Die Ernte des Bösen

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • London: Sphere, 2015, Titel: 'Career of Evil', Originalsprache
  • Köln: RandomHouse Audio, 2016, Seiten: 1, Übersetzt: Dietmar Wunder , Bemerkung: ungekürzte Lesung
  • München: Blanvalet, 2017, Seiten: 672

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Jürgen Priester
(Don't fear) the Reaper

Buch-Rezension von Jürgen Priester Nov 2015

Robert Galbraith, besser bekannt als Joanne K. Rowling, ist so richtig im "Flow", wie man heutzutage so sagt. Nach Der Ruf des Kuckucks (2013) und Der Seidenspinner (2014) ist Die Ernte des Bösen schon der dritte Band mit ihren Privatermittlern Cormoran Strike und Robin Ellacott. Die Lust, mit diesem skurrilen Paar auf Verbrecherjagd zu gehen, ist der Erfolgsautorin deutlich anzumerken. Ihre schriftstellerische Potenz hat Rowling in der Zauberwelt ihres Harry Potters bewiesen und die zeigt sie jetzt auch in der rauen Wirklichkeit eines maroden United Kingdom.

Der in der Überschrift angesprochene Sensenmann (dazu später mehr) zeigt gleich zu Anfang des Romans in der Gestalt eines Mannes, der gedankenverloren mit einigen Leichenteilen hantiert. Genüsslich erinnert er sich an die letzten Atemzüge seines Opfers. Die Nächste hat er schon im Visier, was sein Hochgefühl noch steigert.
Diese Eingangsszene könnte auch aus einem der unzähligen Serienkiller-Thriller stammen. Einen Augenblick fragt man sich, ob Joanne Rowling einen für ihre Leser unerwarteten Schwenk hin zu mehr Thriller-Spannung wagen wird. Aber nein, sie bleibt den Detektiv-Geschichten um ihr Ermittler-Duo treu. Keine Experimente! Nur ab und an darf jetzt ein gestörter Mörder seine krankhaften Fantasien und Rachepläne preisgeben.

Eines Morgens im Detektivbüro nimmt Robin Ellacott ein längliches Paket entgegen. Als sie es öffnet, stößt sie einen Schrei des Entsetzens aus. Im Paket liegt ein unter dem Knie abgetrenntes Frauenbein. Cormoran Strike benachrichtigt die Polizei, die auch sofort eintrifft. Bei einer genaueren Untersuchung des Päckchens taucht ein Zettel mit einem Zweizeiler aus einem Songtext der amerikanischen Rockband Blue Öyster Cult auf. Dieses Zitat und das Frauenbein selbst interpretiert Strike als Anspielung auf seine Vergangenheit. Ihm fallen spontan vier Männer ein, die ihm das Bein geschickt haben könnten. Drei der Verdächtigungen gehen auf seine Zeit bei der britischen Militär-Polizei zurück, in der er sich nicht nur Freunde gemacht hat.

Nach den zwei aufsehenerregenden Fällen der jüngeren Vergangenheit, die nicht nur viel Publicity, sondern auch jede Menge Aufträge brachten, ist es erschreckend ruhig geworden in der Detektei. Mit gerade mal zwei langwierigen und langweiligen Beobachtungsaufträgen sind Cormoran und Robin beschäftigt. Da bleibt ihnen viel Zeit, sich intensiv mit ihrem persönlichen Angreifer zu befassen. Die Mörderjagd führt die beiden weg aus der glitzernden Scheinwelt der Hauptstadt aufs platte Land, in die Dörfer und kleinen Städte, in denen die Schattenseiten des Neoliberalismus, Niedergang und Verfall, deutlich zu Tage treten. Arbeitslosigkeit führt zu sozialer Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit. Daraus entsteht der Nährboden für manche "Karriere des Bösen", wie die Lebensgeschichten der drei Verdächtigen zeigen. Es ist erstaunlich, dass die Autorin, den Blick auf die Verlierer des Systems nicht verloren hat.

Die Ernte des Bösen, der deutsche Titel des Romans, ist eine Interpretation des Originaltitels "Career of Evil", der wiederum identisch ist mit dem Opener des dritten Album "Secret Treaties" von Blue Öyster Cult. Der ganze Roman ist eine Hommage an die Hardrock-Band der 1970er Jahre. Den jüngeren Lesern könnte vielleicht deren größter Charterfolg Don't fear the Reaper bekannt sein. Ob Joanne Rowling schon in ihrer Teenie-Zeit Fan war oder erst später ein Faible für die Band entwickelt hat, weiß man nicht. Jedes Kapitel des Romans, das sind über sechzig, ist mit einer Zeile aus entsprechend vielen BÖC-Songtiteln überschrieben. Der verrückte Killer hat sie immer auf dem iPod:

 

"Anfangs hatte er sie für beschissen gehalten. [...] Inzwischen war es für ihn heilige Musik. Einige Liedtexte hafteten in seinem Gedächtnis wie Erinnerungen
an einen Gottesdienst, Je öfter er sie sich anhörte, umso deutlicher spürte er, dass sie ihn verstanden."

 

Kann es eine Empfehlung an den Krimileser sein, wenn der Rezensent resümierend feststellen muss, dass das Spannendste nicht der zu lösende Kriminalfall war, sondern das Vor und Zurück in der Beziehung der Hauptprotagonisten? Seit ihrer ersten Begegnung in Der Ruf des Kuckucks knistert es vor erotischer Spannung zwischen Cormoran Strike und Robin Ellacott. Mit dieser Art von Spannung weiß die Autorin virtuos umzugehen. Die Ernte des Bösen wird, wie schon seine Vorgänger, ein breiteres Publikum ansprechen, wovon die Krimi-Leserschaft nur eine Teilmenge sein dürfte. Letztere werden schwanken zwischen Empörung und Langeweile, aber sie werden dranbleiben, denn die Serie hat eindeutig Suchtpotenzial.

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