Mit Odd Harald Hauge
unterwegs auf Spitzbergen

Werbung /Pressereise: Das norwegische Kulturförderprogramm und der benevento Verlag haben uns zu einer Abenteuer-Pressereise mit Autor Odd Harald Hauge nach Spitzbergen eingeladen. Redakteurin Carola Krauße-Reim war für die Krimi-Couch dabei.

Eine ganz besondere Krimi-Reise

Als ich mich für die Rezension des Thrillers „Gejagt im Eis“ von Odd Harald Hauge interessierte, haben mich der ungewöhnliche Handlungsort Spitzbergen und die damit verbundenen Bedingungen auf die Geschichte neugierig gemacht. Und natürlich war ich gespannt auf die persönliche Begegnung mit dem Autor, der eine schillernde Persönlichkeit in Norwegen ist.

Odd Harald Hauge hat schon auf vielfältige Weise auf sich aufmerksam gemacht: Als Ökonom war er an der Gründung zahlreicher Unternehmen beteiligt; als Journalist schrieb er für Kapital und Aftenposten; als Extremabenteurer lief er zum Südpol, machte Expeditionen auf Grönland, zum Nordpol und zum Mount Everest und er führt Gruppen auf Spitzbergen; als Autor hat er neben zahlreichen Sachbüchern auch eine Business-Thriller-Trilogie verfasst. Mit „Gejagt im Eis“ erscheint erstmals ein Buch auf Deutsch, das eine Fortsetzung der, bis jetzt nicht auf Deutsch zu lesenden, Geschichte rund um Martin Moltzau in „Everest“ ist. Doch Odd Harald ist vor allem eines – eine faszinierende Persönlichkeit, die unzählige spannende Geschichten auf ebenso fesselnde, wie auch humorvolle Art erzählen kann und, der Spitzbergen wie seine Westentasche kennt.

Svalbard – ein Archipel im Nordpolarmeer

Spitzbergen ist die größte Insel des Archipels Svalbard im arktischen Ozean. Auf dem 79° nördlicher Breite gelegen ist es nicht mehr weit bis zum Nordpol. Das Klima ist arktisch, was bedeutet, dass von Ende Oktober bis Februar die Polarnacht herrscht, mit totaler Finsternis von November bis Januar, während von Mitte April bis Ende August die Sonne überhaupt nicht untergeht. Das extreme Klima erlaubt nur Moosen, Gräsern und einigen Steinbrechsorten dort zu wachsen. Neben Rentieren, Polarfüchsen, Walrossen, Robben und Walen ist wohl der Eisbär das spektakulärste Tier vor Ort. Mit ihm ist immer und überall zu rechnen, weshalb die Bevölkerung stets nur gut bewaffnet vor die Tür geht.

Ureinwohner gibt es auf Svalbard nicht, die Bevölkerung kommt aus sehr unterschiedlichen Nationen und ist in ständiger Fluktuation. Es gibt kaum Geburten oder Todesfälle vor Ort. Die meisten bleiben nur kurze Zeit um zu arbeiten oder, wie Odd Harald meint „um vor etwas zu fliehen oder etwas zu suchen“. Damit sind die Einwohner genauso ungewöhnlich, wie Svalbard selbst. Es ist eine entmilitarisierte Zone und neutrales Gebiet unter norwegischer Hoheit, mit dem 1906 gegründeten Longyearbyen auf Spitzbergen als Hauptort. Der Sysselmann ist Repräsentant der norwegischen Regierung; die Bevölkerung verwaltet sich selbst und der Spitzbergen Vertrag von 1920 garantiert eine friedliche Nutzung des Gebietes und wirtschaftliche Freiheit für alle Staatsangehörige der  unterzeichnenten Nationen. Heute gibt es auf Spitzbergen neben Longyearbyen nur noch die Siedlungen Ny-Ålesund, das russische Barentsburg und das ebenfalls russische und fast verlassene Pyramiden.

Fünf Tage auf Entdeckungstour

Oslo begrüßt mich mit Dauerregen. Dennoch mache ich einen kurzen Stadtspaziergang, sehe mir die Domkirche, das Schloss, das Rathaus und die neue Oper an. Und dann geht es weiter nach Spitzbergen. Aufgrund seiner Sonderstellung müssen wir in Tromsø aus dem Flugzeug raus und noch einmal die Passformalitäten über uns ergehen lassen.

Doch dann wandeln wir auf den Spuren des Thrillers „Gejagt im Eis“. Genau, wie die Touristengruppe im Buch werden wir mit dem Taxi am Flughafen abgeholt, werden zum Hotel Base Camp gebracht, nehmen im „Stationen“ unser erstes Bier und genießen ein 7-Gänge-Menü im „Huset“, das bekannt ist für seine Haute-Cuisine. Und, genauso, wie die amerikanische Familie Parker, staunen wir nicht schlecht über das Top-Restaurant am oberen Ende der Erde und seinen ausgedehnten Weinkeller, das so einmalig ist, wie unsere Unterkunft, die komplett aus Treibholz gebaut ist. Lonyearbyen heißt uns also herzlich willkommen! Am nächsten Tag machen wir uns mit der „Polargirl“, einem ehemaligen Walfänger, auf nach Pyramiden, der russischen Minenstadt – auch ein wichtiger Handlungsort des Thrillers.

Pyramiden – die russische Geisterstadt

Eigentlich hat sich der Kohleabbau nie wirklich rentiert, aber er galt und gilt als Alibi um auf der Insel einen Außenposten zu erhalten. Allerdings wurde die russische Minenstadt Pyramiden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schlagartig verlassen. Alles blieb zurück - vom Hausschuh über Musikinstrumente bis zum Buch von Lenin in der Bücherei. Es scheint fast, als wären die Menschen einfach weggebeamt worden. Die Gebäude verfielen langsam, bis man die Touristen als Geldquelle ausmachte. Heute führen junge Russen (stets gut bewaffnet) Gruppen durch die Geisterstadt und zeigen u.a. Kantine, Schlafräume, Hühnerstall und Schwimmbad.

Mascha, Jevgeni und Ruslan erzählen mir, dass sie ihre Fremdsprachenkenntnisse erweitern wollen, einmal eine ungewohnte Lebenssituation erleben und vor allem Menschen aus aller Welt kennenlernen möchten. Dafür nehmen sie eine monatelange Isolation in Kauf, immer bedroht durch Eisbären und nörgelnde Touristen, die (anders als wir) in den noch nicht renovierten typisch sowjetischen Zimmer des Hotels Tulpan untergebracht sind. Auf unseren beiden mehrstündigen Rundgängen durch die Geisterstadt fragen wir uns immer, wo welche Szene aus dem Buch wohl gespielt haben dürfte und Odd Harald erzählt eine Geschichte nach der anderen – kurzum, wir sind total begeistert! Am nächsten Tag geht es mit einem Privatboot zurück nach Lonyearbyen. Doch zuerst besuchen wir den Nordenskiöld-Gletscher.

Der Klimawandel holt Spitzbergen ein

Der Nordenskiöldbreen ist einer der größten Gletscher Svalbards. Seine beeindruckende haushohe Abbruchkante steckt normalerweise bis Mitte Mai im Eis des Billefjordes, doch, wie Odd Harald berichtete, ist dieser riesige Fjord in der letzten Saison zum ersten Mal nicht zugefroren – neben der Klimaproblematik auch ein Desaster für alle Schneemobil-Touren, die den vereisten Fjord als Rückweg nutzen. Im Thriller ist er noch mit Eis bedeckt, doch das dürfte wohl bald für immer vorbei sein.

Der Klimawandel ist an solch prominenter Stelle überall zu bemerken. Schwarze Felsen werden an der Abbruchkante des Gletscher sichtbar, das Eis geht auch dort immer weiter zurück. Wir jedoch können den Anblick des blau schimmernden Eises noch genießen, zusammen mit den „Russian Meatballs“, die uns die russische Küchenfee aus Pyramiden mitgegeben hat. Wieder sind wir mehr als beeindruckt von der unglaublichen Schönheit der Fjordlandschaft mit den schwarzen schneebedeckten Bergen ringsum. Es zwingt sich zwangsläufig der Gedanke auf, dass die Natur den Menschen hier nur duldet und er sich ihr unterordnen muss, denn gegen die bald kommende Polarnacht und die ständig lauernden Eisbären ist man ebenso machtlos, wie gegen verheerende Erdrutsche oder nicht sichtbare Gletscherspalten.

Der Sysselmann

Auf der Rückfahrt nach Lonyearbyen sehen wir das Schiff des Sysselmann, dem Gouverneur von Svalbard. Dass er eine eher umstrittene Figur ist, wissen wir schon seit der Lektüre des Thrillers. Die norwegische Regierung verhängt immer mehr Ge- und Verbote, deren Übertretung ganz strikt geahndet wird.

Das wird von den Bewohnern ganz unterschiedlich wahrgenommen – während gerade die Guides es eher kritisch sehen, wenn ihr Job durch immer mehr Einschränkungen kompliziert wird, begrüßen Umweltaktivisten und Historiker die Absichten der Restriktionen. Auch unter den anwesenden Nationen ist die Funktion des Sysselmanns umstritten, hat er doch die Oberhoheit, der sich alle unterordnen müssen.

Longyearbyen und sein ausgezeichnetes Museum

Zurück im beschaulichen Longyearbyen wartet eine weitere kulinarische Köstlichkeit auf uns – Königskrabben. Von diesen riesigen Tiere isst man nur die Beine, aber die schmecken ganz hervorragend! Am letzten Tag unseres Abenteuers besuche ich das Svalbard-Museum neben der Universität. Die Konzeption des Museums und die Präsentation der Artefakte ist auf dem neusten Stand der Museumspädagogik. Mir haben es vor allem die textilen Funde angetan – die Socken, Jacken und Schuhe der Polarforscher und Minenarbeiter lassen die schwierigen Lebensbedingungen zur damaligen Zeit erahnen.

Der ausgestopfte Eisbär hingegen lässt mich dankbar sein keinem solchen riesigem Tier in offener Natur begegnet zu sein. Auf dem Rückweg treffe ich noch Husky „Tiger“ mit seinem Musher, der mir erzählt, dass es zwar Schlittenhunde auf Spitzbergen gibt, die aber keine Tradition, wie auf Grönland, haben, sondern nur für touristischen Zwecke genutzt werden. Es ist ein kurzes Gespräch, denn Tiger will weiter – er hat nur eines im Sinn – rennen, rennen, rennen!

Interview mit Odd Harald Hauge

"Wir haben einen so einzigartigen Fleck auf dieser Erde, der von Russland  vereinnahmt werden könnte, ohne, dass die Welt mehr machen würde als zu protestieren."

  • Interview lesen

    Du bist u.a. Ökonom, Journalist und Tourguide. Wie kamst Du auf die Idee einen Thriller zu schreiben?

    Ich liebe es zu schreiben! Ich habe schon ein paar Romane veröffentlicht, aber meine Erfahrungen an einem so abgelegenen Ort, wie Spitzbergen, die Hintergründe und auch die verschiedenen Szenen passen einfach besser in einen Thriller. Was aber nicht heißt, dass ich nur noch Thriller schreiben werde!

    Wie bist Du auf die Idee für diese Geschichte gekommen?

    Ich kenne Spitzbergen so gut – die Lebensumstände, die politische Situation. Ich sehe es sehr kritisch, wie wir mit diesem Ort umgehen. Ich habe Bedenken, dass wir ihn verlieren und Russland ihn annektieren könnte ohne dafür auch nur einen Schuss abgegeben haben zu müssen. Die Welt wird protestieren, aber ansonsten nichts unternehmen! Das ist der politischen Hintergrund in diesem Thriller.

    Du hast den Druck gespürt, diese Angst mitzuteilen?

    Ja, denn sie ist sehr realistisch und muss dringend erzählt werden. Wir haben einen so einzigartigen Fleck auf dieser Erde, der von Russland  vereinnahmt werden könnte, ohne, dass die Welt mehr machen würde als zu protestieren.

    Hast Du den Plot schon komplett im Kopf, wenn Du mit Schreiben beginnst oder entwickelt er sich während des Schreibprozesses?

    Ich schreibe den ersten und den letzten Satz. Das sind die beiden wichtigsten Sätze eines Buches.

    Und dazwischen entwickelst Du die Geschichte?

    Ja, aber man muss wissen, wo sie enden soll – das Ende steht fest. Der Weg dorthin kann unterschiedlich sein. Manchmal müssen Szenen geändert und perfektioniert oder die Charaktere mehrmals angepasst werden, damit es eine runde Sache wird. Gerade die Charaktere sind wichtig, sie sind das Aroma, das die Story würzt.

    Du beschreibst eine Art Kalten Krieg auf Spitzbergen. Ist das reine Fiktion oder eine reale Bedrohung?

    Ich denke, es ist Realität.Die geschilderten Szenen, bis auf eine ganz spezielle, habe ich so selbst erlebt. Und jeder, der nach Spitzbergen kommt und, wenn er nicht zu verängstigt hinter alles zu sehen, könnte sie so erleben. Die politische Lage ist im Thriller sehr realistisch geschildert: die Anwesenheit von norwegischer und russischer Geheimpolizei auf der Insel; die Spionage, die es auf Spitzbergen und überall in Norwegen gibt; das gegenseitige Belauern. Alle diese Motive habe ich im Thriller benutzt, weil sie so tatsächlich passieren könnten.

    Denkst Du die unterschiedlichen Nationen haben versteckte Waffendepots auf Spitzbergen?

    Ja!

    Dein Protagonist sagt, dass die norwegische Regierung die Verwaltung Spitzbergens vernachlässigt. Kannst Du verifizieren, was Du damit meinst?

    Die internationale Gemeinschaft hat im Spitzbergen-Abkommen vereinbart, Svalbard zu schützen und zu bewahren. Die Norweger lassen außer Acht, dass es internationales Territorium ist, dass jeder anwesende Staat gleich behandelt werden muss. Sie erlegen uns immer mehr Gesetze und Regulationen auf, wobei sie sich als die Besitzer von Svalbard aufführen. Aber die Inseln sind eine unabhängige Zone, auf die jeder ohne Einschränkungen kommen kann und alle gleich berechtigt sind. Das ist der Geist der Freiheit! Doch sie nehmen ihn uns Stück für Stück! Sie sind Bürokraten, Politiker -  sie wissen es nicht besser, aber sie sollten es! Ich bin sehr kritisch, was diese Vorgehensweise betrifft, denn sie kann zu einer Bedrohungslage, wie im Thriller beschrieben, führen.

    Du beschreibst die Aufgaben eines Tourguides ebenso detailliert, wie die atemberaubende Schönheit von Spitzbergen. Was denkst Du über den zunehmenden Tourismus. Ist er eine Bedrohung für die Natur?

    Das Thema liegt mir wirklich sehr am Herzen! Wenn ich mit wenigen Leuten eine Tour mache, hinterlassen wir keinen ökologischen Fußabdruck. Wir führen alles mit, was wir benötigen - Essen, Heizmaterial - und lassen keinen Müll zurück. Ich sehe uns als Eindringlinge und Feinde für die Umwelt und respektiere die Natur. Doch dann kommt ein Kreuzfahrtschiff mit tausenden Passagieren. Die verschmutzen die Fjorde und lassen dafür aber keinen einzigen Dollar auf der Insel.

    Die Besucher kommen und geben kein Geld aus?

    Viele kaufen lediglich eine Postkarte. Sie sind ja auf den Schiffen voll verpflegt. Es ist absolut verrückt, dass wir diese Art von Tourismus erlauben. Meine Gäste hinterlassen, anders als die Kreuzfahrten, keinen ökologischen Fußabdruck, dafür aber viel Geld in den Kassen der Geschäfte. Wir sollten natürlich auch diesen Tourismus nicht uneingeschränkt zulassen, aber er ist umweltverträglicher und wir unterstützen mit dem Geld, das wir ausgeben die örtliche Wirtschaft, gerade auch hier in Pyramiden die russische. Kreuzfahrer laufen herum und gehen wieder ohne viel zu kaufen. Dafür ist die Emission ihrer Schiffe auf dem Her- und Rückweg enorm und eine große Belastung für die Natur.

    Also sollte der Zugang für Kreuzfahrtschiffe verringert werden?

    Das wurde schon angestoßen. Sie werden nur noch Kreuzfahrtschiffe mit max. 1000 Leuten an Bord zulassen. Das ist immer noch zu viel, aber besser als 3000 oder 4000. Außerdem sollten im Laufe der Zeit auch nur noch elektrisch betriebene Schiffe Zugang erhalten.

    Können wir auf mehr Thriller von Dir hoffen?

    Natürlich! Ich muss nicht schreiben um zu leben, aber ich lebe um zu schreiben! Ich bin kein full-time-Schreiber, dass würde mich zu einem unerträglichen Menschen machen. Wie viele Autoren wäre ich dann zu sehr im Schreiben gefangen. Ich möchte weiterhin in meinen Unternehmen tätig sein, meine Touren und andere Dinge machen, die mich in Balance halten. Aber ich lebe um zu schreiben!

    Hast Du schon eine neue Idee für eine Geschichte?

    Natürlich! Ich habe so viele Motive noch nicht genutzt! Ich habe Grönland, den Südpol, Sibirien im Kopf.

    Das dürfte mehr als ein Buch werden?

    Definitiv mehr als ein Buch!

Und dann heißt es auch schon Abschied nehmen von Spitzbergen, der wilden und ungezähmten Natur, den liebenswürdigen Menschen, dem guten Essen und natürlich Odd Harald.

Ich bedanke mich beim norwegischen Kulturförderprogramm und dem benevento Verlag, dass sie dieses einmalige Erlebnis möglich gemacht haben. Und ich bedanke mich ganz besonders und ganz herzlich bei Odd Harald Hauge, dem perfekten Guide, dem aufmerksamen und großzügigen Gastgeber und dem unermüdlichen Geschichtenerzähler, der mich unbestreitbar lebenslang mit dem Polar-Bug infiziert hat!

Carola Krauße-Reim, Oktober 2021
Fotos: © Literatur-Couch / Carola Krauße-Reim

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