Die Toten, die niemand vermisst

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 2012, Titel: 'Fjällgraven', Seiten: 424, Originalsprache
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2013, Seiten: 6, Übersetzt: Douglas Welbat & Julian Wollny

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Lars Schafft
Leider konfus

Buch-Rezension von Lars Schafft Jan 2013

Die beiden Schweden Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt werden bereits als legitime Nachfolger von Henning Mankell und Stieg Larsson gefeiert. Ihr Erstling um Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann Der Mann, der kein Mörder war, konnte auch durchaus überzeugen. Nach dem zweiten Roman, Die Frauen, die er kannte, kamen Zweifel auf, dennoch bildete sich eine große Fangemeinde. Mit Die Toten, die niemand vermisst, folgt nun Teil drei. Und man wünscht sich, dass sich die Autoren für weitere Fälle etwas mehr Zeit insbesondere für die Strukturierung ihrer Bücher nehmen.

Sechs Skelette in den Bergen Nordschwedens

Zwei Wanderinnen stolpern im wahrsten Sinne des Wortes im nordschwedischen Jämtland über ein Massengrab - ein Fall für die Reichsmordkommission um Torkel Höglund, Kriminalpsychologe Sebastian Bergman und deren Team. Sechs Skelette buddeln sie aus, von vier Erwachsenen und zwei Kindern. Ein Fall, der an die Nieren geht.

Parallel dazu schildern Hjorth und Rosenfeldt das Schicksal der afghanischen Frau Shibeka Khan, die mit ihrer Familie in Schweden Asyl gefunden hat. Vor ein paar Jahren sind jedoch ihr Mann Hamid und Cousin Said spurlos verschwunden, offiziell sprach man von einer "unkontrollierten Ausreise". Sollten die beiden abgeschoben werden? Die Behörden halten erstaunlicherweise aber die ganze Sache unter Verschluss.

Ein Schatten seiner selbst

Sebastian Bergman, der vermeintliche Protagonist, ist in Die Toten, die niemand vermisst, ein Schatten seiner selbst. Vom Ekelpaket, das Frauen reihenweise abschleppt, ist genau so wenig zu lesen wie von seinem Genius. Er wirkt nach den angerissenen Geschehnissen im Vorgängerband apathisch, lethargisch, depressiv, gerade zu unbeteiligt bis geistig komplett abwesend:

 

"Und was haben wir jetzt vor?", fragte er [Sebastian] und öffnete die Beifahrertür.
"Ich habe eine Adresse", antwortete Vanja und ging um den Wagen herum.
"Von wem?"
"Von dem Typen, der das Auto gefunden hat."
"Warum sollten wir mit dem reden?"
"Weil er das Auto gefunden hat." (S. 184)

 

Richtig erkennt er schon zur Mitte des Romans, dass er in diesem Fall als Kriminalpsychologe zu dessen Aufklärung nichts beitragen kann und bittet um vorzeitige Rückkehr nach Stockholm. Daran, dass er tatsächlich überflüssig ist, soll sich bis zum Schluss auch nichts ändern. Immer mehr erinnert er an Henning Mankells Kurt Wallander. Was vielleicht auch daran liegt, dass Schauspieler Rolf Lassgård nicht nur den Kommissar aus Ystad mimte, sondern im schwedischen Fernsehen auch Sebastian Bergman. Die Zusammenarbeit, für die sich Hjorth und Rosenfeld im Nachwort bei Lassgård bedanken, scheint kontraproduktiv zu sein, macht sie aus dem einstig durchaus originellen Charakter einen mehr und mehr austauschbaren.

Eigenartige Stilblüten

Was hingegen richtig nervt: Nahezu jede Figur, die die beiden Schweden einführen - und das sind nicht wenige! - erhalten eigene Kapitel mit jeweils tiefen Einblicken in ihr Seelenleben. Oftmals spielt das überhaupt keine Rolle für den Plot, fast immer hemmt es den Lesefluss und was als Cliffhanger gedacht ist, funktioniert nur selten als solcher. Dazu kommen eigenartige Stilblüten wie diese:

 

Wie merkwürdig, dass die Leute immer noch rauchten, dachte sie. Hitler hatte nicht geraucht. Er hasste Raucher. Sie konnte ihn verstehen. (S. 373)

 

Auch die Figurenkonstellation im Team der Reichsmordkommission ist ein gefundenes Fressen für jeden Psychologen, ein lustiges Wer-mit-wem-Spiel, in dem die Tochter Sebastian Bergmans mitarbeitet, freilich ohne zu wissen, dass sie ihrem eigenen Vater das Herz ausschüttet (wie bricht) und von diesem zu allem Überflüss schikaniert wird.

Nun muss man nicht alles, was Hjorth und Rosenfeldt im dritten Sebastian-Bergmann-Band zu Papier gebracht haben, niedermachen. Die Idee hinter Die Toten, die niemand vermisst ist große Klasse, hochbrisant wie aktuell. Nur leider verheddern sich die Schweden in ihrem Netz aus den beiden parallelen Plots und unzähligen Charakteren. Ein roter Faden will nicht ersichtlich werden. So brauchen sie schlicht zu lange, um die Handlungsstränge zusammenzuführen, was vor allem daran liegt, dass die Ermittlungen dem Privatleben der Ermittler hintenangestellt sind. Und dann geht nach fünfhundert Seiten auch noch alles holterdipolter.

 

"Außerdem war der Weg dorthin diesmal so unglaublich langweilig", fuhr Sebastian fort (S. 589)

 

Dem ist nichts hinzuzufügen. Hjorth und Rosenfeldt können´s besser. Vielleicht wieder im vierten Band. Der, daran lassen die Autoren keinen Zweifel, mit Sicherheit kommen wird.

Die Toten, die niemand vermisst

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