Am Anfang war das Wort

Erschienen: Januar 1995

Bibliographische Angaben

  • -: ?, 1989, Titel: 'Mawet ba-hûg le-sifrût', Originalsprache
  • München: Goldmann, 1995, Seiten: 472, Übersetzt: Mirjam Pressler
  • München: Goldmann, 1997, Seiten: 471
  • München: Goldmann, 1998, Seiten: 471
  • München: Goldmann, 1999, Seiten: 471

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Peter Kümmel
Teils Kriminalroman, teils Sachbuch

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Hauptschauplatz des Romans ist das Institut für Hebräische Literatur an der Universität von Jerusalem. Erschüttert von der Nachricht des Todes ihres Kollegen Ido Duda´i, der bei einem Tauchunfall ums Leben kam, stehen die Mitarbeiter der Fakultät im Sekretariat. Doch ein Professor fehlt: keiner hat die Koryphäe im Bereich der Lyrik, den berühmten Scha´ul Tirosch, in den letzten beiden Tagen gesehen. Nachdem jemand erwähnt, dass aus seinem Zimmer ein merkwürdiger Geruch dringt, findet man ihn erschlagen an seinem Schreibtisch vor.

Als sich schließlich herausstellt, dass Duda´i nicht durch einen Unfall ums Leben kam, hat es Oberinspektor Michael Ochajon mit zwei Mordfällen zu tun. Auf der Suche nach den Zusammenhängen findet Ochajon heraus, dass Tirosch eine Beziehung mit Duda´is Witwe hatte. Die Tatsache, dass Tirosch ein Frauenheld gewesen war, bietet Ochajon einige gute Anhaltspunkte, um zu ermitteln. Der Schlüssel zur Lösung scheint aber eher in der Amerikareise zu suchen, die Duda´i kurz vor seinem Tod unternahm.

Ihre Buchtitel erinnern ein wenig an die Titel von Elizabeth George, deren Romane sämtlich nach Bibelzitaten gewählt wurden. Es würde mich interessieren, ob die Titel von Batya Gur original übersetzt sind oder - wie teilweise bei Frau George - von den deutschen Verlagen aus Werbezwecken gewählt wurden. Doch leider kann ich kein hebräisch lesen.

Ebenso wie bei ihrem Erstlingswerk hat Batya Gur auch für ihren zweiten Roman ein Thema gewählt, zu dem sie einen persönlichen Bezug hat. In ihrem Debütroman wählte sie als Thema das Fachgebiet ihres Mannes: die Psychoanalyse. Diesmal beschäftigt sie sich mit einem Milieu, dass sie aus eigener Erfahrung kennt, denn sie war viele Jahre selbst Dozentin für Literatur.

Wie variabel die Autorin ihre Bücher aufbaut, lässt sich durch folgendes gut darstellen: Dies ist der dritte Roman von Batya Gur, den ich lese und zugleich die dritte Art, einen Kriminalroman zu beginnen. Das Lied der Könige beginnt mit dem Protagonisten Ochajon und seinen persönlichen Problemen. In Denn am Sabbat sollst Du ruhen wird der Leser sofort mit einem Mord frequentiert und danach in das Umfeld eingeführt. In "Am Anfang war das Wort" werden zunächst die Charaktere und ihre Beziehungen zu den späteren Mordopfern vorgestellt.

Weniger variabel ist die Ermittlungsarbeit für die Jerusalemer Polizei. Die Bücher von Batya Gur leben hauptsächlich von dem, was in anderen Kriminalromanen oft nur Beiwerk ist: den endlosen Verhören, denen sie oft viele Seiten in ihren Büchern einräumt. Immer wieder werden die Verdächtigen auf die Polizeiwache bestellt und immer wieder werden sie zu den gleichen Dingen befragt. Das hört sich langweilig an, ist aber meist so geschickt geschrieben, dass für den Leser keine Wiederholungen auftreten. Das Wichtigste an den Romanen ist die Sprache, nicht die Handlung.

Wie immer in den Ochajon-Romanen sind ein bis zwei lange Abschnitte fast ausschließlich dem Hauptthema gewidmet. Vielleicht liegt es eher an meinem mangelnden Interesse an Lyrik, dass ich dem diesmal nicht so viel abgewinnen konnte. Ich muß zugeben, dass für mich zum ersten Male Langeweile in den Romanen der israelischen Autorin aufkam in dem Kapitel, als Ochajon eine Vorlesung an der Universität besucht und diese Vorlesung über mindestens 10 Seiten hinweg geschildert wird. Ich hab kein Wort davon verstanden. Oberinspektor Ochajon hat auch kein Wort davon verstanden, aber für ihn steht nach dieser Vorlesung fest, dass der Dozent nicht der Mörder sein kann.

Ich gebe zu, von Psychoanalyse verstehe ich ebenso wenig wie von Lyrik, dennoch konnte mir Batya Gur in ihrem Erstlingswerk wesentlich mehr Aspekte verständlich machen.

Auch hier spielen die Beziehungen der Dozenten untereineinander sowie ihre Beziehungen zur Kunst die Hauptrolle. Sehr deutlich treten die Parallelen zum Erstlingswerk der Autorin zutage: Das Mordopfer ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Es ist von fast allen sehr angesehen, von vielen bewundert, von wenigen beneidet und von einzelnen gehasst. Und wieder ist weit und breit kein konkretes Motiv zu erkennen.

Gurs Werke sind teils Kriminalroman, teils Sachbuch. Sie hat einen exzellenten, sehr ausführlichen Schreibstil ohne jedoch viel zu wiederholen. Trotz dieser detaillierten Beschreibungen lesen sich ihre Werke zwar flüssig, dennoch lassen sie sich nicht so verschlingen wie ein anspruchsloser Action-Krimi. Immer wieder schweift sie von der Ermittlungsarbeit zum Hauptthema eines Romans ab, ohne jedoch die Rahmenhandlung aus dem Auge zu verlieren. Sämtliche Charaktere werden in aller Ausführlichkeit dargestellt und sind vielschichtig und oft widersprüchlich.

"Am Anfang war das Wort" ist für mich der schwächste der drei Ochajon-Romane, die ich bisher gelesen habe, hebt sich aber ebenfalls deutlich von der Krimi-Durchschnittskost ab. Wer nicht gerade auf Poesie steht, sollte vielleicht eher mit einem anderen Roman der Autorin beginnen.

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