Der untröstliche Witwer von Montparnasse

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • Paris: Viviane Hamy, 1997, Titel: 'Sans feu ni lieu', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 1999, Seiten: 278, Übersetzt: Tobias Scheffel

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Peter Kümmel
Herrlich abstruse Dialoge in einer fundierten Story

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Louis Kehlweiler ist halb Deutscher und halb Franzose. Früher war er als Inspektor beim Pariser Innenministerium tätig, jetzt übersetzt er eine Bismarck-Biografie. Er lebt zusammen mit seiner Kröte Bufo, die ihn überall hin begleitet, und kann sich manchmal nicht zurückhalten, seine früheren Beziehungen und seine alten Visitenkarten zu nutzen, um auf eigene Faust in Kriminalfällen zu ermitteln, obwohl er das ja überhaupt nicht mehr machen will.

Und auch als seine Bekannte, die nette siebzigjährige frühere Prostituierte Marthe ihn besucht und um einen Gefallen bittet, wehrt er zunächst ab. Er soll den von der Polizei gesuchten Mörder verstecken, der in Paris zwei Frauen bestialisch mit zahlreichen Stichen mit einer Schere ermordet hat. Erst langsam kann Marthe ihm klarmachen, dass sie den jungen Clément, der nicht besonders helle im Kopf ist, für unschuldig hält. Diesen Clément hat sie als kleinen Jungen von der Straße aufgelesen und ihm Lesen und Schreiben beigebracht, und sie hält ihn für absolut unfähig, solche Verbrechen begangen zu haben.

Doch die Fakten sprechen gegen Clément. Er wurde vor den Häusern beider Mordopfer mehrmals gesehen, als er die Häuser überwachte. Und in beiden Wohnungen fanden sich je eine Topfpfanze mit Cléments Fingerabdrücken. Doch nach seinen Erklärungen sieht es ganz so aus, als wollte ihm jemand eine Falle stellen. Telefonisch erhielt er den Auftrag, den Lebenswandel der beiden Frauen zu überwachsen, weil sich diese um eine Stellung als Kellnerin beworben haben sollen.

Zwar absolut nicht von Cléments Unschuld überzeugt, doch weil er Marthe keinen Gefallen abschlagen kann, willigt Kehlweiler ein, den Jungen zu verstecken. Dazu bedient er sich seiner Freunde Mathias, Marc und Lucien, drei Historikern, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, um ihrer Leidenschaft frönen zu können. Zusammen mit Marcs Paten leben sie in einem alten Haus, das für die nächsten Tage Cléments Versteck sein wird.

Erst Cléments verworrene Erzählungen führen die Freunde auf eine Spur, die schon zehn Jahre zurückliegt. Damals vergewaltigten an einem Institut drei Männer gemeinschaftlich eine Frau. Der dort als Gärtner tätige Clément konnte die Männer in die Flucht schlagen. Liegt dort vielleicht das Motiv vergraben, dass sich einer der Männer jetzt an dem jungen Mann rächen will?

Ein wahrhaft illustres Völkchen hat die französische Autorin Fred Vargas mit ihrem ehemaligen Inspektor und den wegen ihrer Namen Mathias, Marc und Lucien sogenannten drei "Evangelisten" da geschaffen. Es macht einfach Spaß, den von Wortwitz nur so sprühenden Dialogen zu folgen, der ab und an in einen abstrusen Humor übergeht, der ansonsten nur den Engländern zuzutrauen wäre.

Doch nicht nur die oben angeführten Protagonisten sind so herrlich überzeichnet, sondern auch die Nebendarsteller. So die Huren von Paris, die alles wissen, dennoch ihren Ehrenkodex haben und am Ende natürlich alles schon immer besser gewusst haben. So der ehemalige Direktor eines Institutes, Paul Merlin, der Kehlweiler deshalb so sympathisch ist, weil er seiner Kröte Bufo so ähnlich sieht. Oder dessen Schwiegervater, der in seiner Werkstatt einen Höllenlärm verursacht, kleine Frauenstatuen schnitzt und "eine Fliege im Helm" hat. Das Ganze verpackt die Autorin noch in interessante Milieustudien.

Nun ja, denkt man sich, alles recht witzig gemacht, aber die Story ist wohl recht einfach und langweilig. Doch weit gefehlt: was sich zu Beginn recht simpel anlässt, wird zu einer sehr gut durchdachten und logisch aufgebauten Kriminalstory. So nach und nach führt Fred Vargas immer mehr Vedächtige ein und setzt den Leser geschickt auf deren Spur. Und immer dann, wenn man als Leser selber glaubt, man ist der Lösung auf der Spur, setzt sie eine geschickte Kehrtwendung ein und man ist wieder so schlau wie zuvor. Und gerade diese Vorgehensweise ist oft kennzeichnend für einen spannenden und geschickt aufgebauten Plot.

Nachdem man sich erst mal eingelesen hat, fesselt der Roman so sehr, dass es kaum auffällt, wieviele Irrungen und Wendungen die Autorin in die Geschichte eingebaut hat.

Die einzige Kritik muß ich wieder mal dem Verlag zuschreiben, der mit dem deutschen Titel schon zu sehr auf die Lösung hinweist.

Fred Vargas ist ein ganz heißer Tip für Liebhaber von skurrilen und zudem gut aufgebauten und logisch durchdachten Kriminalromanen.

Der untröstliche Witwer von Montparnasse

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