Prinzenjagd

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Dortmund: Grafit, 2015, Seiten: 288, Originalsprache

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Sabine Bongenberg
Spannend - aber mit ein paar Fragezeichen

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mai 2015

Auch wenn sich das Leben um die beiden Helden Lila Ziegler und Ben Danner rund um ihr beliebtes Hauptquartier bei Gastwirt Molle in behaglicher Kohlenpott-Wohligkeit präsentiert, ist "draußen" so einiges in Unordnung geraten: Da ist einerseits die Sorge um das Liebesleben von Lenny, dem immer wieder in die Handlung involvierten und eingreifenden Freund und Kripobeamten. Offensichtlich scheint er einmal mehr vom Pfad der ehelichen Tugend abgewichen zu sein und kann diesen Umstand immer weniger verheimlichen. Beunruhigt "beauftragt" seine Tochter Lena daher ihre Freundin Lila mit den Ermittlungen, ob der Gute neuerdings "fremdschläft" und sorgt damit für einen Gewissenkonflikt. Von diesen persönlichen Verwicklungen abgesehen hat auch ein Serientäter seinen Weg in das bisher - wenn auch nicht unbescholtene aber - "durchschnittlich kriminelle" Bochum gefunden: Neuerdings werden diverse Prominente vom Diesseits ins Jenseits befördert und dabei auch noch ihrer primären Geschlechtsmerkmale beraubt.

In ihrem bisher siebten Band der gemeinsamen Ermittlungen, befassen sich Lila Ziegler und ihr Boss und Lebenspartner mit einem Feld, das weit über die Frage nach einer verschwundenen Kleingartenhausfrau und einem ermordeten Obdachlosen hinausgeht. Es geht jetzt um offensichtlich sexuell motivierte Morde eines Serientäters und parallel dazu auch um die Fragen der sexuellen Unterdrückung, Gewalt und Fragen der Übergriffe. Damit offenbaren sich aber auch kritische Fragen zu der Ermittlungsarbeit des sonst so sympathischen Ermittlerduos, steht es doch abschnittsweise vor der besonderen Aufgabe, sich so zu präsentieren, als wären sie nicht die "Helden" sondern vielmehr die Bösewichte der Geschichte. Hier muss sich Flebbe die Frage gefallen lassen, wie weit ein derartiger Weg in eine solche Rolle führen darf. Können Traumatisierungen, die ein sexueller Übergriff hinterlässt, so mir-nichts-dir-nichts mit einer finanziellen Kompensation oder einer Entschuldigung geheilt werden? Ein Bejahen dieser Frage führt aber nach Einschätzung dieser Rezensentin zu einer Bagatellisierung. Handlungen, die eindeutige sexuelle Belästigungen und Nötigungen beinhalten, dürfen nicht zum Repertoire eines seriösen Ermittlerduos gehören, sei es nun fiktiv oder nicht!

Ein immer wieder kehrendes aber leider nicht tiefer diskutiertes Motiv ist das der häuslichen Gewalt. Wenn auch Lila in ihrer Familie regelmäßigen Übergriffen ausgesetzt war, so überrascht es doch, wie schnell die Autorin auch in den neuesten Entwicklungen mit diesem Thema bei der Hand ist. Auch hier ist wieder der schnelle Schlag, das schnelle Zulangen eine gängige Methode um unliebsame Dispute abzukürzen. Eine Methode, die generell überraschen muss, dürfte sie doch mittlerweile nicht mehr zum gesellschaftlich gängigen Repertoire gehören. Noch mehr überrascht, dass diese Übergriffe nur stattfinden, eine Diskussion oder aber eine ernstzunehmende Läuterung der Schläger ist dagegen nur selten zu finden.

 

"Du hast Lenny gefragt, warum er nie zuhause ist?" vergewisserte ich mich. Ein so offener Umgang mit Problemen in der Familie war für mich schlicht nicht vorstellbar. "So ähnlich." Lena kaute auf ihrer Unterlippe. "Ich hab ihn gefragt, mit wem er schläft, wenn er nicht nach hause kommt" "Oh...und?"... "Er hat mir eine gescheuert."

 

Fraglich bleibt auch ein wichtiges Ermittlungsergebnis, das im Verlaufe des Buches präsentiert wird. So scheint der munter dahinplaudernde Psychiater, der eine Verdächtige behandelt, noch nie etwas von der ärztlichen Schweigepflicht gehört zu haben und trägt mit seinen Erkenntnissen wacker zur vermeintlichen Aufklärung des Falles bei.

Trotz dieser Kritikpunkte ist Flebbe ein spannender Krimi gelungen, der insbesondere mit der Sympathie der Leser für das ungleiche Ermittlergespann spielt. Mag Ben Danner auch ein Rauhbein sein, das gelegentlich mit uncharmanten Eigenschaften glänzt, ist er den Lesern doch ans Herz gewachsen und so sieht sicherlich niemand gerne, dass er in die Rolle des Lockvogels schlüpft. Einem Mörder einen lebendigen Köder zu präsentieren ist seit Dürrenmatts Roman Das Versprechen (Filmtitel "Es geschah am helllichten Tage") kein unbekanntes Verfahren. Dennoch musste auch schon der Held dieses Buches erfahren, dass es fast unmöglich ist, den präsentierten Köder unversehrt vor dem Maul der Bestie zu retten.

Bei allen Diskrepanzen ist Flebbe insgesamt ein spannender Roman gelungen, der selbst nach seiner Auflösung noch einen weiteren Haken aufweist. Wie Romanautoren müssen sich nämlich auch die Helden der Geschichte fragen, ob sie ein Monster erschaffen haben und das hinterlässt vermutlich immer ein mulmiges Gefühl - sei es nun real oder fiktiv.

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