Die Puppenmacherin

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

- Ein Fall für Nils Trojan 2

- Taschenbuch

- 400 Seiten

Couch-Wertung:

65°
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Jürgen Priester
Montageschaumschlägerei

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2012

 Wie erwartet, von manchen auch erhofft, gibt es jetzt ein Wiedersehen mit Kommissar Nils Trojan von der Berliner Mordkommission. Nach dem respektablen Erfolg von Der Federmann, der es zumindest für kurze Zeit in die Top 10 der von der Media Control erhobenen Büchercharts geschafft hat, legt Autor Max Bentow mit Die Puppenmacherin die zweite Folge der Reihe vor. "Ein Serienmörder-Thriller wie aus dem Lehrbuch" so konnte man Bentows Debüt charakterisieren – das heißt: mit allen Stärken, dazu darf der Rezensent sich mal selbst zitieren: "gradlinig, unkompliziert, spannend in Szene gesetzt und mit ausreichendem Ekelfaktor versehen", aber auch mit allen Schwächen, die insbesondere die Motive des/der Täter(s) betreffen. Das trifft jetzt auch auf Die Puppenmacherin zu, denn der Nachfolger ist bei genauerer Betrachtung im Wesentlichen eine Kopie des Erstlings. Besonders im Aufbau beider Thriller lässt sich eine identische Abfolge der einzelnen Bausteine feststellen. Da der Autor aber nur dem in diesem Subgenre üblichen Schema folgt, fällt das wohl nicht weiter auf. Schließlich ist es nicht die Form, sondern der Inhalt, auf den es ankommt, oder? Der Inhalt geht wie folgt:

Josephin (ohne e) "Josie" Maurer ist die titelgebende Puppenmacherin. In ihrem kleinen Geschäftslokal produziert und verkauft sie Puppen, die dem japanischen Amigurumi-Häkelstil nachempfunden sind. Davon kann sich eher schlecht als recht ernähren. Doch gerade hat sie ein Erfolgserlebnis der besonderen Art. Auf einem Animations-Kurzfilmfestival sind ihre Puppen mit einem Preis bedacht worden. In mühseliger Kleinarbeit hatte sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Milan ihre Puppen in einem Trickfilm animiert. Ein bisschen Anerkennung und Freude tun der vom Schicksal arg gebeutelten Josie auch gut, war sie doch vor knapp einem Jahr in allerletzter Sekunde aus den Fängen eines Psychopathen gerettet worden. Unter diesem Trauma leidet sie noch heute. Ihre Freude über den gewonnenen Preis währt nicht lange. Schon am Abend nach der Preisverleihung, über die in den lokalen Medien ausführlich berichtet wurde, meldet sich die ihr schrecklich vertraute Stimme des Psychopathen von damals am Telefon und wiederholt genau die Worte, mit der er sie während ihrer Gefangenschaft gequält hat. Josie ist außer sich vor Panik. Es kann einfach nicht sein. Karl Junker, ihr Peiniger, ist vor einem Jahr nach einem Autounfall verstorben.

Die Schlinge um Josies Hals zieht sich zu, als in kurzen Abständen mehrere Personen aus ihrem engen Umfeld ermordet oder fast ermordet werden. Kommissar Trojan, der für alle Fälle zuständig ist, bekommt viel zu tun. Dabei ist er gedanklich und emotional mit Privatem voll ausgelastet, muss er doch seine wegen gebrochener Versprechen verstimmte Tochter besänftigen, seine allzeit bereite Nachbarin Doro trösten, die Missstimmung zwischen ihm und seiner Therapeutin Jana Michels beseitigen und endlich mal das seit seiner Jugendzeit gestörte Verhältnis zu seinem Vater klären. Das sind zum Teil ziemlich heikle Angelegenheiten. Gut, dass seine berufliche Aufgabe, einen möglicherweise gestörten Mörder dingfest zu machen, nicht soviel seiner Zeit beansprucht. Montageschaum, an allen Tatorten in Spuren oder großen Mengen vorhanden, weist ihm den Weg in die Vergangenheit, in den Keller von Karl Junker, wo der tödliche Schaum zum ersten Mal zum Einsatz kam.

Es gibt etwas mit dem schrecklichen Namen: Second-Novel-Syndrome. Das hört sich fast an wie eine Krankheit, kann für den Betroffenen auch krankheitsähnliche Auswirkungen haben. War seinem Debütroman ein gewisser Erfolg beschieden, gerät ein Autor unter Druck, in absehbarer Zeit einen Nachfolger zu präsentieren. Die Frage, die sich ihm stellt, ist, wage ich mit meinem "Zweiten" etwas gänzlich Neues oder greife ich auf das bewährte Muster zurück. Max Bentow hat sich für Letzteres entschieden und kopiert sich selbst. Der Wunsch des Rezensenten in seiner Besprechung zu "Der Federmann", der Autor möge doch bei seinem nächsten Roman das Thema wechseln, um einer Eintönigkeit vorzubeugen, ist leider auf keine Gegenliebe gestoßen. Aber warum sollte der Autor auch auf den Rezensenten hören? Die Puppenmacherin wird sich genauso gut verkaufen wie "Der Federmann", obwohl der Unterschied zwischen einem sich mit fremden Federn schmückenden Psychopathen und einem, der mit Bauschaum operiert, nur ästhetisch ist.

Das große Manko des Thrillers – besonders, wenn er das Serienmörder-Thema bedient – ist, dass er sich zu sehr mit dem "Wie" beschäftigt. Allein auf immer bizarrer werdende Modi operandi zu setzen, bietet weder in der Substanz noch auf Dauer wirkliche Abwechslung. Gerade Schreiber von Krimi- oder Thrillerreihen, denen es doch am Aufbau oder an der Pflege einer Stammleserschaft gelegen ist, sollten das berücksichtigen. Anstatt die ganze Fantasie auf die Aus"schmückung" von Tatorten und Opferqualen auszurichten, wäre es an der Zeit, sich wieder um die Motive des Täters zu kümmern. Am Ende der Story einen verstörten "Niemand" aus dem Hut zu zaubern, ist zwar beliebt, dennoch ein billiger Trick und ein Ärgernis für den Leser. Hier ist mehr Sorgfalt angesagt, aber vor allem mehr Glaubwürdigkeit.

Eine ganz andere, dennoch wichtige Frage ist, wie kommt Hauptkommissar Nils Trojan als Serienheld an. Eigentlich schlägt er sich doch recht respektabel. Man könnte für ihn den neuen Typus des "softboiled detective" kreieren. Die harten Jungs von einst gaben sich nach Dienstschluss gerne mal die Kante, um die Schrecken der Straße und der Tatorte zu vergessen. Der moderne Cop von heute meidet den Psychologen nicht wie die Pest, sondern trägt ihm oder ihr ganz brav seine Probleme vor. In Trojans Fall ist die Therapeutin besonders attraktiv, was wieder zu Problemen ganz anderer Art führt. Wenigstens folgt er ihrem Rat, ein klärendes Gespräch mit seinem Vater zu führen, schließlich geht es dabei um einen schwerwiegenden Verdacht, der Trojan seit Jahren die Nachtruhe raubt. Komisch ist dann schon, dass er sich mit einer ziemlich lapidaren Antwort seines Vaters zufrieden gibt. Mal wieder viel Lärm um nichts. Und das nächste Unheil wird schon angekündigt, denn "da gab es etwas Dunkles, etwas Grauenhaftes in seiner Kindheit. Es lauerte ihm auf, immer wieder." (Demnächst in diesem Theater)

Die Puppenmacherin ist ein Thriller, den der Verlag mal wieder mit dem Zusatz Psycho- versehen hat, als wäre dieses Suffix nicht nur Merkmal, sondern auch ein Ausdruck von Qualität. Beides trifft eh nicht zu, denn Max Bentows Roman ist viel zu oberflächlich um das Etikett "Psychothriller" zu tragen. Die Köpfe der Kontrahenten (Ermittler/Täter) bleiben dem Leser weitestgehend verschlossen. Trojans Kopf ist außerdem, wie wir zur Genüge erfahren, mit privaten Dingen voll beschäftigt. Die Gedanken des Täters bleiben unauffällig, bis es dann am Ende der Story ganz dicke kommt, indem der Autor den psychischen Schaden des Täters preisgibt: ein an den Haaren herbeigezogener Missbrauch, den das Opfer immer wieder freiwillig auf sich nimmt, und eine unglaubwürdige obsessive "Liebe".

Als Resümee lässt sich festhalten: Die Puppenmacherin ist ein anspruchsloser, aber unterhaltsamer Thriller mit einigen spannenden Szenen, der sich substanziell kaum von seinem Vorgänger unterscheidet. Mit einem Helden, der trotz (oder wegen) seiner zur Schau gestellten Menschlichkeit die Herzen der Leser nicht erreichen kann.

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