Noch fünf Tage

  • Suhrkamp
  • Erschienen: April 2026
  • 3
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Thomas Gisbertz
80°1001

Krimi-Couch Rezension vonApr 2026

Kein reißerischer Thriller, aber ein Roman mit viel Tiefgang.

Es ist der 1. Januar, 4.38 Uhr, als Liselotte „Lis“ Castrop in einem Rettungswagen zu Bewusstsein gelangt. Was sie von den Sanitätern unbemerkt zu hören bekommt, raubt ihr beinahe den Atem: Ihr bleiben angeblich nur noch fünf Tage, bis sie sterben wird. Doch was ist geschehen? Im Krankenhaus erfährt die fünfundvierzigjährige ehemalige Gourmetköchin, dass sie mit Polonium-210 vergiftet wurde, das man in den Speisen des von ihr zubereiteten Silvesterdinners fand. Der bekannte Unternehmer und Milliardär John Harman, für den Lis seit einigen Jahren arbeitet, überlebte ebenso wie seine Frau und die beiden Kinder den perfiden Giftanschlag nicht. Ist die Köchin nur der Kollateralschaden eines mörderischen Plans? Fest steht, dass Lis die einzige Zeugin ist – und gleichzeitig ein weiteres Opfer eines rätselhaften Verbrechens. Die Köchin scheint eine kleinere Dosis Gift erwischt zu haben, dennoch bleiben ihr nur noch wenige Tage, bis auch sie sterben wird. Lis` einziger Gedanke ist nun, ihre zwölfjährige Tochter Cosima zu schützen. Doch dazu muss sie den Mordfall von ihrem Krankenhausbett in einer Davoser Klinik aus lösen. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von der Palliativschwester Esme. Doch was war das Ziel des Täters? Und wer steckt hinter der schrecklichen Tat?

Unbekannte Autorin

Helena Falke ist das Pseudonym einer mehrfach ausgezeichneten deutschsprachigen Autorin. Mehr verrät der Suhrkamp Verlag nicht. Auf der Verlagsseite heißt es lediglich, dass die Autorin Literatur studiert habe und danach in der Medienbranche tätig gewesen sei. Mit ihrer Familie lebe sie in der Nähe des Dreiländerecks, an dem Frankreich, Deutschland und die Schweiz zusammentreffen. „Noch fünf Tage“ ist ein klassischer Locked-Room-Thriller mit feiner Gesellschaftskritik, einer wunderbaren Erzählweise und einer ungewöhnlich verletzlichen Protagonistin. 

Lis und die Harmans

Sieben Jahre lang arbeitete Lis Castrop für die Familie Harman, nachdem sie in einem Londoner Gourmettempel als Spitzenköchin tätig gewesen war. Nun sind alle tot. Schnell steht für Lis fest, dass es der Täter nur auf ein konkretes Opfer abgesehen haben kann: „Der Rest der Harmans ist ebenso Beifang wie ich.“ 

Die Fünfundvierzigjährige war nicht nur Köchin der Familie, sondern auch Vertraute, Ratgeberin, Freundin. Sie kennt jeden Einzelnen von ihnen bestens. Ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen. Die Mördersuche muss für Lis genau hier beginnen: bei den Opfern. Es ist das Letzte, was sie in ihrem Leben machen wird. Ihr Gegner ist nicht nur der Mörder, sondern auch die Zeit, die schon bald ihrem Leben ein Ende setzen wird. Doch Lis versucht alles, um ihrer Tochter Cosima eine Zukunft zu schenken – auch wenn sie sich dafür in moralischen Grauzonen bewegen muss. Lis ist keine klassische Ermittlerin, sondern eine sterbenskranke Frau, die aus Mutterliebe, Wut und Ohnmacht heraus agiert. Je mehr sie mit Esme den Spuren folgt, desto mehr wird die Suche nach dem Täter auch zu einem Rückblick auf ihr Leben.

Mehr als eine Krimigeschichte

Die Idee, dass ein Opfer, dem nur noch wenig Zeit zu leben bleibt, seinen Mörder sucht, ist nicht neu. Zuletzt versuchte sich die junge britische Autorin Holly Jackson in ihrem Thriller „Not Quite Dead Yet“ an diesem Konzept – und scheiterte grandios daran. Falkes Roman ist zum Glück weit davon entfernt, eine banale Kriminalgeschichte zu sein, bei der es lediglich um Effekthascherei geht. Auch wenn es selbstverständlich ebenfalls um die Suche nach dem Täter geht, steht mehr noch die Protagonistin und ihr Schicksal im Mittelpunkt des Thrillers. Der Roman besitzt Tiefgang, berührt und stellt auch existentielle Fragen: Was zählt, wenn man nur noch wenige Tage zu leben hat? 

Neben der unbedingten Unterstützung für ihre Tochter muss sich Lis auch mit dem eigenen Sterbeprozess auseinandersetzen. Warum muss sie jetzt sterben? Warum muss der Mensch überhaupt sterben? An diese Fragen schließen sich wunderbare Gespräche, ja Diskussionen darüber an, was der Tod, aber ebenso das Leben bedeutet. Vieles wird im Roman angerissen, verfängt sich in Gedanken, bleibt schemenhaft. Ähnlich wie der Protagonistin immer wieder die Kraft fehlt, so kreist auch der Roman und variiert das Tempo.

Dann gibt es wieder lichte Momente, Phasen der Klarheit, der Wachheit und des bedingungslosen Willens. Stets gibt dabei der Erzählstil in ausdrucksstarker Weise den Zustand der Protagonistin wieder, während sie ihre Beziehung zu den Opfern und ihren Wegbegleitern retrospektiv nach möglichen Hinweisen durchleuchtet. Besonders die Innenperspektive der fragilen, aber entschlossenen Lis prägt den Roman. Letztendlich will Lis aber auch den Täter, der ihr und den Harmans alles angetan hat, zur Rechenschaft ziehen. Mehr noch: Sie will ihn töten. Doch das fällt ihr mit zunehmender oder besser gesagt mit verrinnender Zeit immer schwerer. 

„Noch bist du da“, macht Esme ihr immer wieder Mut. Und so lange will Lis für ihre Ziele kämpfen. Ob sie diese noch erreichen kann? So oder so gehen die letzten Seiten unter die Haut, sind unendlich traurig, aber auch unendlich tröstlich. Nicht zuletzt überzeugt der Thriller mit einer starken Auflösung, die es wirklich in sich hat.

Fazit

„Noch fünf Tage“ ist kein temporeicher Thriller, bei dem das Opfer gnadenlos Jagd auf den Täter macht. Es ist ein Roman, der neben dem Kriminalfall die Geschichte einer Mutter erzählt, die ein letztes Mal für ihre Tochter kämpft und weiß, dass sie sterben wird. Eine Geschichte über Leben und Tod und das, was wirklich zählt. Der eigentliche Kriminalfall dient in bester Tradition eines Friedrich Dürrenmatts dazu, Fragen nach Schuld, Zufall, Gerechtigkeit, Moral und Wahrheit zu untersuchen. Und das gelingt Helena Falk bestens.

Noch fünf Tage

Helena Falke, Suhrkamp

Noch fünf Tage

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