Der Ruf des Kuckucks

  • Random House Audio
  • Erschienen: Januar 2013
  • Köln: Random House Audio, 2013, Seiten: 3, Übersetzt: Dietmar Wunder, Bemerkung: MP3
  • München: Blanvalet, 2014, Seiten: 654
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Jürgen Priester
67°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2013

Ein Klassiker ohne Klasse

Was tun nach Harry Potter?

Zwei ganz Große der Unterhaltungsliteratur, beide exzellente Erzählerinnen, beglücken diesen Herbst ihr Publikum mit schwergewichtigen Werken. Die eine, Elizabeth George, bestätigt mit Nur eine böse Tat ihren Abschied vom Krimi-Genre, was von vielen Fans mit Bedauern aufgenommen wird. Die andere, Joanne K. Rowling, versucht indes den Einstieg in die Spannungsliteratur diesseits der Fantasy-Welt mit dem vorliegenden Der Ruf des Kuckucks ihr zweiter schriftstellerischer Auftritt in ihrer Post-Harry-Potter-Ära. Der erste, Ein plötzlicher Todesfall, erschien im September 2012 zeitgleich in unzähligen Ländern. Ein perfektes Marketing und ein entsprechend großes mediales Tamtam katapultierten den Roman schon allein aufgrund der Vorbestellungen in die Spitzen diverser Büchercharts, dabei wusste niemand so recht, welche Richtung die Autorin einschlagen würde. Aber man kauft heutzutage gern einen bekannten Namen in der Hoffnung auf ein befriedigendes Ergebnis. So gab es im Nachhinein einige enttäuschte Gesichter bei denjenigen, deren Erwartungen nicht erfüllt wurden. Obwohl der Titel Kriminelles verspricht, ist der titelgebende "plötzliche Todesfall" nur ein Aufhänger für einen Gesellschaftsroman über die Befindlichkeiten einer kleinen Stadt in England.

Auf Krimipfaden

Der Ruf des Kuckucks präsentiert sich jetzt im Gewand eines Detektiv-Romans der Alten Schule. Wie weiland John Dickson Carr oder Agatha Christie mit ihren "Locked-Room-Mysteries" und anderweitig verschachtelten Kriminalfällen setzt die englische Erfolgsautorin auf einen kongenialen Privatdetektiv samt Assistentin, die einen an sich klaren Fall noch einmal überarbeiten müssen. Im Gegensatz zu ihren klassischen Vorbildern, die in ihren Romanen schnell auf den Punkt kamen, verliert sich die Autorin in endlosen, wenig effektiven Dialogen. Das strapaziert die Geduld des Lesers, lässt Langeweile aufkommen. Handwerkliche Defizite gerade in Bezug auf Plausibilität und Motive werden dann zu einem zusätzlichen Ärgernis. Rowlings erster Ausflug in die Welt des Kriminalromans muss als gescheitert angesehen werden. Vorsichtshalber (?) hat Rowling diesen Roman unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht und somit eine deutliche Trennlinie zu ihrer Harry-Potter-Vergangenheit gezogen.

Der Tod eines Models

Supermodel Lula Landry ist tot. Eines kalten Wintermorgens stürzte sie vom Balkon ihres Penthouse-Appartements. Ein Wachmann, durch das hysterische Geschrei einer Hausbewohnerin alarmiert, fand sie mit zertrümmerten Schädel auf dem Gehsteig.  Vierzehn Tage rauschte es heftig im gelben Blätterwald. Lulas tragisches Ableben füllte die Schlagzeilen der internationalen Presse. Dann wurde es still. Entgegen aller wüsten Spekulationen konnte die Polizei nichts anderes feststellen als einen Selbstmord oder Unglücksfall. Die Anwesenheit oder Einwirkung anderer Personen konnte definitiv ausgeschlossen werden.

Die milchkaffeebraune Schönheit, ein Zufallsprodukt der Beziehung ihrer in prekären Verhältnissen lebenden Mutter zu einem schwarzafrikanischen Studenten, wuchs als Adoptivkind in einer konservativen englischen Familie auf. Vielleicht lag es am (zu) späten Adoptionszeitpunkt, dass es Lula nicht gelang, eine positive emotionale Verbindung zu ihrer neuen Familie herzustellen. Das Schicksal schien es dann gut mit ihr zu meinen, als ihre körperliche Attraktivität einem bekannten Modeschöpfer ins Auge fiel und er sie exklusiv für seine umfangreiche Kollektion engagierte. Der Job machte sie finanziell unabhängig, und sie konnte ihr Leben schon früh ganz nach ihrem Gusto gestalten. Lula war kein Kind von Traurigkeit und, wie Freunde und Bekannte unisono berichten, am Tag vor ihrer Todesnacht nicht anders als sonst. Dass Lula Selbstmord begangen haben könnte, glauben sie nicht.

Drei Monate vergehen. John Bristow, Lulas Stiefbruder, gehört zu denjenigen, die sich nicht mit der Selbstmordtheorie abfinden können. Er will den Privatdetektiv Cormoran Strike beauftragen, den Fall noch einmal gründlich aufzurollen. Obwohl der Detektiv in argen Geldnöten steckt, ist er anfangs nicht gewillt, den Auftrag anzunehmen, da er ihn für aussichtslos hält. Aus beruflichem Interesse hat er die Ermittlungen der Polizei verfolgt und ist sich sicher, zu keinem anderen Ergebnis kommen zu können. Erst als Bristow die angebotene Gage verdoppelt, wird er schwach.

Gemeinsam mit seiner neuen Sekretärin Robin Ellacott, einer Aushilfskraft von einer Zeitarbeitsfirma, geht Strike die Sache an. Die "Neue" entwickelt erstaunliche investigative Fähigkeiten.

Der lange Atem des Cormoran Strike

Cormoran Strike ist der Sohn eines bekannten Rockmusikers und einer seiner Gespielinnen. Um dem vagabundisierenden Leben seiner Eltern zu entfliehen, trat er den British Armed Forces bei und wurde dort zum militärischen Sonderermittler ausgebildet. Ein Sprengstoffattentat in Afghanistan raubte ihm sein rechtes Bein bis zum Knie, was ein sofortiges Ausscheiden aus der Army bedeutete. Nun versucht er sich mehr schlecht als recht als Privatdetektiv. Die Auftragslage ist dürftig, ebenso sein Einkommen. Die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin - gekriselt hat es schon öfter hat er gerade beendet. Das macht ihm alles schon zu schaffen, aber der Mann mit dem seltsamen Vornamen ist keiner, der sich leicht unterkriegen lässt. Eine Kämpfernatur, die, wenn sie sich mal in eine Sache verbissen hat, von ihr auch unter physischen und psychischen Schmerzen nicht ablässt. Cormoran Strike ist der einzige Lichtblick des Romans.

Schade nur, dass die Autorin ihn sein Naturell nicht ausspielen lässt, sondern ihn mit ellenlangen Dialogen ausbremst. Im Fall der Lula Landry gilt es, Freundinnen und Freunde, Bekannte und Verwandte zu befragen, und das ergibt eine stattliche Anzahl.  Jede Befragung zieht sich über etliche Buchseiten und der Erkenntnisgehalt ist für den Leser nur schwer nachvollziehbar. Glaubt man anfangs noch, man befände sich mit dem Ermittler auf Augenhöhe, muss man später feststellen, dass dem nicht so ist. Der finale Abgesang steckt voller unerwarteter Einsichten, die der vorangestellte Ablauf nicht hergibt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autorin sich in eine Sackgasse manövriert hat, aus der sie sich nur mit einem gewagten Konstrukt befreien kann. Es stellen sich mehr Fragen, als Antworten gegeben werden. Es ist schon erstaunlich, dass eine Autorin, die es scheinbar mühelos schafft, ganze Fantasy-Welten zu kreieren, an der vergleichsweise einfachen Aufgabe, einen Krimiplot nachvollziehbar und spannend zu gestalten, scheitert.

Fortsetzung folgt bestimmt

Der Ruf des Kuckucks lebt von einzelnen Figuren. In ihrer Gestaltung liegt eindeutig die Stärke der Autorin. Exemplarisch zu nennen und herausragend ist die Figur des Helden. Cormoran Strike ist trotz seiner noch jungen Jahre ein vom Leben Gezeichneter. Die unsteten Jugendjahre bei seiner Mutter scheint er ganz gut verkraftet zu haben. Schwer indes wiegt sein Afghanistan-Trauma. Die Beinamputation bereitet ihm nicht nur physische Schmerzen, sondern hat ihm auch einen psychischen Knacks versetzt. Seine massige, haarige Erscheinung lässt ihn eher furchteinflößend als anziehend wirken. Er scheint für ein Einzelgängertum prädestiniert zu sein, aber nicht in der Variante des "einsamen Wolfs". Strike ist ein Faktensammler, der alles akribisch notiert und seine Notizen wieder und wieder überdenkt. So rückt der potenzielle Serienheld eher in die Nähe eines Poirot oder Holmes, als dass er einem Philip Marlow ähnlich wäre.

Diesen sympathischen Mann würde man gerne wiedertreffen; ebenso seine smarte Assistentin Robin. Die Weichen dazu sind gestellt. Man kann beiden nur wünschen, dass J.K. Rowling alias Robert Galbraith ihnen beim nächsten Mal einen besser durchdachten Fall beschert. Auch Tempo und Spannung sollten für einen Detektivroman kein Tabu sein.

Der Ruf des Kuckucks

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