Die Frauen, die er kannte

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 2011, Titel: 'Lärjungen', Seiten: 494, Originalsprache
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Douglas Welbat

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Jochen König
Willkommen im Jammertal der Profilneurosen und Pseudokonflikte

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2012

Beginnen wir mit dem Positiven. Das ist schön kurz. Hjorth & Rosenfeldt haben eine Idee. Die sich darin erschöpft, den Hauptdarsteller als kompletten Unsympathen darzustellen. Was blöderweise nicht ganz hinhaut. Denn natürlich lauert im problembelasteten, neurotischen Misanthropen Sebastian Bergman (Wie recht Karl Kraus doch wieder hat: "Krank sind die meisten. Aber nur wenige wissen, dass sie sich etwas darauf einbilden können. Das sind die Psychoanalytiker.") eine empfindsame Seele, die nur darauf wartet geweckt zu werden.

Dazu gesellt sich, mit viel gutem Willen, der rudimentär vorhandene Spannungsaufbau so ab Seite 200 -, der darauf hinausläuft zu spekulieren, wann Ermittlungsteam und Vorzeigepsychopath endlich in kritischer Situation meist verbunden mit Geiselnahme aufeinandertreffen. Das erwartet man wohl von solch einem Schmöker, und genau das wird auch geliefert. Wie es ausgeht? Eine rhetorische Frage.

So richtig aufregend ist das zu keiner Zeit, leiden die Autoren doch unter einer Erklärungswut, die noch den kleinsten Kieselstein am Wegesrand beschreiben muss. Der Nachahmungstäter ritualisiert sein Leben. Damit dies auch der letzte Leser kapiert, kommt das Wort Ritual dutzendfach auf den Seiten vor, die aus der Sicht des gestörten Mannes erzählt werden. Nicht, dass er Einsicht in sein Tun besäße. Die Autoren erklären es uns aber gerne. Erschöpfend.

Nachhaltig gestört wird die Dramaturgie, die kleinste Aussicht auf Erfahrungsgewinn dank Deduktion, durch den ausgeprägten Hang des Personals an jedem Ort, zu jeder Zeit, meist unpassend, Beziehungsprobleme zu wälzen und diese, am besten augenblicklich, ausführlich auszudiskutieren. Irgendwie müssen 729 Seiten ja zusammen kommen.

Selbst während Tatortermittlerin Ursula die Wohnung eines Mehrfachmörders examiniert, konzentriert sie sich viel mehr auf die Frage, warum Psycho-Sebastian vor etlichen Jahren mit ihrer Schwester geschlafen hat. Eine Antwort hat Bergman natürlich nicht parat; die Frage ist aber auch hinfällig: Sebastian Bergman hatte mit fast jeder Frau in Schweden Sex. Da fällt die Erinnerung schwer. So ist er halt. Und genau darauf basiert auch das vorliegende Buch.

Ein Serienmörder bringt Frauen um. Nach einem Muster, das ein armes Würstchen (jetzt allerdings, so platt wie lachhaft unkomisch, gelegentlich "Der Meister" genannt) namens Edward Hinde vorgegeben hat. Jener Hinde, über den Freund Bergman zwei Bücher geschrieben hat, worauf sein zweifelhafter Ruf beruht. Doch Hinde sitzt im Hochsicherheitstrakt hinter schwedischen Gardinen. Wo auch sonst?

Also ist ein Nachahmungstäter unterwegs. Der aber so akkurat in Hindes Fußstapfen tappt, dass es eine Verbindung zum Original Gangster geben MUSS. Doch das ermittelnde Team der Reichsmordkommission findet sie nicht. Bergman hat nur vage Vermutungen, Ahnungen und das dringende Bedürfnis, es sich mit allen Menschen in seiner Umgebung zu verderben. Tut zwar nicht not, aber hey, wieder ein paar Seiten geschafft zum Wälzer.

Glücklicherweise hilft Hinde, wo er nur kann. Was auch gut ist. Denn ohne seine Tipps müsste sich die Reichsmordkommission in "Dezernat für ungeklärte Familien- und Beziehungsangelegenheiten" umbenennen. Dabei scheuen sich Hjorth & Rosenfeldt nicht einmal das alte "quid pro quo" des Dr. Lecter aufs Tapet zu bringen. Dass der dusselige Ex-Polizist und jetzige Gefängnisleiter Thomas Haraldsson darauf eingeht ist eins, dass Hinde mit Vanja Lithner aber seine Clarice Starling findet, ist so platt wie schwach umgesetzt. Immerhin ist Papi beim ersten Anstandsbesuch mit dabei.

Im Ernst: Ein unfähigerer Haufen Polizisten durfte sich selten in einem Roman tummeln. Der Text betont zwar immer wieder, was für ein tolles Team Kommissar Torkel Höglund besitzt, doch wird diese Behauptung von sämtlichen Beteiligten eher torpediert als bestätigt. Vor allem die Polizeiarbeit, so sie denn überhaupt stattfindet, bleibt ziemlich irrelevant. Beispiele gefällig?

Auf Seite 152(!) sitzt Torkel in seinem Büro, beklagt die Überarbeitung und den hohen Stressfaktor seines Jobs bis dato hat er eine Handvoll Konferenzen geleitet, ist ein bisschen durch die Gegend gefahren und hat mit einem Journalisten telefoniert -, Ermittlungsergebnisse sind mager bis gar nicht vorhanden. Doch was treibt den Vielbeschäftigten wirklich um? Wie lange seine beiden Töchter im Teenageralter wohl noch in den Ferien zu ihm ins kleine Sommerhäuschen kommen. Ein paar Millionen Eltern kennen die Antwort: So mit ca. 15, 16 ist das meist vorbei, spätestens dann fahren die lieben Kleinen gerne mit Freunden in Urlaub. Das wäre geklärt. Können wir uns also endlich auf die Ermittlung konzentrieren. Denkste.

Da erfährt der Polizeitrupp, dass Hinde einen Laptop in seiner Zelle hat (das schwedische Justizsystem ist augenscheinlich sehr liberal). Keiner der Beamten kommt auf die Idee, das Teil zu untersuchen. Und das, obwohl auf Billy Roséns Qualitäten im Umgang mit Computern und Technik des Öfteren hingewiesen wird. Nein, man verlässt sich auf das Wort des unfähigen Gefängnisdirektors und seines Personals, dass Hinde keine Verbindung zum Internet hat.

SPOILER: Edward Hinde, diese durchtriebene Ausgeburt des Bösen, weiß es besser. Wäre eine Sache von 10 Minuten gewesen, ihm auf die Schliche zu kommen. Aber der Kerl ist ja SO klug. Hat einen IQ von über 130. Wie fast jeder der Gefängnisinsassen. Wärter und Direktor kommen gerade auf die Hälfte. Gemeinsam.

Ein Befähigungsnachweis scheint für die Arbeit im Gefängnis überhaupt nicht nötig zu sein, selbst Schulungsmaßnahmen dürfen angezweifelt werden. Ob es verboten ist, populärwissenschaftliche Werke in der Freizeit zu lesen, konnte nicht eruiert werden. Ein bisschen Lektüre á la John Douglas, Robert Ressler oder Stephan Harbort hätte schon geholfen, um Haraldsson vor heftigem Ärger zu bewahren; der sich sogar auf seine flauschige Beziehung ausweitet. Aber der arme Kerl ist leider zu beschäftigt damit, dem Klischee des tragikomischen, tumben Toren als Aufreger fürs Lesepublikum, zu entsprechen.

Bleibt für erfolgsversprechende Ermittlungsergebnisse noch unser Top-Profiler Sebastian Bergman übrig. Doch, oh Wunder: Obwohl seine herausragende Qualifikation selbst in den zahlreichen dunklen Stunden seines Daseins beschworen wird, ist realiter nichts davon zu spüren, bzw. zu lesen. Ihm gelingen keine psychologischen Profile in seinem nahen Umfeld, und die Analyse verbrecherischer Psychopathen klappt auch nur, wenn diese ihm zuliefern, was er wissen möchte. Stattdessen übt sich Bergman als unbegabter Stalker seiner Tochter und zwischenzeitlichen Kollegin Vanja hinterher. Er bringt es nicht fertig (die Mutter allerdings auch nicht) Vanja einzugestehen, dass er ihr leiblicher Vater ist. Begründung? Fehlanzeige. Aber der arme Kerl leidet schließlich ganz fürchterlich unter dem Tsunami-Tod seiner Frau und kleinen Tochter. Da begeht man schon mal Übersprunghandlungen. Kann passieren; aber doch nicht unbedingt einem der angeblich führenden Psychologen Schwedens (um Missverständnissen vorzubeugen: Psychologen/-analytiker brauchen natürlich keine besseren Menschen zu sein. Aber ihre Profession sollten sie schon beherrschen.). Das Unglaubwürdigste: Vanja ist kein Kind mehr, nicht mal ein Teenager, sondern eine (vorgeblich) selbstbewusste, toughe Frau um die Dreißig. Die verkraftet das. Bloß nicht im Land der aufgesetzten Konflikte.

Keine weiteren Einzelheiten mehr über diesen Murks, ersonnen von zwei Autoren, die mutmaßlich glauben, man müsse nur die entsprechenden Versatzstücke zusammenschustern, damit am Ende ein lesbarer Kriminalroman herauskommt. Vielleicht sogar ein guter. Nie im Leben. Ein verkaufsträchtiger bedauerlicherweise schon.

Jetzt könnte man über dieses Machwerk schmunzeln wie über einen schlechten Witz, es auf die Seite legen als problemüberladenen Katastrophenroman, wenn es nicht einen Punkt gäbe, der das ganze Buch zu einem Ärgernis macht. Der Umgang mit Kindesmissbrauch ist von leichtfertiger Gedankenlosigkeit. Dass die Rückblenden des Nachahmungstäters fatal der Tatort-Folge "Abschaum" (maskentragende Satansjünger bedrängen Kinder) ähneln, kann vorkommen, besonders bei solch einem Flickwerk, dessen Second-Hand-Faktor insgesamt weit höher ist. Doch dass den Missbrauchsopfern jede Empathie versagt wird, dass Missbrauch nur noch zum Initiationsritus für Serienkiller taugt, bzw. zum bloßen Stichwort und Aha-Erlebnis degradiert wird, ist höchst perfide.

Bei der Gestaltung des Hinde-Charakters zudem unglaubwürdig und nur auf die beabsichtigte Wirkung hin inszeniert. Halbwegs schlüssig mag noch sein, dass der Leidtragende eines mehrjährigen Missbrauchs zum Täter wird, sobald sich seine Lebenssituation eklatant ändert. Völlig absurd ist aber, dass ein Mensch, der dreißig Jahre Opfer war, der niedergemacht wurde bis zur Persönlichkeitsaufgabe, sich plötzlich nach dem Tod des Täters, bzw. der Täterin wie ein Phönix aus der Asche erhebt und zu einer dämonisch und hochgradig manipulativen Mixtur aus den Doktoren Lecter und Mabuse mutiert.

Hindes Mehrfachmorde basierten noch auf der nachvollziehbaren Mischung aus Scham und Angst vor Strafe, aber die nachfolgende Entwicklung zum kriminellen, dominanten Superhirn ist das blinde Äffchen, das zwei Stallburschen aus dem lichtlosen Bereich des Medienzirkus auf der Nase herumtanzt und behauptet: "Kuckt mal, was ich alles kann!" Dabei kann es gar nichts, sondern ist nur eine Halluzination nach dem übermäßigen Genuss von Selbstgebranntem, der aus zu vielen minderwertigen Zutaten besteht.

PS.: Damit die Rezension nicht noch länger wird, habe ich mir weitere Verweise auf Fehler und offensichtlichen Nonsens erspart. Das hätte sonst zur Sprengung der Startseite geführt. Wers genauer wissen will, muss selbst suchen. Ist bei 729 Seiten eine Herausforderung, ich weiß. Ihr dürftet aber fündig werden. Ich gebe auch gerne Tipps. Gestehen muss ich auch: Meist wenn es darum ging, wer wie viele Paprikastreifen aufs Butterbrot legt oder welcher Krawattenknoten gerade gebunden werden soll, habe ich ein paar Seiten nur überflogen. Vermutlich weiß ich deshalb genauso wenig wie Sebastian selbst, mit welchen und wie vielen Frauen er einvernehmlichen GV hatte. Bloß Hinde kennt sie alle. Woher auch immer.

Die Frauen, die er kannte

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