiner Schwester aufklären zu können. Selbst sein Familienleben ordnet er diesem unstillbaren Wunsch unter.

Die Psychologin Sina Johanns rückt in diesem Band mehr in den Fokus der Geschichte. Besonders ihre Vergangenheit spielt diesmal ein wichtige Rolle, die in Rückblenden erzählt wird. Schade ist allerdings, dass uns der Autor zu wenig an ihrem aktuellen Befinden teilhaben lässt. Andererseits lebt das Tempo des Thrillers auch davon, dass Raabe immer die Handlung in den Vordergrund stellt und bei der Figurenbeschreibung präzise, aber nie ausufernd schreibt.

Insgesamt ist es dem Autor gelungen, eine fulminante Truppe an Figuren zusammenzustellen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich dennoch bestens ergänzen. Eine besonders schillernde Figur ist sicherlich Bene Czech. Er ist eine feste Größe in der Berliner Unterwelt. Gleichzeitig verbindet ihn ein einschneidendes Erlebnis aus Jugendtagen eng mit Tom Babylon. Czech ist Besitzer des „Odessa“, einer der lukrativsten und angesagtesten Clubs der Stadt. Er verfügt über eine beeindruckende Statur, die ebenso viele Narben wie Tattoos ziert. Mit seinem roten Vollbart und dem zwingenden Blick wirkt er ebenso angsteinflößend wie dominant. Obwohl er Teil der Unterwelt ist und Tom Babylon mit ihm nicht immer auf einer Linie ist, helfen und unterstützen sie sich letztendlich. Zuweilen überschreiten beide dabei die Grenze zwischen Gut und Böse.

Fazit:

Raabes neues Werk hat alles, was einen guten Thriller ausmacht: ein atemberaubendes Tempo, Spannung bis zur letzten Seite und ein Ermittlerduo, das einen in seinen Band zieht. Durch den sehr flüssigen, aber gleichzeitig unglaublich szenischen Schreibstil wird man als Leser mitten in die Handlung gezogen. Marc Raabe legt die Messlatte mit dem zweiten Band der Tom-Babylon-Reihe nochmals ein Stück höher und es dürfte derzeit schwer fallen, Vergleichbares auf derart hohem Thriller-Niveau auf dem deutschen Markt zu finden. Raabes Schreibstil ist brillant. Man kann sich schon jetzt auf den nächsten Fall von Tom Babylon und Sita Johanns freuen.

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