Sascha Berst

»Ich empfinde mich nicht als ein Genre-Autor.«

04.2014 Birgit Borloni plauderte mit Sascha Berst über seinen ersten Kriminalroman, die Unterschiede zu historischen Romanen, die Philosophie und das Schreiben an sich.

Krimi-Couch: Herr Berst, Fehlurteil ist Ihr zweiter Roman. Ihr Debüt, Mord im Garten des Sokrates, ist ein historischer Roman. Wieso haben Sie das Genre gewechselt?

Sascha Berst: Ich empfinde mich nicht als ein Genre-Autor, deswegen habe ich mir die Frage bisher gar nicht gestellt. Der historische Hintergrund in meinem Debütroman hat es mir leichter gemacht, die ersten schriftstellerischen Schritte zu gehen. Ort, Zeit und Handlung meines Debütromans sind aber »ganz weit weg«; für meinen zweiten Roman wollte sich sie so nah wie möglich bei mir haben. Ich denke, das war der Grund.

Krimi-Couch: War es leichter einen historischen Roman zu schreiben oder einen Krimi/Thriller?

Sascha Berst: Im ersten Moment war der historische Roman leichter, weil ich den geschichtlichen Ablauf gleichsam als Handlungsstrang im Hintergrund benutzen konnte, in den ich meine Romanhandlung hineinwebe. Das hat mir sehr geholfen.

Krimi-Couch: Im ersten Moment leichter … was war dann im zweiten Moment? War im Endeffekt doch der historische Roman schwieriger?

Sascha Berst: Beide Gattungen haben ihre Schwierigkeiten. Um den historischen Roman zu schreiben, musste ich sehr viel mehr recherchieren. Ich brauchte ja ein Bild des antiken Athen, der damaligen Kleidung, Verhaltensweisen, Werkzeuge et cetera. Das war recht aufwändig. Trotzdem musste ich viel raten und viel erfinden und hatte dabei ein schlechtes Gewissen. Bei meiner Beschreibung Freiburgs und Südbadens in Fehlurteil genügte dagegen ein Blick vor die Haustür.

Krimi-Couch: Als Jurist liegt es nahe, ein juristisches Thema zu wählen. Gab es ein Vorbild für den im Roman geschilderten Fall? Wie viel ist Fiktion und wie viel Tatsache?

Sascha Berst: Nein, ein unmittelbares Vorbild für den Fall gibt es nicht, aber es gibt sehr viele Beispiele dafür, wie sich vermeintliche Freunde, Nachbarn und Geschäftspartner nach 1933 das Eigentum verfolgter Juden aneignen konnten, damit reich wurden und es nach dem Krieg auch blieben. Das ist die Blaupause meiner Geschichte. Real ist die Figur des Regierungsrats Stöckinger, der für die »Arisierung« jüdischen Vermögens in Baden zuständig war und sogar so weit ging, den ausgehandelten Kaufpreis zu Lasten der Verfolgten zu drücken, obwohl hierdurch das Steueraufkommen für den Staat geschmälert wurde. Auch die Liebesgeschichte zwischen Heidegger und Hannah Arendt ist natürlich real …der Rest ist Fiktion.

Krimi-Couch: Es heißt ja oft, dass Autoren entweder zuerst die Idee zu einer Geschichte haben und dann einen Protagonisten suchen oder zuerst einen Protagonisten vor Augen haben und sich dann eine Geschichte zu dem- oder derjenigen überlegen. Wie war das bei Ihnen, wer oder was war zuerst da? Die Geschichte um den Rückübertragungsstreit und den Verdacht der Rechtsbeugung oder Ihre beiden Protagonisten Antonio und Margarethe?

Sascha Berst: Zuerst war die Idee da, einen Justiz-Thriller zu schreiben; dem folgte sofort das Thema der Enteignung jüdischen Vermögens, das sich fast gegen meinen Willen aufdrängte. Margarethe und Antonio folgten später. Ich wollte eine starke Frauenfigur als Protagonistin und einen Erzähler, der der Hauptfigur sehr nahe steht. So sind die beiden entstanden.

Krimi-Couch: Das Thema drängte sich Ihnen gegen Ihren Willen auf?

Sascha Berst: Ja, ein wenig war das so. Justiz-Thriller haben häufig große gesellschaftliche Verwerfungen zum Gegenstand. Wenn ich einen Justizroman schreiben wollte, musste ich mich auch so einem großen Thema stellen. Ich hatte großen Respekt davor, dem literarisch vielleicht nicht gerecht zu werden.

Krimi-Couch: Wie sehen Sie das jetzt? Glauben Sie, dass es Ihnen gelungen ist, dem Thema literarisch gerecht zu werden?

Sascha Berst: Ich habe mich jedenfalls sehr darum bemüht. Ob es mir gelungen ist, müssen andere entscheiden.

Krimi-Couch: Sind Antonio und Margarethe komplett frei erfunden oder gibt es Vorbilder für die beiden? Steckt von Ihnen selber auch etwas in den zwei?

Sascha Berst: Beide sind komplett erfunden, auch sind mir keine Vorbilder für sie bewusst. Und ja, in beiden steckt etwas von mir, aber das gilt auch für die dunklen Figuren des Romans.

Krimi-Couch: Warum ausgerechnet Martin Heidegger? Antonio sagt über ihn in dem Buch: »Lange schon zog er mich an und stieß er mich ab mit seinem Denken, seinen Verstrickungen und seinen Widersprüchen.« Haben Sie ihm da Ihre eigenen Worte in den Mund gelegt? Was interessiert Sie an Martin Heidegger?

Sascha Berst: Ja, das muss ich bekennen. Das sind meine Gedanken und ist meine Beziehung zu ihm. Mich fasziniert der Versuch, die Wahrheit mit Mitteln der Poesie und der Intuition zu ergründen, den ich bei Heidegger auszumachen glaube. Aber dieser Versuch ist sehr gefährlich, dessen bin ich mir bewusst; und die Gefahr hat sich bei ihm auch leider vollständig verwirklicht.

Krimi-Couch: In Fehlurteil tauchen immer wieder Martin Heidegger und Hannah Arendt auf, in Mord im Garten des Sokrates kommen unter anderem Sokrates und Platon vor. Da liegt natürlich die Frage nahe, ob Sie sich auch privat für Philosophie interessieren und warum?

Sascha Berst: Philosophie ist eine Leidenschaft von mir, die mir beinahe so wichtig ist wie die Literatur. Ich bin fasziniert davon, dass sie die fundamentalen Fragen des Lebens stellt: wer wir sind, ob und was wir zu erkennen und zu leisten vermögen, wie man sein Leben führen soll …Ich kann mich kaum dagegen wehren, sobald jemand grundsätzlich wird, bin ich Feuer und Flamme. In Fehlurteil geht es mir aber mehr um diese eigentümliche Liebesbeziehung zwischen den beiden, zwischen einem Antisemiten und einer Jüdin, die zugleich zwei Sterne sind am Himmel des Geistes.

Krimi-Couch: Inwieweit gefährlich? Und wie hat sich das bei Heidegger verwirklicht?

Sascha Berst: Der Versuch, die Wahrheit intuitiv zu erfassen, ist deswegen gefährlich, weil er sich einer Diskussion entzieht. So war Heidegger zum Beispiel der Meinung, es gäbe ein »Wissen«, das man letztlich nicht begründen könne. Das bedeutet aber auch, dass sich der vermeintlich Wissende jedem rationalen Gespräch über seine »Erkenntnis« entzieht. Heideggers Antisemitismus, den er, wie man heute weiß, Zeit seines Lebens vertreten hat, seine Provinzialität und zum Teil wirklich dummen nationalen Vorurteile sind eine unmittelbare Frucht dieser Vorstellung.

Krimi-Couch: Wie haben Ihre Kollegen auf Fehlurteil reagiert, da Sie in dem Buch ja tiefere – und durchaus kritische – Einblicke in die Justiz gewähren? Gab es da Rückmeldungen?

Sascha Berst: Bisher gab es nur wenige Rückmeldungen von Kollegen, aber die waren sehr positiv. Vielen Anwälten in Freiburg gefällt es, dass einer von ihnen schreibt und das Bild, das die Anwaltschaft in der Öffentlichkeit zeichnet, um diese Facette bereichert. Diejenigen, denen es nicht gefällt, haben sich bisher nicht gemeldet. Es wird sie aber schon auch geben.

Krimi-Couch: Wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen? Bereits in der Kinder-/Jugendzeit oder kam der Wunsch erst später?

Sascha Berst: Ich habe bereits als Jugendlicher geschrieben und mich an allem Möglichen versucht: Poesie, Theater, Kurzgeschichte. Das war sehr wichtig für mich.

Krimi-Couch: Was fasziniert Sie am Schreiben?

Sascha Berst: Alles. Das Entwickeln der Geschichte und der Figuren, der Vorgang des Schreibens selbst mit seinen hundertfachen Korrekturen, das Ringen um den richtigen Ausdruck, um eine Pointe, um einen stimmigen Ablauf der Handlung.

Krimi-Couch: Wie viele unveröffentlichte Geschichten/Romane liegen bei Ihnen in der Schublade? Könnten Sie sich vorstellen, diese irgendwann einmal zu veröffentlichen, wenn sich ein Verlag dafür interessieren würde?

Sascha Berst: Jede Menge …aber die meisten sind unvollständig oder sehr anfängerhaft, deswegen würde ich sie auch nicht veröffentlichen wollen.

Krimi-Couch: Wie haben Sie Ihre Verlage gefunden? Arbeiten Sie mit einem Literaturagenten zusammen oder haben Sie sich mit Ihrem Manuskript einfach bei mehreren Verlagen beworben?

Sascha Berst: Beides. Ich habe das Glück, einen italienischen Agenten zu kennen, der mir sehr geholfen und z.B. auch meinen spanischen Verlag Algaida für mich interessiert hat. Meine deutschen Verlage habe ich dagegen ganz klassisch dadurch gefunden, dass ich mein Skripte eingereicht habe. So richtig auf die harte Tour.

Krimi-Couch: War es leichter, den zweiten Roman bei einem Verlag unterzubringen, da Sie ja bereits veröffentlich hatten?

Sascha Berst: Ja, der Einstieg war dadurch deutlich leichter. Außerdem war ich durch das erste Buch schon etwas in der Szene zuhause und konnte besser abschätzen, wer sich für mein Buch interessieren könnte und wer nicht.

Krimi-Couch: Was lesen Sie privat am liebsten?

Sascha Berst: Ich lese privat fast ausschließlich Romane – und ab und zu ein bisschen Philosophie.

Krimi-Couch: Verraten Sie uns, wie Ihr aktuelles Buch, das Sie gerade lesen, heißt?

Sascha Berst: Um ehrlich zu sein, liegt gerade nichts Besonderes auf meinem Nachttisch. Der letzte Autor, der mich sehr begeistert hat, war Murakami. Sein neues Buch schaffe ich mir auch sehr bald an.

Krimi-Couch: Können Sie uns schon etwas über Ihr nächstes Projekt verraten? Wird es eine Fortsetzung mit Margarethe und Antonio geben?

Sascha Berst: Derzeit gebe ich zusammen mit meiner lieben Kollegin Anne Grießer eine Sammlung von Gespenster- und Geistergeschichten heraus. Danach steht ein kleines Theaterstück auf dem Programm. Ich mag kleine Bühnen sehr und wollte mich noch mal an einer Komödie im englischen Stil versuchen. Wenn ich dann wieder genug Kraft getankt habe, geht es an einen neuen Roman. Gut möglich, dass Antonio das Fach wechselt und zum Protagonisten wird. Er ist mir als Figur wirklich sehr wichtig. Aber weil mich ein neues Romanprojekt wieder drei Jahre beschäftigen wird, erlaube ich mir, mich erst mit ein paar kleineren Sachen zu befa

Krimi-Couch: Dann wünschen wir Ihnen für alle diese Projekte viel Glück und Erfolg!

Das Interview führte Birgit Borloni im April 2014.

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