Der Federmann

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

- Ein Fall für Nils Trojan 1

- Taschenbuch

- 416 Seiten

Couch-Wertung:

75°
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Jürgen Priester
Gleich seid ihr dran! Heute kommt der Federmann!

Buch-Rezension von Jürgen Priester Aug 2011

Des öfteren fragen sich Rezensenten, warum Verlage eigentlich Veröffentlichungstermine und Sperrfristen für die Rezensionen herausgeben. Im Falle von Max Bentows Der Federmann wurde der 8.8. 2011 angeben. Schon Ende Juli gab es die ersten Kommentare bei Deutschlands großem Internet-Versandhaus und postwendend konnte man dort das Buch auch bestellen. Dass die Kommentare weitgehend positiv ausgefallen sind, wundert nicht wirklich. Wurde doch in den Leseexemplaren der Handlung ein Interview mit dem Autor vorangestellt, in dem er sich ausführlich über seine Intentionen bezüglich seines Debüts auslässt. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden. Da das Interview aber von Elke Kreil, einer Pressereferentin von Random House, geführt wurde, war der Grundtenor der Befragung wohlwollend unkritisch. Man kann sich nicht des Eindruckes erwehren, dass so bei Kommentatoren und Rezensenten für positive Stimmung gesorgt werden sollte, zumal es für diese Zielgruppe auch noch ein kleines Gewinnspiel gab. Was sagen die Schwaben in einem solchen Fall: Das hat ein Gschmäckle. Dabei hat Der Federmann – sieht man vom abgeschmackten Thema mal ab – das gar nicht nötig.

Page & Turner - hier ist der Name des Verlages auch Programm. Der Federmann ist ein Pageturner über einen Serienmörder ganz nach Gusto der Genre-Fans – gradlinig, unkompliziert, spannend in Szene gesetzt und mit ausreichendem Ekelfaktor versehen. "Wer hat noch nicht, wer will noch mal?"- möchte man am liebsten ausrufen, denn in Max Bentows Debüt werden die Unentwegten und Neulinge mit Verstümmelungen à la carte bestens bedient. Wer allerdings das Schema F dieser Sujets durchschaut hat und an der Darstellung sinnloser Gewalt kein Gefallen findet, kann sich die Lektüre getrost sparen. Max Bentow bietet nur Althergebrachtes in verführerischer Verpackung.

Nils Trojan, Anfang 40. ist Hauptkommissar bei der 4. Mordkommission in Berlin. Trotz seines langen Berufslebens ist er weder amtsmüde, noch abgestumpft. Die teilweise schrecklichen Bilder von den Tatorten verfolgen ihn durch die Nächte. Albträume, Angstzustände und Panikattacken haben ihn veranlasst, sich psychotherapeutische Hilfe zu holen. In den Sitzungen bei der attraktiven Psychologin Jana Michels versucht er, sich seinen Ängsten zu stellen. Sein Job in der Mordkommission ist aber nicht nur psychisch belastend, sondern auch sehr zeitintensiv; das hat ihn schon seine Ehe gekostet. Deshalb sind ihm die wöchentlichen Therapiestunden besonders wichtig, Ganz zu schweigen davon, dass er sich auch noch in seine Therapeutin verguckt hat.

Berlin im Mai, die Vögel zwitschern. Die junge Büroangestelte Coralie Schendel – etwas Ärger mit dem neuen Chef, aber frisch verliebt – macht Pläne für eine rosige Zukunft. Noch ahnt sie nicht, dass sie bald Besuch von einem komischen Vogel bekommen wird. Berlin, immer noch im Mai. Hauptkommissar Trojan wird zu einem Tatort gerufen. Weder er noch seine Kollegen sind auf das vorbereitet, was sie in einer Wohnung vorfinden – eine grausam massakrierte Leiche einer Frau. Trojan – ganz der Prophet – weissagt, dass sie nicht die Einzige bleiben wird. Und Recht hat er. Zehn Tage später erwischt es eine junge Mutter, deren Tochter den Täter bei der Vollendung seines Zeremoniells stört. Dieser gelingt es zu fliehen. Sie kann aber keine Hinweise zum Aussehen des Täters geben, da der eine Maske trug. Trojan und sein Team bleiben weiterhin ohne richtigen Ansatzpunkt für eine erfolgreiche Tätersuche. Die ganze Krux ist einfach, dass Serienkiller mittlerweile so viel von den Serienkillern in Romanen gelernt haben, dass sie keine Fehler begehen und keine verwertbaren Spuren hinterlassen. Das Morden geht weiter. Nach zwei Fehlverdächtigungen, wobei eine für den Betroffenen sehr übel ausgeht, bekommt Trojan Hilfe von oben:

 

"Nur ein paar Sekunden später war ihm, als würde er von einem Blitzstrahl getroffen"

 

Intuition – gut und schön. Aber zweimal Bedeutungsloses mit Zufälligem zu kombinieren ist nicht genial, sondern göttlich. Trojans Geistesblitze führen die Ermittler zum Ziel, wo der der Täter schon die Kulissen für den finalen Showdown errichtet hat.

Auch zwanzig Jahre nach Hannibal Lecter muss man sich nicht viel einfallen lassen, um mit einem weiteren Serienkiller-Thriller zu punkten. Hauptsache, der Mörder ist monströser, seine Verkleidung bizarrer, seine Taten abartiger als bei irgendeinem Vorgänger. Max Bentow kann sich der Versuchung nicht entziehen und präsentiert den psychopathischen "Federmann". Da der Täter bei seinen Massakern mit einer Vogelmaske auftritt und so nebenbei gerne Dompfaffe zerquetscht, wäre natürlich die Bezeichnung Der Vogelmann stimmiger gewesen, aber dieser Titel ist ja, wie einigen bekannt sein wird, schon anderweitig (Mo Hayder) vergeben. Federn und Vögel dienen indes eh nur zur Dekoration, dem Täter noch zur Kompensation nicht erwiderter Gefühle. Des Killers grundlegendes Problem sind aber Haare. Seit seiner Jugend vermisst er das tröstende Blondhaar seiner Mutter, weshalb er ja jetzt blonde Frauen jagen muss, und mit seinem eigenen Haarkleid steht es auch nicht zum Besten. Das hört sich ein bisschen abstrus an, ist es auch, wie fast alle Deformationen von fiktiven Serienmördern. Ursachenforschung über die kranke Psyche eines Serienmörders sollten die Krimiautoren lieber Fachleuten überlassen. Und eine tiefschürfende Analyse ist auch gar nicht notwendig, wie Jim Thompson in seinem Psycho-Thriller-Klassiker Der Mörder in mir aus dem Jahre 1952 bewiesen hat.

Trotz (aus der Sicht des Rezensenten) oder gerade wegen des Serienmörder-Themas wird Der Federmann Erfolg haben. Variationen eines schon zur Genüge abgearbeiteten Grundschemas scheinen nichts an Faszination zu verlieren. Wie nur einem Täter auf die Spur kommen, der eine solche nicht hinterlässt. Die einfachste und oft praktizierte Lösung ist, dass der Täter, dem Drang an die Öffentlichkeit zu treten folgend, sich selbst entlarvt. Andere Autoren setzen mittlerweile auf Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten ein, die die Identität des Täters aufdecken. Max Bentow hat sich dafür entschieden, seinem ermittelnden Kommissar via Eingebung von oben den Weg zu ebnen. Wenn man am Ende der Geschichte das Credo des Täters liest, merkt man wie schrecklich konstruiert das Ganze ist und welche Lücken sich auftun.

Die Figur des Hauptkommissars Nils Trojan ist ja als Serienheld konzipiert, so kann man für den Folgeroman nur auf ein anderes Thema hoffen, denn handwerklich ist an diesem Thriller wenig auszusetzen. Max Bentow kommt aus dem Theaterfach. Bei spärlicher Kulisse – abgesehen von den Tatorten - setzt er ganz auf die Dynamik von Dialogen. Die wörtliche Rede dominiert die Erzählung und erzeugt nicht nur Dynamik, sondern auch ein hohes Tempo. Cliffhanger stehen an den richtigen Stellen. Während der Ermittlungen wechselt die Perspektive immer wieder zum Täter, dessen Aktivitäten als ständige Bedrohung wahrgenommen werden. Doch allzu viel Tempo und Dynamik gehen zulasten von Tiefgründigkeit. Die handelnden Personen fallen schnell dem Vergessen anheim. Selbst der Held mit all seinen psychischen Problemen kann sich nur oberflächlich artikulieren. Man hat das Gefühl und die Distanz, Schauspieler auf der Bühne zu beobachten, die zwischen Naivität und Theatralik pendeln – das wirkt alles unecht. Korrespondierend dazu wirken die Tatorte eher wie monströse Installationen, denn wie Ausgeburten einer kranken Psyche. Auch der Schauplatz Berlin kann nur als schemenhafte Kulisse wahrgenommen werden. Da können nur bei Ortskundigen farbige Bilder entstehen.

Tempo und Spannung bietet Der Federmann reichlich, aber man muss mit den entstandenen Unschärfen und Einschränkungen leben. Wer da ein Auge zudrücken kann, sollte den Federmann zu sich einladen. Schön anzusehen ist er außerdem, nicht der Federmann, sondern der Einband. Ausnahmsweise mal ein gefälliges Cover-Bild. Vogelmotive sind ja sehr beliebt, meistens passen sie nur nicht zum Inhalt. Auch wenn es in Der Federmann Dompfaffe in der tierischen Hauptrolle sind, das flatternde Rotkehlchen drückt Gefahr aus, die immer dann droht, wenn in der Erzählung Vögel auftauchen, und der Federmann ist nicht weit. Auf die Fortsetzung darf man gespannt sein, denn Der Federmann zeigt Potenzial zu mehr.

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