Das fünfte Foto

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Dortmund: Grafit, 2013, Seiten: 252, Originalsprache

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Sabine Bongenberg
Liebevoll gezeichnetes Ermittlerpaar wiegt Krimimankos auf

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jan 2013

Morde ohne Leiche stellen vermutlich bei jeder Ermittlungsarbeit ein gewaltiges Problem dar. Wie soll man ohne "Corpus delicti" die besonderen Umstände des Falles, die Vorgehensweise oder möglicherweise das Motiv des Täters ermitteln? Vom Täter natürlich mal ganz zu schweigen. Vor eine derartige unklare Spurenlage sehen sich Lila Ziegler und ihr robuster Partner in mehr als einer Lebenslage Ben Danner gestellt, als sie die Ermittlungen um das Verschwinden der Kleingärtner-Ehefrau Sabine Kopelski aufnehmen. Immerhin – auch wenn sich ohne Leiche die vorhin genannten Fragen aufwerfen, an der möglichen Täterschaft gibt es keinen Zweifel, kann für diese Rolle doch nur der streitbare Ehemann in Betracht kommen. Dennoch – ohne Körper bleibt die Frage der Beweisbarkeit eine schwierige und so müssen Lila und Ben in das Umfeld des potentiellen Täters und damit in die Kleingartenszene Bochums eindringen. "Kleingartenszene" – der Inbegriff von spießbürgerlicher Gemütlichkeit, von exakt geschnittenen Hecken, ausgerichteten Gartenzwergen, Hehlerwaren, Kriminellen und tückischen und mehr als bissigen Teichbewohnern. Zumindest von den letzten drei Beschreibungen sehen sich die Leser als auch die Protagonisten des Krimis vermutlich gleich überrascht und so wundert es nicht, dass sich die Dinge nicht mehr nur um die verschwundene Bine als auch um sonstige eigenartige Vorkommnisse in der Gartensiedlung drehen.

In ihrem nunmehr fünften Fall ermitteln Lila Ziegler und Ben Danner wieder in ihrem gewohnten Umfeld – im sympathischen Bochum, das auch hier eine liebevoll gezeichnete Kulisse bildet. Ihre großen Kriege haben Lila und Ben in diesem Buch hintenan gestellt und so spielen sich die Konflikte eher auf der Ebene "Wer hat die Zahnpastatube nicht zugedreht?" ab. Dieser Beziehungsfriede war sicherlich einmal nötig, würde ein sich immer wieder zerfleischendes und sich trennendes Paar doch irgendwann auch die Frage aufwerfen, warum die beiden sich dann doch immer wieder zusammentun. Aber – seien wir ehrlich – werden nicht auch Diskussionen im Fernsehen interessant, wenn sich die Kontrahenten so richtig an die Gurgel gehen? Dennoch ist es eine weise Entscheidung der Autorin, ihrem konfliktbeladenen Paar eine Atempause zu gönnen und sich verstärkt auf ihre besondere – nicht zuletzt sexuelle – Basis zu fokussieren. Diese Entscheidung geht zwar zu Lasten von Tempo und Dramatik aber zugunsten der Glaubwürdigkeit. Wünschenswert wäre hier allerdings, wenn sich Lila nicht immer und unter allen Umständen auf die Rolle der emanzipierten und gleichberechtigten Partnerin versteifen würde. Insbesondere wenn die Rolle des "Frauchens" auch nicht ohne Vorteile sein muss. Vor die Wahl gestellt, ob sie lieber ein Grundstück rodet oder einen Kasten Bier holen fährt, würde sich die Autorin dieser Zeilen im Bruchteil von Sekunden entscheiden und diese Entscheidung fiele nicht zugunsten der Gartenarbeit.

Heiligt der Zweck alle Mittel?

Aber bei aller Sympathie gegenüber den Protagonisten und der lieb gewordenen Kulisse gehört Das fünfte Foto leider nicht zu den Besten der Ziegler-Danner-Krimis. Die Ursache für diese Bewertung liegt in der regelrechten Beharrlichkeit bei den Ermittlungsarbeiten des Duos, ist dieses doch von Anfang an überzeugt, dass nur ein Verbrechen das Verschwinden von Sabine Kopelski erklären kann. Diese Überzeugung muss bei sonst recht ernsthaften und seriösen Ermittlern überraschen. Überraschen muss noch viel mehr, dass bei den folgenden Untersuchungen gnadenlos der Zweck dem Mittel heiligt. Wohnungseinbrüche werden daher bagatellisiert und Sachbeschädigungen dienen auch nur dem guten Zweck. Hier muss der Autorin allerdings zu Gute gehalten werden, dass ihr der letzte Punkt wohl auch nicht so recht behagte, fördern die anschließenden Reparaturarbeiten doch vorherige Umweltschutzverstöße zutage, die immerhin somit bereinigt werden. Dennoch, die hier vertretene regelrechte Halsstarrigkeit vermag nicht zu überzeugen.

Auch wenn dieser Punkt – fast - das einzige Manko des sonst durchaus spannenden Krimis bildet, kann er nicht außer Acht gelassen werden, da er das Gerüst und den Ausgangspunkt der weiteren Verstrickungen bildet. Daher können auch die originellen Ideen Flebbes über den "ungewöhnlichen" Artenreichtum in kleingärtnerischen Teichen oder die besonderen "Hobbies" derer Eigentümer nicht ganz versöhnen. Das gelingt auch den besonderen Spannungsmomenten, die durch die eingeschobenen Texte eines externen Beobachters geschaffen, nicht vollständig. Dennoch wird insbesondere durch dieses Stilmittel ein weiteres Gefühl der Beobachtung wenn nicht Belauerung im ansonsten doch friedlichen Gärtnerumfeld geschaffen.

Spricht man vom "fast" einzigen Manko, muss natürlich ein weiteres folgen, auch wenn dieses im Zuge des spannenden Showdowns fast untergeht. Eine Ermittlerin vom Gewicht Lila Zieglers, die mit vielen Wassern gewaschen ist, muss erkennen, was sie beim Anblick liebevoll unter Wachstumslampen aufgereihter Pflanzen vor sich hat. Als irritierend kann man weiterhin sicherlich auch die nervige Angewohnheit ertappter Killer bezeichnen, ihre komplette Tatmotivation im Zuge einer Generalbeichte im Moment des vermeintlichen Triumphes zu offenbaren. Andererseits kann der Autorin damit zugute gehalten werden, dass der Spannungsbogen noch etwas länger gehalten werden kann, als wenn diese Punkte später im Zuge der Ermittlungsarbeiten und in ruhigem Fahrwasser zu Tage gefördert würden.

Zusammenfassend wäre diesem Krimi – nur als Krimi betrachtet – zu bescheinigen, dass dem Leser eine solide Unterhaltung geboten wird. Gemessen an der Spannbreite der Krimi-Couch wäre damit die obere Spannbreite von "Recht ordentlich" bedient. Dennoch ist diese Betrachtung für das Ermittlergespann Ziegler-Danner zu kurzsichtig. Flebbe hat es im Zuge ihrer Schriftstellertätigkeit um diese beiden geschafft, dass die Zwischentöne über die Auf und Abs in der zwistiglichen Liebesbeziehung genauso spannend zu lesen sind, wie die eigentliche Auflösung verzwickter Fälle. Bemerkenswert ist auch die Darstellung der weiteren Entwicklung der jungen Heldin. Zwar muss befürchtet werden, dass diese zukünftig etwas von ihrem Straßenkämpferinnen-Biss verliert, doch muss zum Preis der Glaubwürdigkeit auch dieser geschlagenen Persönlichkeit die Möglichkeit zur Heilung geboten werden. Eine Narbe mag manchmal sogar einen besonderen Akzent setzen, wünschenswert ist es aber, wenn eine Verletzung ohne größere Spuren verheilt.

Daher die Schlagzeile zu diesem Krimi: Liebevoll gezeichnetes Ermittlerpaar wiegt Krimimankos auf.

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