Das Lied der Könige

Erschienen: Januar 1998

Bibliographische Angaben

  • -: ?, 1996, Titel: 'Meròhaòk ha-nakhon', Originalsprache
  • München: Goldmann, 1998, Seiten: 605, Übersetzt: Vera Loos & Naomi Nir-Bleimling
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 603
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 603

Couch-Wertung:

86°
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Peter Kümmel
Für den, der außer Krimis auch klassische Musik liebt, ist der Roman ein absolutes Muss<strong></strong>

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Am Abend des jüdischen Neujahrsfestes sitzt Inspektor Michael Ochajon allein zu Hause in Jerusalem. Da vernimmt er plötzlich das Weinen eines Neugeborenen und entdeckt im Keller seines Hauses in einer Pappschachtel einen ausgesetzten Säugling. Spontan entschließt er sich, entgegen jeder Logik den Fund zunächst nicht zu melden, sondern selber für das Baby zu sorgen. Mit der Aussage, es handle sich um das Kind seiner Schwester, bittet er seine Nachbarin Nita van Gelden, alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes, mit der er bisher keinen Kontakt hatte, um Hilfe. Nachdem er die prominente Cellistin näher kennenlernt, weiht er sie schließlich in sein Geheimnis ein. Die beiden spielen der Fürsorge ein zusammenlebendes Paar vor und erhalten das vorläufige Sorgerecht für das Findelkind.

Nita stammt aus einer berühmten Musikerfamilie. Ihr Vater Felix ist Musikalienhändler, ihre beiden Brüder Theo und Gabriel bekannte Geiger, Theo auch Dirigent. Nita bereitet sich intensiv auf ihr Comeback-Konzert vor, bei dem sie gemeinsam mit ihren Brüdern auftreten soll. Nach diesem Festkonzert erhält Nita die Nachricht vom Tode ihres Vaters. Er wurde während der Aufführung überfallen und geknebelt. Dabei ist er erstickt.

Zwei Wochen später findet Nita nach einer Orchesterprobe ihren Bruder Gabriel hinter der Bühne tot auf. Ihm wurde mit einer Cellosaite der Kopf fast vollständig abgetrennt. Mit der Aufklärung des Verbrechens wird Michael Ochajon beauftragt. Durch die neue private Situation, von der er seine Vorgesetzten nicht einmal informiert hat, gerät er nun in große Gewissenskonflikte. Doch er ist weder bereit, den Fall noch sein Findelkind abzugeben.

Wenn man zunächst den Inhalt und dabei die Geschichte mit dem Findelkind liest, erwartet man schon einen etwas schmalzigen Roman. Doch weit gefehlt: Sogar dieses Thema wird behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt, ohne auch nur im gerinsten ins Schnulzige abzugleiten.

Immer wieder bietet das Buch ausführliche Abschweifungen, ohne dabei die Haupthandlung aus den Augen zu verlieren. Faszinierend, wie es Batya Gur gelingt, sich mit vielen verschiedenen Themen zu befassen und diese alle ausgewogen unter einen Hut zu bringen. Dies habe ich selten erlebt, denn oft verzettelt sich ein Autor, wenn er zuviel in ein einziges Buch einbringen will.

Was ein anderer Krimiautor auf 200 Seiten runterschreibt, schmückt Batya Gur auf über 600 Seiten aus. Den 200-Seiten-Krimi hat man nach 2 Wochen wieder vergessen. So aber wird das Buch zum Erlebnis. Jeder Charakter wird ausführlich dargestellt, so daß man sich die Personen wirklich leibhaftig vorstellen kann. Auch die Randfiguren werden dabei nicht vergessen. Schon durch die Beschreibung der Charaktere entwickelt der Roman seine ihm eigene Spannung.

Es ist jedoch keinesfalls so, dass die Autorin jede Szene ausschmückt, um ihre Seitenzahlen zu erreichen. Für den Leser ist kein Wort überflüssig. Als z.B. Ochajon Nita die Geschichte mit dem Baby gesteht, geschieht das in einem Satz im Sinne von: "Er erzählte ihr alles". Was der Leser schon kennt, wird nicht nochmal in allen Einzelheiten wiederholt, wie das so oft üblich ist.

Doch weitgehend sind die Dialoge sehr lang und gelegentlich auch schwer verdaulich. Dadurch würde ich dieses Buch auch als unverfilmbar bezeichnen im Sinne, dass die Qualität dabei erhalten bleibt.

esonders interessant die Informationen aus der Welt der klassischen Musik. Beeindruckend, wie Batya Gur in die Beschreibung eines Verhörs einen etwa 20-seitigen Exkurs in die Geschichte der Musik vom Barock bis ins 20. Jahrhundert inklusive Instrumentenkunde einfließen lässt. Dies ist auch für jemanden interessant, der nur wenig Ahnung von diesem Thema hat, für einen Liebhaber sowieso. Selten kann man so gut wie hier erkennen, dass ein Autor wirklich gründlich recherchiert hat und weiß, wovon er schreibt. Selbst einem Musikbanausen gewährt die Darstellung von der Beziehung passionierter Geiger zu den Musikstücken lehrreiche Erkenntnisse.

Auch die Geschichte Israels bleibt nicht unerwähnt, wenn auch nur über Umwegen darauf eingegangen wird durch die Tatsache, dass Theo van Gelden plant, die verpönte Musik von Wagner in Jerusalem aufzuführen. Man erfährt einiges über die Unterschiede zwischen aus Europa eingewanderten und den in Israel geborenen Juden. Spannungen zwischen arm und reich werden in dieser Zustandsbeschreibung der israelischen Gesellschaft deutlich.

Was mir besonders gut gefallen hat, war auch das Verhör mit Ruth Maschiach, für das die Autorin ebenfalls mehr als 20 Seiten erübrigte. Dabei schweifen Ochajon und die Verdächtige ab und diskutieren über Kriminalromane.

Die Kriminalfälle an sich geraten schon fast in den Hintergrund. Kurz vor diesem Vergessen kommt die Autorin jedoch dann wieder zum zentralen Thema zurück. Der Leser tappt, was die Suche nach dem Mörder anbelangt, lange Zeit im Dunklen. Es gibt keine wirklich Verdächtigen. Alle in Frage kommenden Personen werden von der Polizei gleich behandelt. Ihre Beziehungen zu den Opfern werden ausführlich durchleuchtet, das Psychologische steht dabei im Vordergrund. Vordringender als die Suche nach dem Mörder wird die Frage nach dem Motiv behandelt, denn es gibt zunächst keines.

Die privaten Probleme von Michael Ochajon durchziehen den Roman wie ein roter Faden. Man ahnt schon zu Beginn, dass sich da eine Liebesbeziehung zwischen Michael und Nita entwickeln wird. Aber auch diesbezüglich bleibt das Buch absolut ausgewogen, fällt nicht in irgenwelche Klischees ab. Es gibt keine Liebesszenen im eigentlichen Sinne. Vielmehr ist es eine Beschreibung des Gefühlslebens von Inspektor Ochajon.

Normalerweise kommt bei mir nach soviel Lob auch ein wenig Kritik, aber hier muß ich mir wirklich etwas aus den Fingern saugen. Man muß sich schon ein wenig in den Schreibstil von Batya Gur einlesen. Dieser ist sicher nicht jedermanns Sache. Und als superspannend im eigentlichen Sinne kann man das Werk auch nicht gerade bezeichnen. Das wars aber auch schon, was man als Kritik sehen könnte.

"Das Lied der Könige" ist kein Buch, das man mal so eben nebenher liest. Es bietet alles, was ein gutes Buch haben sollte: Spannung, Information, Lesefluß, Charakterdarstellung, Logik und einiges mehr. Nicht zu empfehlen ist das Werk für Leser, die Thriller suchen, die von Anfang an Action und Spannung bieten. Man muß sich hier schon etwas einlesen. Für den, der außer Krimis auch klassische Musik liebt, ist der Roman ein absolutes Muss.

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