Roter Zar

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: Faber & Faber, 2010, Titel: 'Eye of the red tsar', Seiten: 453, Originalsprache
  • München: Knaur, 2012, Seiten: 380, Übersetzt: Karl-Heinz Ebnet

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Michael Drewniok
Ein ungetrübtes Auge im Reich des Terrors

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2013

Einst gehörte Pekkola zu den Mächtigen im russischen Reich. Zar Nikolaus II. persönlich hatte ihn zu seinem "Smaragdauge" ernannt. Der loyale und mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattete Pekkola ermittelte gegen Verschwörer und Verräter, die es auf das Leben des Zaren abgesehen hatten. Doch als 1917 die Oktoberrevolution ausbrach, rissen die Bolschewiki die Herrschaft an sich. Nikolaus und seine Familie ließen die neuen Machthaber nach Sibirien verschleppen und ermorden, Pekkola verschwand im Straflager Borodok, wo er möglichst rasch eines ´natürlichen´ Todes sterben sollte.

Pekkola hat den Gulag stattdessen bereits neun Jahre überstanden, als man sich im Jahre 1929 seines Ermittler-Talents erinnert. Inzwischen herrscht Josef Stalin, der "Rote Zar", über die Sowjetunion. Unter seinem Terrorregime ist das Land verarmt. Stalin erinnert sich des 1917 intensiv gesuchten aber nie gefundenen Zarenschatzes, der ihm jetzt gut zupass käme. Außerdem will er Genaues über den Tod des Zaren wissen: Ausgerechnet er, der Millionen Russen in Straflager verschleppen und umbringen ließ, ist für den Mord an den Romanows nicht verantwortlich.

Da ihm als Belohnung die Ausreise ins Ausland winkt, übernimmt Pekkola den brisanten Auftrag. In einem Minenschacht bei Jekaterinburg findet und identifiziert er die Leichen der Zarenfamilie. Zarewitsch und Thronfolger Alexej fehlt, ein weiteres Rätsel, das es zu lösen gilt. Eile und Vorsicht sind geboten, denn das Ermittler-Trio ist in Jekaterinburg nicht willkommen. Die Bürger haben Schlimmes erdulden müssen, als ´rote´ Bolschewiki und ´weiße´ Zarentreue um die Romanows rangelten. Noch gefährlicher ist die heimliche Anwesenheit jenes Mannes, der hinter dem Mord an der Zarenfamilie steckt. Er will und kann Nachforschungen nicht dulden und stellt den Ermittlern deshalb beharrlich und tödlich nach &

Die Vergangenheit als Folie

Auch die Unterhaltungsliteratur ist gewissen Modeströmungen unterworfen. Verkürzt ausgedrückt, lässt es sich so auf einen Nenner bringen: Was das Interesse eines möglichst zahlenstarken (und zahlungskräftigen) Publikums erregt, wird von weniger einfallsreichen Autorenkollegen gern ´aufgegriffen´.

"Sam Eastland der eigentlich Paul Watkins heißt und eigens für die Inspektor-Pekkala-Serie ins Leben gerufen wurde ist keineswegs der erste, der die russisch-sowjetische Vergangenheit als Thriller-Spielplatz entdeckte. Vor ihm war es vor allem Tom Rob Smith, der in Kind 44 oder Kolyma den Staatssicherheits-Beamten Leo Demidow einerseits Kapitalverbrechen aufklären und andererseits in die Mühlen der stalinistischen Terror-Maschine geraten ließ. (Damit auch der dümmste Käufer den Wink mit dem Zaunpfahl versteht, wird Roter Zar auf dem Cover übrigens als "ein Muss für Fans von Tom Rob Smith" klassifiziert bzw. schubladisiert.)

Diese Dualität ist wichtig, denn sie definiert ein typisches Element des Historienkrimis: Er spielt in einer Vergangenheit, deren Schilderung ebenso wichtig wie die eigentliche Handlung ist. Gelingt die ideale Kombination, entsteht eine Geschichte, die sich so tatsächlich ereignet haben könnte. Gelingt sie nicht, entsteht im besten Alternativfall immerhin gute Unterhaltung. Mit dieser Feststellung sind wird auf jener Qualitätsstufe angekommen, die Sam Eastland mit Roter Zar erreicht.

Star-Unhold Stalin

Dieser Roman ist nicht nur als spannender Thriller, sondern auch als Auftaktband einer hoffentlich erfolgreichen und lang laufenden Reihe konzipiert, die ihrem Verfasser gutes Geld bei möglichst geringem Rechercheaufwand bringen soll. Glücklicherweise gibt es inzwischen zahlreiche Bücher und Dokumentationen, in denen der politische, gesellschaftliche oder kulturelle Alltag in Stalins Russland fachkundig aufgearbeitet, durch Zeitzeugenberichte untermauert und mit Fotos illustriert wird.

In dem so gesteckten Rahmen befindet sich Eastland auf sicherem Terrain. Eine Überspitzung des stalinistischen Terrors ist kaum möglich, da dieser sämtliche Grenzen des rational Fasslichen sprengte. Tatsächlich hält sich Eastland sogar zurück bzw. beschränkt sich auf die Beschwörung einer allgegenwärtigen, kollektiven Furcht, die er durch brutale oder bizarre Episoden wirkungsvoll auflädt.

Gleichzeitig verkürzt Eastland die Realität auf das unterhaltsam Schaurige. Die Exhumierung der Romanow-Leichen oder die Untersuchung des Ipatjew-Hauses, in dem sie zu Tode kamen, sorgen für entsprechende Schlaglichter. In die Rolle des lebensgefährlichen aber charismatischen Unholds lässt Eastland Stalin schlüpfen, der mit der realen Person sicherlich nur marginale Ähnlichkeit aufweist. Mit zwei sorgfältig inszenierten Auftritten schürt Eastland angenehmen Lektüre-Schrecken.

Dass Stalin dabei zum üblichen Super-Schurken degeneriert, wie wir ihn z. B. aus den James-Bond-Filmen kennen, ist nebensächlich und geht in einer wahren Flut anderer Terror-Klischees unter, denn Roter Zar ist wie schon angesprochen Unterhaltungs-Routine und wird als solche nach bewährten Rezeptvorgaben zusammengerührt.

Der Gerechte in einer Welt des Unrechts

Dazu passt ein Held, dessen übertrieben bis lächerlich gezeichnet wird. Pekkola ist im Grunde zu gut nicht nur für Stalins Welt; ehrlich, pflichtgetreu und unbestechlich bis zur Selbstverleugnung und auch sonst ein eher langweiliger Gutmensch. Eastman ist sich dessen durchaus bewusst und bemüht sich, Pekkala einige Negativzüge anzudichten. Er ist dabei zu zögerlich. Der Leser bemerkt den bemühten Versuch und ärgert sich.

Viel zu deutlich ist Roter Zar als Start einer Serie aufgebaut. Jedes zweite Kapitel schwenkt von der Gegenwart des Jahres 1929 auf Pekkolas Vergangenheit. Diese Abschnitte sind dem Klischee sogar noch stärker verhaftet. Dazu gehört die wenig überzeugende Prämisse einer Freundschaft zwischen Zar Nikolaus und einem Gardisten, dessen Weg dieser nur zufällig gekreuzt hatte. Nikolaus wird bei Eastland überaus plakativ zum ´positiven´ Spiegelbild Stalins, des späteren "roten Zaren".

Da der Gerechte in einer Heldengeschichte stets viel leiden muss, schmachtet Pekkola neun Jahre in einem Gulag, dessen Insassen üblicherweise nur zwölf Monate überstehen. Die Moral ist klar: Pekkola ist dank seiner moralischen Integrität stärker als ´normale´ Menschen. Wie der hl. Antonius in der Wüste wird auch Pekkola geprüft und im Leiden gestählt. In der Gegenwart setzt sich dies im Rahmen eines pseudo-tragischen Bruder-Konfliktes fort.

Der Fall Romanow

Lässt man Pekkolas Erinnerungen und die Streitereien mit Bruder Anton beiseite, bleibt eine Geschichte mit wenig Substanz. Der Mord an Zar Nikolaus II. und seiner Familie darf inzwischen als geklärt gelten. Sämtliche Leichen wurden gefunden, identifiziert und neuerlich bestattet. Auch die Ereignisse im Juli 1917 stehen in den wichtigen Details fest. Dazwischen blieben Lücken, in denen Eastland eine Geschichte platziert, die mit den historischen Tatsachen spielt und ihnen einen alternativen Ablauf abringen soll.

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