Der Seidenspinner

  • Random House Audio
  • Erschienen: Januar 2014
  • Köln: Random House Audio, 2014, Seiten: 1, Übersetzt: Dietmar Wunder, Bemerkung: ungekürzte Lesung
  • München: Blanvalet, 2016, Seiten: 687
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Jürgen Priester
80°

Krimi-Couch Rezension von Jürgen Priester Sep 2014

Rowling spinnt den Faden weiter

In der Danksagung am Ende des Buches bemerkt Joanne K. Rowling, dass es ihr viel Freude bereite, unter dem Pseudonym Robert Galbraith jetzt Detektivgeschichten zu schreiben. Ihre Lust am Fabulieren manifestiert sich hier, wie schon bei ihren Harry-Potter-Romanen, in den lebendigen Figuren und dem phantasievollen Plot. Schon der Auftakt Der Ruf des Kuckucks legte nahe, dass die Autorin an einer neuen Reihe arbeitet. Ihre Protagonisten, der Privatdetektiv Cormoran Strike und dessen Assistentin Robin Ellacott wurden ausführlich vorgestellt und gleich mit einem komplizierten Fall konfrontiert. Im vorliegenden zweiten Band Der Seidenspinner (The Silkworm) hat das Duo eine weitere harte Nuss zu knacken. Der bestialische Mord an einem prätentiösen Schriftsteller fordert ihren vollen Einsatz. Der letzte, noch unveröffentlichte Roman des gemeuchelten Herrn mit dem seltsamen Titel "Bombyx Mori " birgt sowohl den Grund für seine Ermordung als auch den Schlüssel zur Aufklärung des Falles.

"Bombyx mori" ist der lateinische Name des Seidenspinners, eines Schmetterlings, aus dessen Kokon nach der Verpuppung der Raupe die begehrte Seide hergestellt werden kann. Dazu muss die Puppe in kochendem Wasser abgetötet werden, um den etliche hundert Meter langen Seidenfaden ablösen zu können. Owen Quine, besagter Autor, benutzt den Umstand, dass der Tod des Einen (der Vielen) Anderen ein Gewinn (ein Nutzen) sein kann, als grundlegende Metapher für seinen avantgardistischen Roman. Dass er damit eine Vorlage für seinen eigenen Tod gibt, konnte er nicht ahnen.

Nach der Aufklärung des spektakulären Selbstmords des Supermodels Lula Landry (Der Ruf des Kuckucks) ist Cormoran Strikes Mini-Detektei gut im Geschäft. Die finanziellen Nöte, in der er anfangs steckte, scheinen erst einmal überwunden zu sein, und damit ist auch die Anstellung seiner Assistentin Robin gesichert. Ihre Aufträge sind meist lukrativ, aber wenig aufregend. Und so schleicht sich beim ruhelosen Strike eine gewisse Langeweile ein. Als eines Morgens die unscheinbare Leonora Quine im Büro auftaucht und Strike bittet, nach ihrem verschwundenen Mann zu suchen, ist der Detektiv mehr als bereit, den Fall zu übernehmen, um der alltäglichen Routine zu entkommen.

Ihr Mann sei Schriftsteller und habe gerade einen neuen Roman beendet, erzählt die verlassene Ehefrau. Nach einem Streit mit seiner Literaturagentin vor zehn Tagen habe er abends seine Sachen gepackt und sei verschwunden. Seitdem habe sie nichts mehr von ihm gehört, könne ihn auch telefonisch nicht erreichen. Außerdem geschähen seitdem merkwürdige Dinge.

Nicht allein aus Neugier, sondern auch aus Mitleid mit der gebeutelten Frau übernimmt Strike den Fall. Er sondiert das Umfeld des Schriftstellers und kommt schnell zu dem Schluss, dass jener einiges an bösem Blut hinterlassen hat. So ist der Detektiv auch nicht überrascht, als er wenig später über die Leiche des Vermissten stolpert.

"... -, doch Strikes Ansicht nach war dieser Mord kompliziert,
eigenartig, sadistisch und grotesk, literarisch in seiner Inspiration
und skrupellos in seiner Ausführung."

Kurz, eine Herausforderung für jeden Meisterdetektiv oder den, der es werden möchte.

Wie der Rezensent an anderer Stelle bereits erwähnte, sind die Cormoran-Strike-Romane den klassischen Whodunits à la Christie oder Doyle nachempfunden. Der Meister(detektiv) nähert sich mit oder ohne Unterstützung eines Assistenten Schritt für Schritt dem Täter. Dazu analysiert er den Tatort, sichtet Beweismittel, befragt Zeugen und Verdächtige, prüft Alibis und Motive, zu guter Letzt präsentiert er dem Publikum, zu dem auch der Leser gehört, den Täter. Genau so läuft es auch im Seidenspinner ab. Wer also ein Faible für diese Art von "Rätsel"-Krimis hat, ist hier goldrichtig und fühlt sich zurückversetzt in die Zeit der Klassiker. Denn trotz verstopfter Straßen, moderner Gebäude, Mobiltelefonen und Computer strahlt das Setting die Atmosphäre der 1920/30er Jahre aus. Strike ist viel mit der U-Bahn und zu Fuß unterwegs, kämpft sich durch Schnee und Regen, um seinen Geschäften nachzugehen oder gemütlich in traditionellen Pubs seinen Lunch einzunehmen. Das alte London versprüht seinen Charme, erzeugt eine Kaminfeuer-Romantik, die dazu einlädt, sich mit diesem Schmöker an ein kuscheliges Plätzchen zurückzuziehen.

Apropos Romantik, so richtig was für´s Herz ist auch das Verhältnis der beiden Hauptprotagonisten Cormoran Strike und Robin Ellacott. Der eine hängt zwar in Gedanken und Träumen noch seiner verflossenen Liebe nach, die andere ist verlobt und der Hochzeittermin rückt nahe, doch die knisternde Spannung zwischen den beiden ist greifbar und verstärkt sich, obwohl sie beide krampfhaft um eine professionelle Distanz bemüht sind.

Das sympathische Duo ist auch der Magnet dieser Reihe und ihr Privatleben wird entsprechend intensiv gewürdigt. Wie schon in Band 1 hapert es wieder an der Spannung der Krimi-Handlung. Es mag daran liegen, dass sich Krimis dieser Art grundsätzlich auf eine Generalabrechnung zum Finale konzentrieren, wenig Raum für Überraschungen und Wendungen lassen. Wenigstens ist in Der Seidenspinner im Vergleich zum Ruf des Kuckucks die Handlung gradlinig und die Tätersuche und -findung stimmig. Trotzdem fällt es nicht leicht, die vielen Informationen zu Orten und Zeiten oder zu den Personen parat zu halten. Die Autorin ist halt detailverliebt, was hier kein Vorwurf sein soll.

Der Seidenspinner ist wie sein Vorgänger so richtig was zum Schmökern. Spannungsliteratur? Nur bedingt, eher Unterhaltungsliteratur, die nirgendwo aneckt, die stilistisch ansprechend, teilweise humorvoll und sehr lebendig ist - wie geschaffen für ein breites Publikum, das weit über den Kreis der Krimi-Liebhaber hinausgeht.

Der Seidenspinner

Robert Galbraith, Random House Audio

Der Seidenspinner

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