Der rote Sarg

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: Faber, 2012, Titel: 'The red coffin', Seiten: 354, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2013, Seiten: 400, Übersetzt: ?

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Jörg Kijanski
Der Plot kratzt zu oft nur an der Oberfläche

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2013

Moskau 1939: Stalin ist außer sich, denn offenbar hat jemand das Projekt Konstantin verraten. Ein Forschungsprojekt von Oberst Nagorski, der in einer geheimen Anlage den neuen Superpanzer T-34 entwickelt. Nagorski gerät selbst unter Verdacht und lädt daher Sonderermittler Pekkala von Büro für besondere Operationen in die Forschungsanlage ein, doch als dieser dort mit seinem Partner Major Kirow eintrifft, finden sie Nagorski nur noch tot vor; vom eigenen Panzer überrollt. Zu ihrer Überraschung trifft kurz nach ihnen Major Lysenkowa ein und übernimmt die Ermittlungen. Dabei ist die für ihre harte Linie bekannte Lysenkowa eigentlich nur für interne Angelegenheiten beim NKWD zuständig.

Lysenkowa erklärt den Tod Nagorskis schnell für einen Unfall, doch Pekkala findet in dessen Schädelresten ein Geschossfragment. Die Fehleinschätzung Lysenkowas würde für diese unweigerlich den Gang in ein Arbeitslager bedeuten, so dass sie Pekkala bedrängt, sie an den Ermittlungen zu beteiligen, damit sie ihren Fehler korrigieren kann. Stalin vermutet den Täter in den Reihen der "Weißen Gilde", einer Geheimorganisation, von der niemand weiß, ob es sie überhaupt gibt&

 

"Es ist eine ganz simple Gleichung, Inspektor. Solange der T-34 funktioniert, ist es wichtig, diejenigen zu schützen, die in ihm sind. Wird das Fahrzeug im Kampf aber außer Gefecht gesetzt, hat es ausgedient. Und diejenigen, die sich darin befinden, sind damit überflüssig geworden. Die Testfahrer haben dem Panzer bereits einen Namen gegeben."
"Der lautet?"
"Sie nennen ihn den Roten Sarg, Inspektor."

 

Der zweite Teil der Inspektor-Pekkala-Reihe spielt im Jahr 1939. Seit anderthalb Jahren entledigt sich Stalin seiner Feinde und hat bereits über eine Million Menschen verhaften lassen. Darunter den Großteil des sowjetischen Oberkommandos, wobei die Offiziere wahlweise erschossen oder in den Gulag geschickt wurden. Auch Pekkala, der Protagonist der Reihe, kennt sich mit Arbeitslagern aus. Während des Ersten Weltkrieges stieg Pekkala zum Sonderermittler des Zaren auf, wurde dessen "Smaragdauge" und erhielt uneingeschränkte Kompetenzen. Als er jedoch nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches versuchte das Land zu verlassen, wurde er für sieben Jahre in das Arbeitslager Borodok geschickt, bevor sich Stalin später an dessen Qualitäten als Ermittler erinnerte. So wiederholt sich die Geschichte und Pekkala erhält sogar den geheimnisumwitterten Schattenpass.

 

"Bist du taub? Er hat einen Schattenpass. Wir können ihn nicht festnehmen. Wir können ihn nicht verhören. Wir können ihn noch nicht mal nach der verdammten Uhrzeit fragen! Er ist berechtigt, dich zu erschießen, und keiner hat das Recht, ihn zu fragen, warum er es getan hat. Und er ist berechtigt, alles zu requirieren, was er will unsere Waffen, unseren Wagen. Wenn er will, lässt er dich hier nackt auf der Straße stehen."

 

Toll, so ein Schattenpass, wobei es allerdings dann unverständlich ist, dass Pekkala mitunter Angst hat, vom NKWD verhaftet zu werden. Die Figur des Sonderermittlers ist interessant, wenngleich ein wenig überzeichnet. Sozusagen eine Art Über-Bond, der es sich sogar erlauben darf, Stalin persönlich zu kritisieren. Damit wären wir beim nächsten Punkt, der ein wenig unangenehm aufstößt, denn die Figur Stalins wird doch recht "normal" dargestellt, was seiner wahren Rolle als Despot nicht gerecht wird.

Überhaupt bleibt die Geschichte oftmals sehr oberflächlich. Sie schwenkt zwischen der Gegenwart im Jahr 1939 und Pekkalas Zeit als Sonderermittler des Zaren, so dass man diese Phasen beide nicht gerade als lupenreine Demokratien bekannt miteinander vergleichen könnte. Leider gelingt dies kaum, denn aus der Zarenzeit bleibt noch am ehesten haften, dass Zar und Zarin sich nicht immer grün waren, was auch an einem gewissen Rasputin, dem Geliebten der Zarin, lag. Pekkalas anschließender Aufenthalt in Borodok wird zwar beschrieben, aber das unvorstellbare Leiden im Lager ebenfalls nur angerissen. Das hätte man schon intensiver, sprich eindringlicher beschreiben können, wenn nicht sogar müssen. Gleiches gilt für die Stalinzeit, in der alle Angst vor einer möglichen Verhaftung haben; viel mehr passiert kaum.

Bliebe die Frage, wie der Krimiplot gefällt? Grundsätzlich ist der Ansatz interessant, einen Ermittler in einer Diktatur zu begleiten (würde man diese denn als solche auch darstellen), wobei die Ermordung Nagorskis doch recht "plötzlich" aufgelöst wird und die Art der Entdeckung des Täters nicht gerade überzeugt. Auch die Figur der Lysenkowa beziehungsweise Stalins Umgang mit ihr "irritiert". Zum Finale gibt es ein paar Wendungen, die das Tempo anziehen, welches bis dahin eher überschaubar war. Bleibt die Frage, warum der Amerikaner Paul Watkins sich das Pseudonym "Sam Eastland" gegeben hat? Soll "Eastland" etwa nur verdeutlichen, dass die Reihe "im Osten" spielt? Auweia.

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