Das Orakel von Port Nicolas

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Paris: Viviane Hamy, 1996, Titel: 'Un peu plus loin sur la droite', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2001, Seiten: 285, Übersetzt: Tobias Scheffel

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Peter Kümmel
Keiner schreibt originellere Krimis

Rezension von Peter Kümmel Nov 2003

Die Kriminalromane von Fred Vargas lassen sich nicht in einzelne Serien abgrenzen. Aber dennoch gibt es in ihren Büchern so etwas wie Serienhelden, nur tauchen die eben nicht alle in jedem Buch auf. Im "Orakel von Port-Nicolas" findet man wieder Louis Kehlweiler, den "Deutschen", ehemaliger Inspektor beim Pariser Innenministerium, bis sie ihn rausgeschmissen haben. Doch er ist wie eine Fliege:

 

"Denn was macht die Fliege, kaum ist sie draußen? Sie macht ein paar Minuten blöd rum, das versteht sich von selbst, und dann paart sie sich. Und dann legt sie Eier. Danach hat man Tausende von kleinen Fliegen, die größer werden, blöd rummachen und sich dann paaren. Also gibt es nichts Inkonsequenteres, als eine Fliege loswerden zu wollen, indem man sie rauswirft. Man muß sie drinnen lassen, sie ihre Fliegensachen machen lassen und sich in Geduld fassen, bis sie alt und müde wird. Während eine Fliege draußen Bedrohung und große Gefahr bedeutet. Und diese Trottel hatten ihn rausgeworfen. Als ob er aufhören würde, kaum daß er draußen wäre! Im Gegenteil, es würde noch schlimmer kommen. Und natürlich konnten sie sich nicht erlauben, mit einem Lappen nach ihm zu schlagen, wie man es bisweilen mit einer Fliege tut."

 

Wie gewohnt ist auch Kehlweilers Kröte Bufo in seiner Jackentasche immer mit dabei. Und auch die ältere Prostituierte Marthe ist uns schon aus dem "untröstlichen Witwer von Montpasnasse" vertraut. Und die drei Historiker Marc, Mathias und Lucien samt ihrem Paten treten sogar "Protagonisten-übergreifend" in mehr oder weniger großen Rollen auf.

Das Buch startet wie gewohnt mit philosophischen Betrachtungen wie oben und mit amüsanten Dialogen, die so absurd sind, dass wohl nicht jeder Leser wirklich etwas damit anzufangen weiß.

 

"'Es stört dich doch nicht, wenn ich Bufo auf die Bank setze?'

'Überhaupt nicht.'

'Aber stör sie nicht, sie schläft.'

'Ich bin nicht so bescheuert, mich mit einer Kröte zu unterhalten.'

'Das sagt man so, und manchmal kommt man soweit.'

'Redest du viel mit ihr?'

'Ständig. Bufo weiß alles, sie ist ein Tresor, ein lebender Skandal. Sag mal, hast du heute morgen irgend jemanden in der Nähe der Bank gesehen?'

'Redest du mit mir oder mit deiner Kröte?'

'Meine Kröte war heute morgen noch nicht auf. Also mit dir.'"

 

Auf erwähnter Bank saßen die beiden, um ihre Informationen zu sammeln. Die Bank war jdoch nicht irgendeine Bank, sondern Bank 102. Für seine Beobachtungen hat Kehlweiler die wichtigsten Bänke in Paris mit Nummern versehen, weil das praktischer war, als ihre genaue topographische Lage im einzelnen aufzulisten. Natürlich alles im Kopf, ohne sich Notizen zu machen. Da hat manch einer Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten. Und als er eben so auf der Bank 102 saß, um Beobachtungen zu machen, da fiel ihm dieses kleine weiße Ding auf, das der vom Regen weggespülte Hundehaufen freigegeben hatte.

Wohl kaum jemand hätte dem kleinen weißen Ding Beachtung geschenkt. Außer eben Kehlweiler, für den relativ schnell klar war, dass es sich hier um das erste Indiz zu einem Mordfall handelte. Bei besagtem Ding nämlich handelte es sich um den Knochen des ersten Gliedes eines menschlichen weiblichen Zehs, bereits einmal durch den Magen eines Hundes gewandert.

Nach diesem interessanten Fund jedoch verflacht die Handlung ein wenig. Nun hat man tagelang damit zu tun, Hunde und Hundebesitzer zu registrieren und zu beobachten, die regelmäßig an Bank 102 Station machten, um den richtigen Hund zu entdecken und vor allem, um die zum Zeh passende Leiche zu finden. Da in Paris keine Leiche mit unvollständigem Zeh auftauchte, musste es sich um eine auswärtige Leiche handeln und schon recht schnell führt der Zehenknochen Kehlweiler in den kleinen Ort Port-Nicolas in der Bretagne.

Erst nach der Mitte des Buches kommt wieder mehr Schwung ins Geschehen, nachdem die Charaktere des Bretagne-Ortes eingeführt wurden und Kehlweiler seine unnachahmlichen Schlüsse zieht, die selbst Vargas-erfahrenen Lesern zunächst verborgen bleiben.

Schreibweise und Schema des Romans sind bei allen Vargas-Romanen identisch. Von einem skurrilen Ereignis ausgehend wittert einer der Protagonisten ein Verbrechen, das ihn schon bald in die Kreise des Täters führt. Der Zufall sorgt dafür, dass dort auch irgendwo eine Person aus der Vergangenheit des Helden auftaucht. Nun ziehen - für den Leser unscheinbare - Spuren das Netz um den Täter immer enger, bis der Leser glaubt, dieser wäre überführt. Doch meist wartet zum Schluß noch eine Überraschung. Das ganze Geschehen wird dabei in unnachahmlich amüsanter und doch verschrobener Art und Weise erzählt, an die man sich beim ersten Vargas-Krimi gewöhnen muß, die einem aber spätestens beim Zweiten bereits von Anfang an Vergnügen bereitet.

Dieses im groben feste Schema ist nichts Negatives, denn dazu bietet die Autorin viel zu viele Variationen an, so daß sie niemals langweilt. Abseits vom Mainstream der Krimikost hat Fred Vargas ihre feste Anhängerschar gefunden, die an ihren seltsamen Typen ihr Vergnügen finden. Kaum einer der aktuellen Kriminalschriftsteller schreibt originellere Krimis als Fred Vargas. Dazu bietet das Pariser Flair mindestens genauso viel Atmosphäre wie Donna Leon in Venedig.

"Das Orakel von Port-Nicolas" ist nicht ihr bestes Buch, doch bietet es ebenso wie ihre übrigen Romane humorvolle und spannende Unterhaltung.

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